Rom

Petersplatz 5-2

urban facts

Piazza Navonna 5-2

Geschichte Roms

Rom Kolleseum 5-2
Die antike Stadt Rom
previous arrow
next arrow

urban facts Rom | Geschichte Roms | Die antike Stadt Rom

Jede Stadt ist etwas Besonderes, in jeder Stadt gibt es etwas zu entdecken, zu erkunden, zu beobachten usw. Es ist insofern blödsinnig zu schreiben, dass diese oder jene Stadt einzigartig sind und doch kann man sich in Rom des Eindrucks nicht erwehren, dass es so eine Stadt nicht mal ansatzweise irgendwo anders gibt.

Rom ist die Hauptstadt Italiens, gleichzeitig beherbergt sie jedoch auch die winzig kleine Vatikanstadt, die ein eigener Staat für sich ist, der kleinste der Welt übrigens, mit Dimensionen von 0,4 km² und rund 1.000 Einwohnern, auf die selbst kleinere Dörfer nicht unbedingt neidisch sein dürften. Augenscheinlich ist der Vatikan, der in seiner heutigen Form erst 1929 aus den Lateransverträgen zwischen Mussolini und dem Papst entstand, kein Staat dessen ökonomische oder militärische Macht eine Wirkmächtigkeit hätte (auch wenn die Schweizer Garde, eine sehr hübsch anzusehende Schutztruppe von immerhin drei Geschwadern ist). Im Vatikan sitzt der heilige Stuhl, die Leitung der katholischen Kirche, die weltweit über 1,2 Milliarden Mitglieder hat, an deren Spitze der Papst steht, der in Form einer Wahlmonarchie an die Macht gelangt. Der Heilige Stuhl ist ein Völkerrechtssubjekt, das mit anderen Staaten Beziehungen aufrecht erhält, die sich jedoch fast ausschließlich auf den geistigen und moralischen Anspruch beziehen.
Der Rest von Rom ist die Hauptstadt Italiens, gleichzeitig größte Stadt des Landes und im Nord-Süd Diskurs des italienischen Staates immer mal wieder das Sorgenkind-Image bekommt, da hier zwar die Regierung sitzt und das Geld verteilt wird, aber eben nicht verdient wird (was mutmaßlich im Norden des Landes passiert). Doch nur wenig von Roms Ruhm in der Welt, von seinem Weltstädtischen, von seiner Wiege der Stadt an sich, hat mit seiner Hauptstadtfunktion zu tun. Rom ist eine Weltstadt, weil sie in ihrer Geschichte scheinbar alles schon mitgenommen hat. In der Antike war sie der Nabel der Welt (zumindest der römischen Welt und diese Welt war ein Weltreich, was es in diesen Dimensionen, sowohl zeitlicher als auch geographischer Natur, so in der Geschichte der Welt kaum nochmals zu finden gab). Nach der Antike wurde daraus ein ziemlich verlassenes Nest und eine erweiterte Baugrube, aus der Wiederum das Zentrum der vielleicht wirkmächtigsten religiösen Gemeinschaft der letzten Jahrhunderte wurde. Auch wenn Rom als Stadt nie wieder wirtschaftlich und politisch so bedeutend wurde, wie in der Antike, so erreichte die Stadt künstlerisch und spirituell, ein Ort von größtmöglicher Ausstrahlungskraft zu sein. Architektonisch gesellten sich zu den Ruinen der Vorväter bald die teilweise gigantischen Projekte des Barocks. Und auch wenn das nicht für Händler und Politiker zu traf, für Künstler und Katholiken wurde Rom der „place-to-be“ und nicht ohne Grund führ(t)en alle Wege genau hierhin.

Neben den obligatorischen Fakten zur Stadt und einer etwas ausführlicheren Geschichte zur Stadt wird ein besonderer Fokus auf das antike Rom gelegt werden, denn wenn man heute durch die Stadt und seine altertümlichen Ruinen wandelt, dann feuert das geradezu die Vorstellungswelt an, wie es in der ersten Millionenstadt des Planeten wohl ausgesehen haben mag.

Alcoi

59.106 Einwohner | 130 km² | Hauptstadt der Comarca L‘Alcoiá | Höhe: 561m üNN | Name der Stadt auf Spanisch (zumeist so auch auf Deutsch): Alcoy; Name der Stadt auf Valencianisch und offizielle Bezeichnung: Alcoi | Bezeichnung für die Einwohner der Stadt: Alcoiá/ana (auf spanisch: alcoyano/a)

Verlässt man das flache valenzianische Schwemmland des Turia und des Jucar in Richtung Süden gelangt man schnell in ein Bergland, dass weitaus bevölkerter ist, als viele andere bergige Regionen Spaniens. Hier findet sich das kleine Industriestädtchen Alcoi (auf spanisch: Alcoy), dass so etwas wie das Zentrum der bergigen Region auf der Linie València – Xativa – Ontinxent – Alcoi – Alacant ist. Die Stadt mit ihren rund 60.000 Einwohnern liegt oberhalb einer Landschaft von steil abfallenden Seitentälern der Serpis Flusses, der von hier nach Gandia verläuft.
Bekannt ist Alcoi heute weniger für seine für spanische Verhältnisse äußerst zeitigen Industrialisierung, sondern für das Volksfest „Moros i Christians“. Drei Tage lang, immer um den St. Georgstag wird hier, in gewisserweise der Reconquista gedacht, wobei das Fest religiöse und besonders militärische Züge verdrängt hat und aus wundervollen Paraden der Mitglieder einzelner städtischer Gruppen bestehen. Heute finden sich in vielen Orten im Land Valencia diese Paraden, ihren Ursprung und Höhepunkt haben sie aber in Alcoi. Weiterhin ist die Stadt recht stolz auf zahlreiche Bauwerke des spanischen Jugendstils, des Modernisme, wie er am bekanntesten in Barcelona zu finden ist. Jedoch ist in der gesamten Levante, immer wieder diese sehr schöne Form des Jugendstils zu finden.

In Alcoi bemerkt man schnell in einer alten Industriestadt zu sein. Schon im 15. Jahrhundert nutzten die Bewohner der Umgebung die steilen Hänge und die daraus resultierende Wasserkraft für mechanische Unterstützung von gewerblichen Tätigkeiten. Der Prozess der Industrialisierung setzte dann aber erst im späten 18. Jahrhundert langsam ein, in dem in den Tälern des Barxell und Riquer erste Papiermühlen angetrieben wurden und Wollfärberein weiter im Tal entstanden, wo die Flüsschen in den Molinar mündeten, der wiederum in den Serpis fließt. So entwickelte sich in der Stadt eine leistungsstarke Textilindustrie, gleichfalls ebenso eine Papierherstellung und metallurgische Fertigungen. Die zunehmend benötigte Energie konnte man aus in der Nähe liegenden Kohlenflözen gewinnen. Die Stadt wurde dadurch zu einem ersten industriellen Zentrum der gesamten Region, was nicht nur zu einem Ausbau des mittelalterlichen Stadtkerns führte, sondern gleichfalls zu zahlreichen Brückenschlägen mit anderen Hügeln der Tallage, die der Stadt neuen Platz zum wachsen gaben. Dadurch hat sich Alcoi auch zu einer Stadt durchaus beachtenswerter Brückenarchitektur entwickelt.
Ein weiterer Effekt der Industrialisierung Alcois ist der hiesige Aufstieg einer gut situierten oberen Mittelschicht, die wiederum Trägerschicht für die architektonische Ausgestaltung einiger Häuser im Stil des Modernisme sind. Diese Richtung beschränkte sich nicht nur auf die äußere Gestaltung von Häusern, sondern zeigte sich gleichfalls in der Inneneinrichtung. Noch heute ist dies wundervoll zu besichtigen im Circulo Industrial (allein der Name dieser Kultureinrichtung zeigt die wundervolle Orientierung der Stadt zur Industrie, denn gemeinhin werden diese Institutionen lieber den schönen Künsten gewidmet, wie zum Beispiel in Madrid der Circulo de Bellas Artes). Der Modernisme ist eine vorgänglich an der spanischen Ostküste (Katalonien und València) geprägte Kunstrichtung, die zwar viel mit dem deutschen Jugendstil, dem Art Noveau Belgiens und Frankreichs oder dem Arts and Crafts in Schottland gemeinsam hat, aber eben doch eine eigene Formensprache entwickelte. In Alcoi sind dafür zwei Architekten hauptverantwortlich, welche die überwältigende Mehrzahl der hiesigen Modernisme Bauwerke (sie bauten in der Stadt über 60 Gebäude!) gestalteten. Die ist zum einen Vicente Pascual Pastor, dessen Bauwerke etwas mehr an die belgische Art Nouveau Tradition erinnert, während Timoteo Briet Montaud etwas mehr an der Wiener Secession orientiert war. Obwohl man in Alcoi keine großen Einzelwerke, wie die Sagrada Familia (Barcelona) erwarten darf, finden sich schöne Einzelgebäude mit ihren typisch geschwungenen Balkonen und omegaförmigen Fenstersimsen, als auch die eindrückliche Innenausgestaltung, wie sie am besten im schon erwähnten Circulo Industrial zu finden ist, wo die Bibliothek und der Salon mit seiner Rotunde bestechen.
Wie viele ehemalige Industriestädte befindet sich Alcoi in einer Transition. Seit 1970 nimmt die Bevölkerung in der Stadt leicht ab und hat sich in den letzten Jahren auf knapp unter 60.000 Einwohner stabilisiert. Beeindruckend ist das man in Alcoi seine industrielle Vergangenheit nicht einfach wegwischen oder verschwinden lassen möchte, sondern diese aktiv dem Besucher anbietet. Mir ist keine andere Stadt bekannt, die einen extra Aussichtspunkt anbietet, um auf ein Tal mit heute größtenteil ruinösen Fabrikhallen zu schauen. Diese Hallen haben die Stadt geprägt und sollen heute betrachtet werden, auch wenn sie ein eher betrübliches Bild abgeben. So ist Alcoi keine wirklich schöne Stadt, in einer aber sehr reizvollen Berglandschaft, aber Alcoi weiß um seine Traditionen und um seine Stärken und das macht die Stadt sehr sehenswert.

Biarritz

Name auf baskisch: Miarritze | Einwohner: 24.457 | 11,6 km² | liegt im Département Pyrénées-Atlantiques | 55km NO von Donostia- San Sebastian, 180km SW von Bordeaux

Es gibt Orte auf unserem Planeten die haben sich im Laufe ihrer Geschichte einen Namen aufgebaut, der immer schon einen Inhalt, oder eine Idee mitschwingen lässt. Auch bei Biarritz ist das so, lässt einen die Fantasie doch an ein nobles Seebad denken, an dem sich die Reichen, Adligen und Schönen kurz, der internationale Jetset trifft.
Ganz im Südwesten Frankreichs gelegen, gehört Biarritz schon zum Baskenland, obwohl es eigentlich keine Verwaltungseinheit in der Grande Nation dafür gibt. Wirklich regional ist in Biarritz auch nichts, viel mehr hat man sich hier dem internationalen Tourismus verschrieben. Einzig die Gründungslegende erinnert heute noch etwas an das Baskische. Vor langer Zeit sollen an jener Küste Basken gelebt haben, welche mit dem Fischfang ihren Lebensunterhalt verdienten. Eine ihrer Töchter hieß Miarritze und hatte eine göttliche Eingebung, dass ein goldener Vogel Reichtum in den Ort bringen würde. Tatsächlich fand man wenige Zeit später einen Eisvogel am Strand und war ermutigt größere Schiffe zu bauen, um auf Walfang zu gehen. Eines Tages sollten dann Seefahrer aus einem anderen Teil der Gascogne in den Ort stoßen. Sie nannten sich die Biarrins und als Miarritze den Anführer der Biarrins ehelichte, wurde der Ort schließlich Biarritz genannt.
Tatsächlich lebten viele Menschen der Gegend vom Walfang, denn aus den riesigen Tieren konnte man allerhand nützliche Dinge gewinnen. Im 17. Jahrhundert waren die Wale in der Biskaya dann aber ausgerottet und der Walfang war damit ebenfalls ausgestorben und Biarritz wurde zu einem unbedeutenden Fischerort. Doch 1854 sollte sich das ändern, denn Kaiserin Eugénie de Montijo, die Frau von Napoleon III., sollte für zwei Monate nach Biarritz reisen. In den nächsten Jahren folgten weitere Besuche, woraufhin eine Residenz für sie und ihren Mann erbaut wurde, das heutige Hotel du Palais. Schnell sprach sich in den Adelshäusern die Sommerresidenz des französischen Paares herum und auch andere Adelsgeschlechter ließen sich in Biarritz blicken, wie beispielsweise auch Elisabeth von Österreich, bekannter als Sissi. Die Stadt entwickelte sich zur Sommerresidenz der Blaublütigen und Wohlhabenden und um 1900 sollen schon rund 10.000 Sommergäste gezählt worden sein. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts konnte sich Biarritz als Urlaubsort des Adels behaupten, danach endete ab den 1960er das mondäne Zeitalter der Stadt. Doch als Henry King 1957 hier „The Sun also Rises“ drehen ließ, eine Kinoversion von Hemingways Roman „Fiesta“, wurde erstmals in Biarritz gesurft, was sich schnell großer Popularität und Nachahmerschaft erfreuen sollte. Der Wellengang der Biskaya begünstige das Wellenreiten und Biarritz wurde zu einem der Surfspots in Europa.

Heute bietet die Stadt so etwas wie das touristische Komplettprogramm. Noch immer kann man in noblen Boutiquen Luxusartikel kaufen, während man für Kongresstouristen gleichfalls eine Basis anbietet, wie für die nicht unerhebliche Menge an jungen Urlaubern, welche in den zahlreichen Bars, Shops und Restaurants der Innenstadt zu finden sind. Biarritz hat dabei nicht die Hochhäuser spanischer Badeorte (wenngleich es einige höhere Bauwerke gibt, die man sonst an der Südwestküste Frankreichs nicht findet), trotzdem ist der Massentourismus auch hier deutlich zu bemerken, was Biarritz wohl vom ruhigeren Saint Jean de Luz unterscheidet.     

Die demographische Größe der Stadt

Der Blick auf die Stadt kann ganz unterschiedliche Perspektiven annehmen. Wie alt ist die Stadt? Welche kulturelle oder administrative Bedeutung hat sie? Wie ist sie geformt? Wie lebt man in ihr? Ein sehr einfaches und für gewöhnlich recht häufig gebrachtes Mittel zur Einordnung von Städten ist, sie nach ihrer Größe zu ordnen. Man zähle die Einwohner zusammen und fertig!

Es ist aber gar nicht mal so einfach festzustellen, wie groß Städte konkret sind, denn Städte sind heute keine ummauerten Einheiten mehr, wie im Mittelalter und selbst in jener Zeit gab es durchaus Gebäude vor diesen Mauern, die nur deshalb gebaut wurden, weil es hinter den Mauern urbanes Leben gab, dass die Menschen anzog dort zu siedeln. Für die Angabe wie groß eine Stadt ist, daher wie viele Menschen sie bewohnt ist die Frage relevant bis wohin sich eine Stadt zieht. Die Grenzen der Stadt, sind nicht unbedingt die irgendwann mal festgelegten administrativen Stadtgrenzen (die sich durch Eingemeindungen etc. historisch schnell ändern können), denn diese sagen nicht immer wirklich viel über die tatsächliche Stadtgröße aus. Ein schönes Beispiel dafür ist Brüssel, die Hauptstadt Belgiens. Die Stadt Brüssel hat lediglich 176.000 Einwohner auf 32,6 km² (das sind ungefähr so viele Einwohner wie das nordrhein-westfälische Hamm hat). Sie ist aber nur Teil von 19 (Stadt-)Gemeinden, die zusammen die Region Brüssel-Hauptstadt ausmachen und 1,2 Mio. Einwohner haben, die sich auf 161 km² verteilen. Bei dieser Angabe wird die Größe der Stadt schon deutlicher. Ein Extrembeispiel wenig hilfreicher Stadtgrenzen stellt die chinesische Stadt Chongqing dar. Sie ist eine regierungsunmittelbare Stadt mit einer Verwaltungseinheit der Größe von 82.408 km², was in etwa die Größe Österreichs darstellt! Hier wohnen 28,8 Mio. Menschen, jedoch zumeist in ländlichen Siedlungen, denn die Einwohnerdichte des Gebietes liegt niedriger als die der Niederlande.
Ein Blick auf den Ballungsraum der Stadt ist vielmals viel zielführender um bestimmen zu können wie groß eine Stadt ist, im Fall von Chongqing ist er mit etwa 8 Mio. Einwohnern angegeben. Wie in den beiden Beispielen gezeigt, sagen die Stadtgrenzen nicht immer viel über die Größe der Stadt aus, wobei der Fall Chongqing eine Ausnahme darstellt, da hier die administrativen Grenzen viel zu weit gezogen sind um die Größe der Stadt zu ermitteln. Der Normalfall ist andersherum1.
Städte, als urbane Verdichtungen hören daher nicht immer an ihren Stadtgrenzen auf, sondern beinhalten auch Vororte und urbane Randlagen, die dann als Ballungsgebiet oder Agglomeration bezeichnet werden. Damit ist ein Verdichtungsraum gemeint, der wechselseitig verflochtene Gemeinden mit einer höheren Konzentration von Siedlungsflächenanteil und Siedlungsdichte. Im Regelfall gruppieren sich die Agglomerationen um eine Kernstadt und werden dann als monozentrische Agglomerationen bezeichnet (bspw. Ballungsräume wie Stuttgart, München, Berlin…). Sind mehrere Oberzentren vorhanden und lässt sich keine zentraler Hauptkernstadt ausmachen, so kann von einer polyzentrischen Agglomeration gesprochen werden (bspw. das Ruhrgebiet.2 Die Grenzen noch weiter ausweitend ist die Metropolregion, deren Fläche sich dann noch weit über das Ballungsgebiet hinaus ausdehnt. So umfasst die Metropolregion Berlin / Brandenburg eine Fläche von 30.546 km², und damit rund ein Drittel der Fläche ganz Ostdeutschlands. Diese Bestimmung scheint dann aber wieder zu weit gegriffen, da sie bis weit in unbesiedelte Randbereiche hinausreichen und nicht mehr viel, bis gar nichts mit der Kernstadt zu tun haben. Metropolregionen sagen so, fast gar nichts mehr über die Stadt und ihre Größe aus.
Ungünstigerweise kann man zusammenfassen: die Größe der Stadt ist ein etwas schwammiges Kriterium, denn selbst wenn man sich darauf einigt, dass diese immer innerhalb des Ballungsraumes befindet, bleibt die Frage, was diesen ausmacht und wie groß er letztendlich ist. Dabei muss gleichzeitig festgehalten werden das bei dieser Betrachtung Stadt nicht gleich Stadt ist. Denn Städte, die ein Ballungsgebiet über ihre eigenen Stadtgrenzen hinaus ausgebildet haben, können andere Städte innerhalb dieses Raumes quasi „vereinnahmen“, wobei dies ein irreführender Begriff ist. Das Wachstum einiger Städte breitet sich auf andere Städte aus und macht aus diesen Vorstädte (die tatsächlich auch ein Stadtrecht haben), die in einem engen funktionalen Zusammenhang mit ihrem „Oberzentrum“ stehen. Man denke hier an Beispiele wie Potsdam, das auch als Vorstadt von Berlin angesehen werden kann, oder an Alcalá de Henares als Vorstadt von Madrid.3
Historisch bildet sich die Situation der Ballungsgebiete mit der Phase der Industrialisierung heraus. Seit der industriellen Revolution wirken Städte wie große Magnete und ihre Einwohnerzahlen steigen – zumindest anfangs- dramatisch. Die Bevölkerung der Erde fängt an sich stark zu vermehren und erstmals in der Historie des Planeten wächst sie am dynamischsten in Städten. Obwohl die Weltgeschichte schon in der Antike große Städte kannte (man denke an Rom) ist es erst das 19. Jahrhundert das vermehrt Millionenstädte hervorbrachte (um 1900 waren es ungefähr 20, 100 Jahre früher gab es mit London nur eine). Im 20. Jahrhundert bilden sich daraus Megastädte, also urbane Verdichtungen von mehr als 5 Millionen Einwohnern, wovon es momentan schon über 50 auf der Erde gibt. Diese Megacities wachsen weit über ihre historische Innenstadt hinaus und bilden Vorstädte aus, die wenn sie allein betrachtet werden, teilweise selbst Millionenstädte sein können. Incheon beispielsweise hat 2,8 Millionen Einwohner und ist statistisch die 3.größte Stadt Südkoreas, liegt aber nur 30km von Seoul entfernt und kann als Trabantenstadt des nochmals ungleich größeren Seouls verstanden werden.

Eine Einordnung eines solchen Ballungsraums findet sich bei Dirk Bronger, der wiederum auf ein Modell von Olaf Boustedt zurück geht und als Stadtregion-Modell bezeichnet wird. Im Mittelpunkt (nicht unbedingt geografisch) liegt die Kernstadt (core city). Bis in die Gegenwart ist sie das funktionale Herz. Hier finden sich nicht nur zahlreiche kulturelle Einrichtungen und administrative Institutionen, sondern auch die Zentralen größerer Unternehmen. Statistisch sind die core citys zumeist mit den administrativen Stadtgrenzen gleichzusetzen, wobei es sich dann um „underboundes cities“ (siehe Anmerkung 1) handeln muss. Historisch gesehen wurden die Grenzen dieser Kernstädte gesprengt, einen Prozess den man Suburbanisierung nennt und der stark vereinfacht heißt, das Menschen aus der Innenstadt hinaus in nah angrenzende Gebiete gezogen sind. Daher schließt sich als nächstes das Ergänzungsgebiet an, dessen Siedlungscharakter sich in struktureller und funktionaler Hinsicht der Kernstadt ähnelt. Sowohl die Kernstadt als auch das Ergänzungsgebiet bilden zusammen das Kerngebiet der Agglomeration der Stadt. Dahinter folgt die verstädterte Zone, die schon eine deutlich aufgelockerte Siedlungsstruktur erkennen lässt, wobei die Bevölkerung hier immer noch insbesondere gewerblich stark vom Kerngebiet beeinflusst ist. Täglich fahren von hier aus die Pendler in die Kernstadt.Dieser Prozess der Suburbanisierung ist historisch nicht allzu alt und setzte als erstes in London um 1900 ein. Verstädterte Zone, Ergänzungsgebiet und Kernstadt bilden zusammen die metropolitane Agglomeration, an deren Ende die Randzone beginnt, in welcher immer noch Pendler leben können, die aber schon eine ländliche Besiedlungsstruktur hat, mit einer sehr geringen Einwohnerdichte insbesondere im Vergleich zur Kernstadt. Bei der historischen Einordnung des beschriebenen Prozess der Ausbreitung der Stadt, spricht Bronger von historischer, interner und externer Suburbaniserung, je nachdem wann und wohin sich das urbane Stadtgebiet ausgeweitet hat.

Urbane Zone

Zusammenfassende Zone

Prozess

Kernstadt

   

Ergänzungsgebiet

Kerngebiet

Historische Suburbanisierung

Verstädterte Zone

Metropolitane Agglomeration

Interne Suburbanisierung

Randzone

Metropolregion

Externe Suburbansierung

Diese Abgrenzung gilt natürlich nur für Großstädte, die Ballungsräume entwickelt haben und machen für Kleinstädte in der Regel keinen Sinn. Gleichzeitig sind auch hier die Grenzen von Stadt zu Stadt, gerade im weltweiten Vergleich immer wieder problematisch zu ziehen. Wo beginnt die verstädterte Zone und wo endet das Ergänzungsgebiet? Wo auch immer man daher eine Stadtgröße definiert, sollte angegeben werden, welche Bezugsfläche man annimmt. Das soll am Beispiel Stuttgart gezeigt werden:
Die Stadt Stuttgart hat 628.032 Einwohner auf einer Fläche von 207km² und ist so die sechstgrößte Stadt Deutschlands. Damit ist das rein administrative Stadtgebiet gemeint. Verlässt man diese relativ klar zu ziehende Grenze wird die genaue Einwohnerzahl undeutlich. Die offiziell nächst größere Einheit wäre die Region Stuttgart, einer Planungsregion welche den Stadtkreis und die fünf umliegenden Landkreise beinhaltet. Dabei handelt es sich um einen regionalen Zusammenschluss der sechs Verwaltungseinheiten, die gemeinsam die Aufgaben der regionalen Raumplanung, Verkehrsplanung und Wirtschaftsförderung übernehmen. Jedoch verliert dieser immerhin 3.653 km² große Bereich erheblich an urbanen Charakter, da er insbesondere in den fünf Landkreisen sehr in den ländlichen Bereich ausfranzt. So hat die kleine Gemeinde Kaiserbach im Osten des Rems-Murr-Kreises nur noch 2.500 Einwohner die sich mit einer Dichte von 89 Einwohner auf den km² verteilen, was in etwa der Bevölkerungsdichte des Landes Brandenburg entspricht. Noch größer ist der Rahmen der Metropolregion Stuttgart, die sich auf über 15.000 km² ausdehnt und rund 5,3 Mio. Einwohner hat. Bei einer Bevölkerungsdichte von 342 Einwohner ist die Metropolregion eher eine theoretische Größe, die für die (wirtschaftliche) Leistungsstärke der Region vielleicht Auskunft geben kann, für die Beschreibung Stuttgarts sicherlich weitaus weniger.
Eine andere Annäherung schlägt die wunderbare Internetseite citypopulation von Thomas Brinkhoff vor. Sie berechnet für Stuttgart lediglich die besiedelten Räume, also nur jene Gebiete die tatsächlich bebaut sind und kommt so für das urbane Gebiet Stuttgart (u. a. mit den Vorstädten Esslingen und Ludwigsburg) auf die Bevölkerungszahl von 1,35 Mio. Dies würde bei Bronger wohl am besten zur Definition des Kerngebietes passen. Nimmt man den Bereich der urbanen Agglomeration, bei Bronger die verstädterte Region, dazu, kommt man auf über 2 Millionen Einwohner. In der folgenden Tabelle werden die Daten zusammen gefasst:

Einheit

Einwohner

Fläche

Einwohner / km²

Stadtkreis Stuttgart

628.032

207 km²

3.029

Region Stuttgart

2.735.425

3.653 km²

749

Metropolregion Stuttgart

5.300.000

15.400 km²

342

Urbanes Gebiet Stuttgart

1.353.500

292 km²

4.633

Urbane Agglomeration Stuttgart

2.333.000

621 km²

3.759

Auffällig ist, dass bei den Berechnungen von citypopulation.de die Einwohnerdichte für die erweiterten Gebiete höher sind als für das reine Stadtgebiet bzw. die Kernstadt. Wer daraus ableitet das in den Vororten eine dichtere Besiedlung herrscht, als in der Kernstadt liegt damit aber nicht (automatisch) richtig. Vielmehr wurden – wie bereits erwähnt nur tatsächlich besiedelte Gebiete in die Berechnung einbezogen. Damit fallen aber die zahlreichen Grünanlagen, größere Parks und Stadtwälder aus den Berechnungen heraus (am Beispiel Dresden wäre dies die immerhin 50 km² große Dresdner Heide oder aber auch der sehr zentral gelegene Große Garten). Dies ist durchaus diskutabel, den größere Parks sind teilweise elementare Bestandteile der Stadt und Orte urbanen Lebens und insofern weit mehr als die „grüne Wiese“. Trotzdem ist mit den letztgenannten Berechnungen am besten angegeben wie die Größe einer Stadt berechnet werden kann, weshalb auch auf tommr.net darauf zurückgegriffen werden soll.

Mehr zum Thema bei:

Dirk Bronger (2016): „Metropolen, Megastädte, Global Cities. Die Metropolisierung der Erde“
Diese Buch gibt einen sehr guten Überblick über das Feld Megastädte und Global Cities und erörtert Fragen angefangen von er Größe der Städte bis hin zu ihrer funktionalen Verflechtung in das staatliche, als auch globale Umfeld. Zahlreiche Statistiken zeigen sehr interessante Fakten auf. Einzig die schreckliche Fehlerhaftigkeit ist sehr störend, (in vielen Tabellen finden sich beispielsweise Tippfehler, gegen Ende des Buches wird das immer schlimmer)

citypopulation.de bietet einen beeindruckenden Blick auf Städte und ihre demographische Größe weltweit.

 

Fußnoten:

1 Schon in den 1950er Jahren hat der Geograph Kingsley David modellhaft drei Typen von Stadtgrenzen und Bevölkerungsstand genannt.
Eine „overbounded city“ ist eine Stadt dessen Grenzen weiter als das städtische Gebiet reichen, als Beispiel würde hier Chongqing gelten. Eine „underbounded city“ ist im Gegenteil eine viel zu eng begrenzte Stadt, deren urbanes Gebiet über die Stadtgrenzen hinausreichen. Dies trifft für einen Großteil insbesondere von Großstädten zu. Ein Idealfall wäre die „truebounded city“, wo die Grenzen der Stadt und des urbanen Raumes gleich sind. Ein annäherndes Beispiel dafür ist das spanische Zaragoza.

2 Polyzentrische Agglomerationen können jedoch ein Wahrnehmungsproblem haben, in der Form das sich niemand als Teil dieser Agglomeration ansieht. Hier wäre zu fragen, ob es überhaupt eine gemeinsame Wahrnehmung als städtisches Gebiet gibt. Im Ruhrgebiet ist dies sicherlich vorhanden.

3 Sowohl Postdam, als auch Alcalá de Henares haben aber eine eigene Geschichte, die unabhängig vom Ballungsgebietsstadt ist, in welcher sie sich jetzt befinden. Im Fall von Alcalá ist diese Geschichte um viele Jahrhunderte älter!

Der Platz

Einführung | Der öffentliche Raum | Die Lage des öffentlichen Raumes | Die Größe des Platzes | Die Klassifikation von Plätzen | Der öffentliche Raum heute – zwischen Designerplätzen, Verkehrsinseln und Malls

Einführung

Eines der wichtigsten Elemente in Siedlungen und Städten sind Plätze, also Orte an dem Bauwerke Raum für das öffentliche Leben geben, wo sich Menschen unter freien Himmel treffen und interagieren können. Es sind Plätze, die so etwas wie den bürgerlichen Mittelpunkt einer Stadt ausmachen, den Brennpunkt des Lebens, den Schauplatz des Sozialen. Gern bezeichnet man auch den Platz, als gute Stuben der Stadt. Sie werden von vielen Städten als repräsentative Orte dargestellt, der ein (gelungenes) Abbild oder besser Schaubild der Stadt darstellt, so wie der Theaterplatz in Dresden, der Französische Platz in Berlin oder der Plaza Major in Madrid. Doch Plätze müssen bei weitem nicht immer repräsentativ oder schön sein, sie können ebenso verschmutzt, dreckig und doch voller Geschehnisse, voller Leben sein. Große Geschichte kann auf Plätzen geschrieben werden, Revolutionen beginnen oder Republiken ausgerufen werden. Auf Plätzen kann öffentlich gespielt werden, Paraden abgehalten oder Markt betrieben werden. Plätze können ganz unterschiedlicher Formen haben (rechteckig, dreieckig, rund…), ebenfalls können die Inhalte des urbanen Lebens auf Plätzen und ihre Verwendung große Unterschiedlichkeiten aufweisen. Plätze sind wichtige Elemente in der Stadt, auf den nächsten Zeilen sollen daher städtische Plätze etwas näher untersucht werden.

Etymologisch geht das deutsche Wort „Platz“ auf das griechische Wort „plateĩa“ zurück, das man als „breiter Weg, Straße oder öffentliche Fläche in der Stadt“ ansah. Tatsächlich ist der städtische Platz ohne den öffentlichen Raum nicht denkbar, weshalb als erstes kurz abgeklärt werden muss, was darunter verstanden werden kann.

Der öffentliche Raum

Der öffentliche Raum ist der Ort gesellschaftlichen Austausches. Er ist der absichtsvoll errichtete Schauplatz für die Rituale und Interaktionen einer städtischen Gemeinschaft. Der Bürger verlässt sein Haus, um Andere im öffentlichen Raum zu treffen. Was seit Menschengedenken verankertes soziales Verhalten ist, verändert sich zwar in den letzten Jahren und Jahrzehnten mit hoher Geschwindigkeit, ist aber immer noch ein Schlüsselfaktor des Lebens in der Stadt (und wird es hoffentlich auch bleiben, wenn mir dieser kleine Wunsch an dieser Stelle gestattet sein darf). Hier – außerhalb der privaten Mauern des individuellen Daseins – kann man nicht nur andere Menschen treffen, sondern hier können ebenso Gemeinschaften ritualisierten Handlungen nachgehen (die Frage, in wie fern virtueller, öffentlicher Raum heute von Bedeutung ist, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden). Hier treffen sich Menschen beispielsweise, um gemeinsame Absichten und politische Veränderungen in Demonstrationen kundtun, hier kann der Staat machtvoll seine Schutzmacht für (und gelegentlich auch gegen) die eigene Bevölkerung demonstrieren, indem er beispielsweise Paraden abhält oder Volksfeste organisiert. Es geht im öffentlichen Raum also um Sinn- und Gemeinschaftsstiftung für die städtische Bevölkerung, auch wenn es durchaus unterschiedliche Sinnstiftungen für die verschiedenen Benutzer des öffentlichen Raumes geben kann (da Plätze historisch ganz unterschiedlich genutzt werden können).

Der Platz im öffentlichen Raum

Der Platz in der Stadt wiederum bietet nun genau das, was er aussagt, er bietet Platz für das öffentliche Leben und somit ist er immer auch ein Ausdruck über das Leben der Menschen. Die Rolle des Platzes in der Stadt ist damit eine Besondere, wenn man die Stadt nicht nur als Verdichtung von bewohnter Fläche betrachtet, sondern (eben auch) als eine besondere Form menschlichen Zusammenlebens. In den spanischen Gesetzen, die zum Aufbau neuer Siedlungen in Amerika ausgearbeitet wurden, den sogenannten „Las Indias“, heißt es deshalb auch, der zu errichtende Hauptplatz soll Ausgangspunkt der neuen Stadt sein. Tatsächlich wurde – wie beispielsweise in Buenos Aires – zuerst ein Platz angelegt und von diesem die Straßen weggeführt. Hier trafen sich später die Bürger der Stadt, die „Porteňos“ von Buenos Aires, und machten ganz maßgeblich Geschichte, aber hier zeigt auch der Staat, wer die Ordnungsmacht besitzt, sei es vor langer Zeit mit dem Bau einer spanischen Burg, oder heute mit dem Bau der „Casa Rosada“, dem Sitz des argentinischen Präsidenten.
Ein Platz hat deshalb auch immer eine symbolische Bedeutung. So ist der Platz nie zu denken, ohne die an ihn angrenzenden oder sogar auf ihm errichteten Architekturen, die in begrenzen, oder ab auf ihm stehen. Statuen der Könige sind nicht unüblich auf Plätzen, um darauf zu verweisen, wer die Macht in letzter Instanz an diesem Ort hat bzw. hatte. Gleichzeitig können Plätze aber auch Schauplätze sein, wo diese Machtansprüche immer wieder in Frage gestellt werden, zumeist von einer größeren Menschenmenge, so wie im Herbst 1989 auf dem Wenzelsplatz in Prag, um nur ein Beispiel von Vielen zu wählen.
Der Platz als städtischer Versammlungsort, ist historisch zuerst in oder bei sakralen Orten zu finden. Teilweise konnten diesem Ort aber auch nicht sakrale Funktionen zufallen. In den Höfen und Vorräumen des städtischen Gotteshauses konnte Markt gehalten werden, Streitereien geklärt oder Unterricht gegebene werden. Der öffentliche Raum wurde damit zu einem Zentrum des bürgerlichen Stadtlebens.

Plätze in islamischen Orten

Doch nicht jeder durfte diese öffentlichen Räume benutzen; Frauen beispielsweise wurde der Zugang zum römischen Forum zwar nicht verwehrt, aber er galt als unsittlich. Gleiches galt für islamische Städte und ihre öffentlichen Räume. Hier waren freie Plätze, wo sich die städtische Gemeinschaft traf nicht vorhanden. Die Gemeinschaft, die „umma“, versammelte sich in der Moschee zum Gebet und auch zur Besprechung von öffentlichen Angelegenheiten. Plätze waren so etwas wie Vorhöfe von größeren Gebäuden, sogenannte „maidans“. Solche kleinen Plätze konnten sich verketten und ganze Stadtstrukturen prägen, wie sie beispielsweise heute noch in den aus maurischer Zeit geprägten Altstädten von Sevilla oder València zu finden sind. Große Plätze waren in islamischen Städten nicht vorgesehen. So wurden häufig die ehemaligen Flächen römischer Foren für den Bau einer Moschee verwendet. Märkte, die bis dato an diesen Orten abgehalten wurden, wurden verlagert, zumeist an den Stadtrand, wo die Gemüsegärten standen, was infrastrukturell durchaus Sinn machte.

Plätze im christlichen Mittelalter

Das christliche Mittelalter in Europa besticht durch seine einflussreichen Klöster und diese hatten auf die Gestaltung der Plätze einen Einfluss und eine ambivalente Geschichte, denn zum einen waren Klöster nicht öffentliche Einrichtungen, hatten aber durchaus ein öffentliches Atrium, das offen stand. Gerade Orden, die sich intensiv mit dem weltlichen Leben beschäftigten, versahen ihren Kirchenbereich mit zusätzlichen Plätzen, um unter freien Himmel für weite Teile der Bevölkerung predigen zu können. Später konnten diese Plätze auch für nicht religiöse Aufgaben genutzt werden. In Siedlungen, die von kirchlichen Orden gegründet wurden, waren diese Plätze später die Hauptplätze des Ortes.

Die Lage des öffentlichen Raumes

Der Platz kann im Laufe der Stadtgeschichte unterschiedliche Funktionen annehmen, welche nicht immer absichtsvoll bestimmt wurden, sondern sich manchmal eher zufällig ergeben konnten. Repräsentative Stadtplätze beispielsweise können erst am Stadtrand liegen und relativ bedeutungslos sein, später aber die wichtigsten Punkte der Stadt markieren (den sogenannten Hauptplatz, wobei große Städte davon gern mehrere haben können, oder es nicht vollkommen klar ist, welcher nun der Bedeutendste ist). So wie beispielsweise die Puerta del Sol in Madrid, die erst am östlichen Stadtrand lag, heute aber den Mittelpunkt der Stadt und sogar ganz Spaniens symbolisiert (tatsächlich befindet sich hier der sogenannte Kilometer 0, der Ausgangspunkt der spanischen Fernstraßen). So kann ein Haupttreffpunkt der Stadt festgelegt und in der Zeit beständig sein, wie der Plaza de Mayo in Buenos Aires, oder sich eben ändern, wie die Puerta del Sol in Madrid. Diese erinnert schon mit ihrem Namen an das ehemalige Stadtor (puerta), das nach Osten zur Sonne (sol) bzw. zum Sonnenaufgang schaute. In Madrid wurde dieses Tor 1570 geschleift, doch schon vorher bildet sich ein größerer Platz auf der städtischen Seite. Als schließlich die „Calle Mayor“ (die „Hauptstraße“) entstand und zu einem Paseo wurde, also zu einer Straße wo man entlang ging oder fuhr, um sehen und gesehen zu werden, diente Sol als Kutschenwendeplatz und wurde immer mehr zum Verkehrsnervenzentrum der Stadt Madrid. Für den Autoverkehr hat Sol heute allerdings keine Bedeutung mehr, aber für den Fußweg durchs Madrids Innenstadt ist er der absolute Mittelpunkt, ebenso für den Nahverkehr, halten hier doch drei U-Bahn Linien und die S-Bahn Cercanias (allesamt unter dem Platz). Und so entwickelte sich die Puerta del Sol zum mit Abstand lebendigsten Platz der Stadt, der immer etwas in Konkurrenz zum repräsentativen Plaza Major stand, welcher wiederum die bewusst angelegte und gestalteten Mitte Madrids sein sollte, die man aber tatsächlich leicht übersehen kann.
Das große und bedeutende Plätze am Stadtrand zu finden sind, ist historisch also nichts Ungewöhnliches. Turnierplätze oder Märkte konnten vor den Stadtmauern liegen, aber innerhalb der nächsten Stadtvergrößerung in das Stadtgebiet eingehen, der Neumarkt Dresdens vor der Frauenkirche gehörte Jahrhundertelang nicht zur Stadt (und ist heute das touristische Zentrum). Ähnlich verhielt es sich in der islamischen Welt, hier diente die musalla, ein Feld vor der medina (der Altstadt) als Versammlungsort oder auch als Exerzier- oder Hinrichtungsplatz. In vielen spanischen Städten lag die „Plaza Mayor“ anfangs außerhalb der Stadtmauern und wurden als Stierkampfplatz oder Ort öffentlicher Versammlungen genutzt. Später, als diese Plätze zur Stadt hinzugefügt wurden, fehlte ihnen dann oftmals das religiöse Element, denn eine Kirche stand (und steht) nur selten auf dem Plaza Major. Selbst in den schon angesprochenen Gesetzen für „Las Indias“ wurde festgeschrieben, dass die Kirche einer neuen Siedlung zwar im Zentrum der Stadt liegen solle, aber nicht direkt am neu zu errichteten Hauptplatz (bedenkt man das diese Gesetze in einem Staat gemacht wurde, der zur damaligen Zeitpunkt die schlimme Maschinerie der Inquisition am Laufen ließ, ist dies schon erstaunlich). Auf dem Hauptplatz sollte der „cabildo“ stehen, sas Haus in dem der Stadtrat sitzt und das auch als Zollhaus dienen konnte.
Die Anlage eines städtischen Hauptplatz wurde bestimmt von seiner zweckmäßigen Lage und des Verkehrs, den er zu bewältigen hatte. So besitzen Hafenstädte gern ihren Hauptplatz in der Nähe des Wassers, wie in Lissabon der Praça de Comércio, der nicht in der Mitte der Altstadt, sondern am Flussufer liegt. In antiken griechischen Städten konnte die Agora nahe am Meer liegen und hatte dann etliche Funktion; sowohl Marktplatz, als auch Versammlungsort der politischen Klasse (daher der freien Männer) zu sein. Jedoch konnte dies durchaus auch an zwei unterschiedlichen Plätzen stattfinden. In Städten mit Residenzen war der Platz vor dem Schloss zumeist ein repräsentativer Hauptplatz. Sie waren Wahrzeichen der Herrschaft, konnten aber im Notfall auch als Verteidigungsgelände gegen den rebellierenden Mob genutzt werden.
In der Renaissance und im Barock wurde viel Wert darauf gelegt, die Anlage eines Platzes in einen Gesamtentwurf der Stadt einzubauen. In neugebauten Stadtteilen wurden Kompositionsregeln angewendet, um Plätze in Sichtachsen einzubeziehen oder als ihre Ausgangspunkte zu verwenden. Ziel war eine Idealstadt nach ästhetischen Gesichtspunkten. In diesen Plänen tauchten zentrale Plätze auf mit symmetrisch angeordneten Nebenplätzen. Dabei können die Plätze eine reiche Gestalt an geometrischen Formen haben. Denkmäler konnten in ihrer Mitte aufgestellt, um die optische Wirkung mit den abgehenden Straßenzügen zu verstärken.

Die Größe des Platzes

Wie groß ein Platz werden soll, daher welche Fläche er einnimmt, ist eine Frage die sich zumeist nur in neugeplanten Siedlungen stellt, da in vorhandenen Orten enge Grenzen der bereits vorhandenen Bausubstanz vorhanden sind. In den schon erwähnten spanischen Gesetzen, den „Las Indias“, dem Leitfaden für den Bau neuer Städte in Südamerika, wurde bemerkt, dass der Platz im Verhältnis zur zukünftigen Größe und dem Wachstum der Stadt stehen soll (heute – Jahrhunderte später – merken wir wie angenehm naiv die Vorstellung ist ein städtisches Wachstum zum Gründungsdatum abschätzen zu wollen). Soll der Platz beispielsweise einmal als Exerzierplatz genutzt werden, muss er verhältnismäßig groß angelegt werden, um den entsprechenden militärischen Garden Raum zu bieten. Auch andere Überlegungen spielten eine Rolle. Nach dem Erdbeben von 1693 schlugen z.B. die Behörden von Catania vor, einen zentralen Platz zu errichten, wo die gesamte Bevölkerung sicher lagern könne, im Falle einer erneuten Katastrophe.
Daran anschließend kam es zu Fragen, wie die Größe in eine Form gegossen werden sollte. Schon der Renaissance-Denker Leon Battista Alberti, einer der ersten Architekturtheoretiker überhaupt, gab Ratschläge für die ästhetisch anspruchsvolle Umsetzung eines Platzes. Er sieht einen doppelt so lang, wie breiten Platz als grundsätzlich erstrebenswert an, allerdings immer unter der Maßgabe, welche Gebäude an ihn grenzen, daher wie hoch diese Bauten sind. „Die richtige Höhe für Bauten um einen Platz ist ein Drittel oder zumindest ein Sechstel der Breite der unbebauten Fläche.“ (aus Kostoff S. 137).
Besonders mit den Stadterweiterungen, die durch die massive Urbanisierung der europäischen Städte im 19. Jahrhundert vorangetrieben wurden, waren neue Platzdimensionen denkbar, die aber schon Zeitgenossen zu massiver Kritik veranlassten. Der Wiener Camilo Sitte beispielsweise fand in der neu angelegten Ringstraßenarchitektur seiner Stadt mit seinen riesigen Freiflächen (wie beispielsweise dem Heldenplatz) nur noch Vakuum wieder ohne eigenes Leben.
Sitte kritisierte ebenso die Freilegung bedeutender Gebäude im Stadtraum, das heißt das Herausheben von Bauwerken, durch vor ihnen erlangte Freiflächen. Kirchen beispielsweise sollten aus ihrem Umfeld herausstechen, dafür konnte auch der darum herum liegende Raum verändert werden (was im Grunde nichts anders heißt, als das die Häuser die stören, abgerissen wurden). Es entstanden vielerlei Plätze, um besondere Gebäude herum, um diese im Stadtraum zu inszenieren. In diesem Zusammenhang steht auch die radikale Umgestaltung von Paris unter Baron Hausmann, der neue Alleen als Sichtachsen durch die Stadt führte und so das mittelalterliche Paris, mit seinen engen Gassen abreisen ließ. Besonders gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die Beleibtheit der Freilegungsbewegung einen Höhepunkt, der sich danach aber langsam erwachender Kritik (auch eben jener von Sitte) erwehren musste. Lediglich in den Zeiten der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts kamen nochmals monumentale Freilegungsgedanken zur Geltung, die Raum schaffen wollten für eine ins radikal Monumentale gewandelten Idee einer Massenvolksgemeinschaft, welche einer koordinierten Führung unterliegt (siehe so beispielsweise in den Plänen zur neuen Reichshauptstadt Germania oder beim Reichsparteitagsgelände in Nürnberg).

Die Klassifikation von Plätzen

Das Einordnen von Plätzen kann anhand von zwei entscheidenden Kriterien geschehen, zum einen die Form des Platzes und zum anderen seine Funktion. Gleiche Funktionen können ganz unterschiedliche Platzformen annehmen (ein Marktplatz kann auf einem runden, dreieckigen oder rechteckigen Grundriss liegen). Plätze können gleichfalls, obwohl räumlich gleichbleibend, im Laufe ihrer Geschichte neue und veränderte Nutzungsfunktionen bekommen. Je unspezifischer die Form eines Platzes ist, desto reichhaltigeren Zwecken kann er unterliegen. Unspezifische Formen erhöhen daher die Nutzungsmöglichkeiten. Auf den Plaza Majores in Spanien beispielsweise, gab es zumeist keine Denkmäler (wie auf Frankreichs Königsplätzen) oder Grünanlagen (wie auf englischen Plätzen), so dass sie für Märkte ebenso wie für Hinrichtungen, Feste oder Stierkämpfe Platz boten.
Klassifizierungsversuche von Plätzen stammen zumeist von Architekten oder Stadtplanern. Eine immer noch bemerkenswerte Arbeit stammt von Joseph Stübben, welche er in seinem Lehrbuch „Der Städtebau“ (1890) veröffentlichte. Er unterscheidet Straßenplätze bzw. Kreuzungen, Nutzplätze (zum Markttreiben, für Feste etc.), Schmuckplätze (beispielsweise mit parkähnlicher Anlage darauf) und architektonische Plätze, welche wiederum in Vorplätze wichtiger Bauwerke, bebauter Platz (von freistehenden Gebäuden beherrscht), Denkmalplatz oder umbauter Platz unterschieden werden können. Eine andere Klassifikation bietet Rob Krier in seinem Werk „Stadtraum in Theorie und Praxis“ (1975) an, wobei er geometrische Typen unterscheidet und in drei Hauptgruppen teilt: rechteckige, kreisförmige und dreieckige Plätze. Ob diese Plätze organisch im Laufe der historischen Stadtentwicklung gewachsen sind, oder geplant und angelegt wurden, unterscheidet Krier nicht.

Die Formen von Plätzen

Spiro Kostofs Klassifikationssystem der Plätzen, welches er in seinem Buch „Die Anatomie der Stadt“ (1991) vorlegt und an dem sich dieser Artikel orientiert, soll etwas näher beschrieben werden. Plätze werden hier als erstes nach Formen aufteilt. Dabei betont Kostof, das regelmäßige geometrische Plätze nur bei Stadterweiterungen vorkommen, während bei historische gewachsenen Plätzen, die er „organisch“ nennt, die Form des Platzes in ein historisches Ensemble quasi hineingewachsen ist. Bei Plätzen in mittelalterlichen Städten beispielsweise war deren Form zumeist geprägt von den altertümlichen Verkehrswegen, die im Regelfall älter waren als die Plätze selbst, als auch von der Dichte der angrenzenden Nachbarschaften. Dreieckige Plätze entstanden oft, wenn zwei oder gar drei Landstraßen aufeinander trafen. Ein neu angelegter Barockplatz jedoch folgt lediglich der Theorie der Gestaltung, welche die äußere Gestalt nur nach ästhetischen Ansprüchen regelt. Die folgende Tabelle gibt einen groben Überblick:

Das Dreieck

Ein dreieckiger Platz besteht fast immer aus einer historisch gewachsenen Vergrößerung einer Kreuzung, die zum Anlegen von Märkten benutzt wurde, weshalb solche Plätze auch oft in mittelalterlichen Städten auffindbar waren (und sind). Eine geometrisch reine Form ist selten und zumeist nur bei extra so angelegten Plätzen, wie dem Place Dauphine in Paris aufzufinden.

Das Trapez

Die Form des Trapez kommt besonders in der italienischen Renaissance vor, bei dieser Form ist es zumeist ein bedeutendes Bauwerk, das mit seiner Fassade in einem dreieckigen Platz hineindrängt.

Das Rechteck

Ein rechteckiger Platz ist einer der häufigsten anzutreffendsten Formen. Mit dieser Formgebung ist es möglich, dass bedeutendste Bauwerk des Platzes gut in die Sichtachsen einzusetzen. Wirklich quadratische Plätze sind eher selten. Sie können beispielsweise entstehen, wenn eine Stadt gitterförmig angelegt ist und man ein Quadrat als Hauptplatz frei lässt.

L-förmige Plätze

Wenn zwei benachbarte rechteckige Plätze zusammengeführt werden können L-förmige Plätze entstehen, oder wenn ein besonderes Bauwerk von zwei Seiten sichtbar gemacht werden soll. Der Winkel des Platzes wird hier zum kritischen Punkt für den ästhetischen Eindruck des Platzes.

Kreis und Ellipse

Die Antike kannte kaum kreisförmige Plätze. Ellipsenartige Plätze wurden im Mittelalter angelegt und sind dann meist Überreste eines ehemaligen römischen Amphitheaters, dessen Zuschauerränge bebaut wurden und wo die Bühne als Platz übrig blieb. Auch auf spanischen Plaza Majores können ellipsenartige Plätze gefunden werden, wie in der kleinen Stadt Chinchón, da diese Plätze gleichzeitig für Freilichtaufführungen oder Stierkämpfe genutzt wurden. In der Renaissance wurden geschwungene Bauformen im Hochbau aus der Antike wiederentdeckt. Ende des 17. Jahrhunderts entstand mit dem Place de Victoires in Paris der erste Platz in Kreisform. Die Kreisform findet sich natürlich auch im Kreisverkehr wieder. Dieser entstand historisch aus der Landschaftsarchitektur und kommt vom französischen rond-point, eine kreisförmige Lichtung mit runder Grasfläche. In England tauchte die Kreis-Form als circus auf, erstmals in Bath, der eine bewusste Nachahmung des Amphitheaters war. Später wurden damit aber auch große und abgerundete Kreuzungen bezeichnet. Im Neoklassizismus kam es erneut zu einem Aufleben vom kreisförmigen Plätzen.

Der Halbkreis

Der Halbkreis entstand aus einer eingebuchteten Platzform vor einem bedeutenden Gebäude, wie z. B. einer Kirche. Er diente dazu die Straße vor dem Bauwerk zu verbreitern und seiner Fassade mehr Wirkung zu geben. Später ergeben sich daraus drei Formen von Halbkreisen:
Im offenen Halbkreis ist eine Seite des Platzes geöffnet und lässt die Perspektive auf den Raum zu. Der geschlossene Halbkreis ist so etwas wie der soeben erwähnte Vorplatz, der sanft geschwungen eine Ausbuchtung des Raumes vornimmt. Führt von dieser Einbuchtung eine Straße weg, so erhält man ein Mittelding aus offenen und geschlossenen Halbkreisplatz. Diese Form war Funktional für den Platz vor dem Stadttor relevant, wo man Besucher empfangen konnte und sie gleichzeitig in die Innenstadt weiterleitete. Der englische crescent ist eher halbmondförmig (wie in Bath) und wurde in Großbritannien zum einem sehr beliebten Mittel der Stadtgestaltung. In der Moderne kommt ebenso die Halbkreisform zum Tragen, am eindrucksvollsten in der Hufeisensiedlung von Bruno Taut in Berlin.

Plätze und ihre Funktionen

Neben der Betonung der Form der Plätze, können diese gleichfalls nach ihrer Nutzung unterschieden werden. Bei diesem Punkt konzentriert man sich mehr auf die Geschichte einer Stadt. Bereits vorher hatten wir erwähnt, dass Stadtplätze durchaus unterschiedliche Nutzungsformen haben und diese sich gleichfalls im Laufe der Stadt verändern können. In Anlehnung an Kostof können daher unterschiedliche Funktionstypen von Plätzen klassifiziert werden, jedoch sind diese eben nicht „eingebrannt“ im Platz und für alle Zeit vorgegeben, sondern durchaus veränderbar.

Das Bürgerforum. Es gibt zwei Hauptnutzungsformen von öffentlichen Räumen in der Stadt; zum einen als Markt und zum anderen als Bürgerforum. Man kann davon ausgehen, dass beide Formen anfangs durchaus auf dem gleichen Platz abgehalten wurden. Erst als die Stadt sich vergrößerte, wurde eine Trennung von beiden Funktionen vorgenommen.
Das Bürgerforum ist ein „Ort zur Erledigung öffentlicher Angelegenheiten und zur Präsentation der Insignien der jeweiligen Macht“ (Kostoff S. 153). Dieser Funktionstyp ist nicht überall auf der Welt zu finden. Im chinesischen Reich fehlt er vollkommen und auch in mittelalterlichen Städten in Europa, konnten die öffentlichen Verhandlungen und auch die Märkte durchaus auch nur auf der Hauptstraße abgehalten werden. Das historische Vorbild für das Bürgerforum ist natürlich die griechische Agora. Auf ihr wurde erstmals in der Geschichte, auf einem freien öffentlichen Platz, gemeinsam politische Macht ausgeübt. Wenn eine neue Kolonie gegründet werden sollte, so wurde dort als erstes die Agora und der Tempel geplant. Die Schutzgötter der Agora sind die des Redens und genau das stand daher ursächlich im Mittelpunkt dieses städtischen Platzes, das Reden. Es geht auf der Agora um die politische Rede, welche Entscheidungen für die Stadt beredet, nicht um eine gewerbliche Marktfunktion in welchem Lebensmittel verkauft werden. Als die Selbstverwaltung der griechischen Stadt später zerfällt, so verliert auch die Agora ihre Bedeutung und kann architektonisch umgebaut oder gar wegrationalisiert werden. Die Idee jedoch zieht historisch weiter und so nimmt sich das römische Forum dieser an, erweitert es aber. Hier werden nun bürgerliche Belange besprochen, religiöse Zusammenkünfte abgehalten oder Markt betrieben. Für den regulären Marktbetrieb lag zumeist das Haus der Maße und Gewichte, die mensa ponderaria, am Forum, um dem Markttreiben ein regelgeleitete Grundlage zu geben. Gleichzeitig gaben auf dem Platz die Meister der Rhetorik Unterricht. Die Rechtsprechung wurde ebenso auf dem Forum erledigt, wie auch Lobreden auf den städtischen Führer gehalten oder Jungen in das Erwachsenenalter mit dem Brauch der toga virilis eingeführt wurden. In republikanischen Zeiten wurden Spiele auf dem Forum veranstaltet, später Gedenk- oder Mahnmäler aufgestellt, um der glorreichen Geschichte der Stadt und seiner Herrscher zu erinnern.
Im Mittelalter, mit der Genese der italienischen Stadtstaaten, sollte das Bürgerforum wieder eine wichtige Rolle spielen und entstand ab dem 12. Jahrhundert erneut, nachdem es in den Zeiten der Völkerwanderungen und des frühen Mittelalters keine Rolle spielte. Allerdings nun unter etwas neuen Vorzeichen, denn während in der Antike Religion und politische Handlungen noch auf ein und demselben Platz stattfinden konnten, wurde jetzt auf Grund der Mächtigkeit der Institution Kirche eine räumliche Trennung vorgenommen. In den Städten gab damit den Domplatz und einen separaten Rathausplatz, auch wenn diese direkte Nachbarn sein konnten, waren es doch zwei separate Plätze. Später, ab dem 14. Jahrhundert, erfolgte eine weitere Veränderung mit dem Aufkommen von mächtigen politischen Dynastien, welche Piazzas ausgestalten ließen, die der Herrschaft des Fürsten verbunden waren. Diese Piazzas waren übersichtlich gestaltet und nicht darauf angelegt bürgerliche Belange zu erledigen, sondern mit prunkvollen Rahmen dem Monarchen zu huldigen.
Mit dem Einsetzen von demokratischen Bewegungen ab dem 19. Jahrhundert verteilten sich die Energien des Bürgerforums auf unterschiedliche Plätze der ständig wachsenden Städte. Neue Bürokratien, wie Gerichtspaläste bekamen Vorplätze, ebenso kulturelle Einrichtungen, wie beispielsweise die Oper (ein wunderschönes Beispiel ist der Dresdner Theaterplatz). Sehr eindrucksvoll ist das an der platzartigen Architektur der Wiener Ringstraße zu sehen, wo sich die wichtigsten Einrichtungen des Staates auf monumentaler Fläche aneinanderreihen.

Die place d’armes
. Die Aufstellung der bewaffneten Kräfte im öffentlichen Raum hatte eine Doppelfunktion in der Geschichte der Stadt. Zum einen diente es dazu den Bürgern anzuzeigen, dass für ihre Verteidigung gesorgt wurde, zum anderen war der Platz gleichzeitig dafür da, den Bürgern anzuzeigen, das die bestehenden Machtverhältnisse besser nicht herausgefordert werden sollten. Diese Funktionen wurden gern auf den Plätzen vor den Palästen des Monarchen aufgeführt. So konnte später extra umgebaute Paradeplätze gigantische Dimensionen erhalten. (Beispiel St.Petersburgs Winterpalais und Generalstabsgebäude) oder gleich ganz vor die Tore der Stadt verlegt werden, wo für Manöverplätze genügend Raum vorhanden war. Diese Form der Plätze haben in Europa nur in abgewandelter Form überlebt, denn das Militär ist fast unsichtbar in den Städten geworden. Lediglich im Namen, wird an die militärische Nutzung der Vergangenheit erinnert, oder in Wien auf dem Heldenplatz, dessen Fläche früher tatsächlich als Paradeplatz genutzt wurde.

Der Platz der Spiele.
Wo heute Veranstaltungshallen oder Multifunktionsarenen in den Städten gebaut werden, um Spiele und Unterhaltung aller Art den Bürgern zu präsentieren, wurden diese früher im öffentlichen Raum ausgetragen. Dabei waren diese Spiele ritualisierte Ereignisse gewesen, die auch als Ventile für politische Unzufriedenheit genutzt werden konnten. Gab es keine geeigneten Orte, um diese Spiele auszuführen, konnten städtische Plätze dafür benutzt werden. Das Amphitheater ist der erste Bau der Menschheitsgeschichte, der den Spielen ein eigenes Bauwerk gab. Wiederum die bereits vorher öfter erwähnte Plaza Mayor in Madrid ist ein schönes Beispiel, wie Spiele im öffentlichen Raum ausgetragen werden konnten. Auf diesem Platz (wie auf vielen anderen Plaza Mayores in Spanien) konnte man Stierkämpfe erleben. Diese waren anfangs ein eher aristokratisches Vergnügen und wurden vor den Toren der Stadt abgehalten. Später wurden die Regeln und die Räumlichkeiten verfeinert und der Stierkampf innerhalb eines fest umrissenen Geländes auch in der Stadt ausgetragen, wobei dafür Straßen und Plätze extra abgesperrt wurden, so wie es auch heute noch zu sehen ist, am berühmtesten sicherlich bei San Fermin in Pamplona. Im 17. Jahrhundert wurden Plätze dann bereits unter der Idee angelegt, sie könnten auch für Stierkämpfe nutzbar sein. Juan Gomes de Mora jedenfalls konstruierte mit dem Plaza Mayor in Madrid ein Rechteck von 151m mal 117m in die Mitte der eher verwinkelten spanischen Hauptstadt. Darum wurden Häuser mit der einheitlichen Höhe von vier Etagen gebaut, die mit Arkaden für Läden und mit Balkonen gesäumt waren, damit auch von gehobener Perspektive auf den Platz und sein geschehen geschaut werden konnte. So wird davon ausgegangen, dass bis zu 50.000 Zuschauer hier Platz fanden (was zur damaligen Zeit rund die Hälfte der Einwohner der Stadt waren). Mit dem Ende des aristokratischen Interesses am Stierkampf und der Verbreitung als Volkssport und Vergnügen wurden später Arenen erbaut, um Einzelkämpfe durchzuführen, die dann vom interessierten Publikum mit einem Eintrittsgeld bezahlt wurden. 1745 entstand so die erste Stierkampfarena in Madrid.
Verkehrsplätze. Seit ihrer Entstehung führen Plätze Verkehr aller Art zusammen und verteilen ihn wieder auseinander. Natürlich ist der Durchfluss des Verkehrs konträr zu anderen Platzfunktionen, wie beispielsweise dem Aspekt der Bürgerversammlung, welche ungestört beraten möchte. Schon deshalb war das römische Forum für den Verkehr gesperrt und wurde direkt neben der Kreuzung der beiden Hauptstraßen angelegt, welche sich in römischen Städten in der Stadtmitte begegneten. Auch im Mittelalter finden sich immer wieder Plätze, die nicht für den Verkehr freigegeben waren, so auch in der Renaissance, wo Plätze mit Ketten abgesperrt werden konnten. Der englische square wurde im Regelfall nie für den Verkehr geöffnet und schuf eine kleine Parkanlage Mitten in der Stadt. So war schon dem vorher bereits erwähnten Alberti die Problematik zwischen Verkehrsaufteilung und sozialen Versammlungsort bewusst, denn der Verkehr musste fließen können, gleichfalls durfte er jedoch nicht den sozialen Aspekt an den Rand drängen. Mit dem Aufkommen des Massenverkehrs erlangen die Verkehrsplätze eine vollkommen neue Bedeutung und sind zu Orten des Transits und zu Kreuzungen geworden. Sie werden dann bestenfalls zu quirligen Plätzen, auf welchen sich Autos, der Nahverkehr und eilig herumlaufende Passanten auf Straßenhändler oder sich zufällig treffende Bekannte treffen.
Wohnplatz. Im Mittelalter wohnten Handwerker über ihren Läden, diese wiederum sollten möglichst in der Stadtmitte zu finden sein, am besten in der Nähe des Marktplatzes, daher war die Gestaltung um einige Plätze auch eine Frage, wie man die Wohnungen herum anordnet. Wohnplätze entstanden wenn einheitliche (und exklusive) Wohnungen in einheitlicher Planung, um einen Platz herum angelegt wurden. Solche Wohnplätze konnten durchaus für die Öffentlichkeit beschränkt zugänglich sein. Es war auch möglich, dass sie von Adligen finanziert wurden und dann beispielsweise mit einem Denkmal zur Verherrlichung des Aristokraten ausgestaltet wurden.

Der öffentliche Raum heute – zwischen Designerplätzen, Verkehrsinseln und Malls

Die Funktionalität von öffentlichen Plätzen hat sich in den letzten Jahrhunderten stark gewandelt, insbesondere seit dem Aufkommen der Moderne, als nicht nur die Städte ganz neue Dimensionen annahmen, sondern auch das soziale Leben in der Stadt sich radikal veränderte. Das gesellschaftliche Leben ist teilweise von den Plätzen abgewandert. Waren es erst Massenkommunikationsmittel wie Zeitungen, Radio und Fernsehen, welche Neuigkeiten und Nachrichten und ebenso deren Interpretation direkt in die heimische Wohnung lieferten und damit nicht mehr den Austausch von Neuigkeiten im öffentlichen Raum befeuerten, so ist es heute das Internet im Handy, dass überall und zu jederzeit dem Impuls der Welt weiterreicht. Damit einher geht eine schleichende, aber heute deutlich zu Tage tretende Veränderung des Platzes ein her. Das ästhetische Erlebnis eines Platzes ist wichtiger geworden als die gesellschaftlichen Erfahrungen, die man auf ihm aufnimmt. „Designerplätze“, wie Kostof sie nennt, entstehen und verlangen danach, dass Plätze um ihrer selbst willen genossen werden, als wären sie kleine Erlebnisparks. Es entstehen neuartige Plätze, die in ihrer Bauform ihre eigene Legitimation angeben, z.B. als statusgeladene Kunstlandschaft, wie am Platz im Rockefeller Center, in New York City. Gerade die Architektur der Hochhäuser hat den Platz und seine Funktion verändert. Plätze wurden an die Wolkenkratzer gesetzt, um Bauvorschriften zu umgehen (so wie am Seagram Building in New York City). Sie wurden aber auch zu einer Art von Podium für das Hochhaus, damit dies dann entsprechend wirken kann. Ihre Ausgestaltung ist dabei aber eher bescheiden und ihr Wert zum Verweilen überschaubar. Eine andere Entwicklung der Moderne ist, dass menschliche Rituale aus öffentlichen Plätzen entfernt und in privatisierte öffentliche Plätze verlagert werden, so wie es beim Marktplatz geschehen ist, der nun im Einkaufszentrum (vorher im beginnenden 20. Jahrhundert in der Markthalle) liegt. Die Shopping Malls in unseren Städten sind teilweise riesige öffentliche Plätze mit Überdachung, die aber unter der Kontrolle eines Besitzer stehen und deshalb eigentlich nur teil-öffentliche Plätze sind. So bleibt für die heutige Zeit festzuhalten; wenn Plätze unsere gemeinsame Geschichte repräsentieren, wenn sie uns ein Gefühl gemeinsamen Schicksals erlauben, dann ist zu fragen, was im individualisierten Einkauf in der Mall davon noch übrig ist. Ein schönes Beispiel für diese Individualisierung bietet Woody Allen Film „Scenes From a Mall (Deutsch: „Ein ganz normaler Hochzeitstag“), der komplett in einem Einkaufszentrum spielt, dass überall auf der Welt stehen könnte. Heute, nochmal ein Vierteljahrhundert nach der Veröffentlichung dieses Films wandelt sich die Form des Lebens in der Öffentlichkeit scheinbar immer rasanter. Plätze, werden zu Lokationen, um sich mit einem Selfie für die digitale Ewigkeit festzuhalten, sie dienen als Marker, individueller Ereignisse, die von einer Öffentlichkeit im digitalen Raum kommentiert werden können. Wie häufig findet man in den sozialen Netzwerken Bilder von lächelnden Gesichtern auf den Plätzen dieser Welt, verbunden mit dem Namen der Stadt und einem Hashtag, der Platz wird dabei aber nur noch zur Kulisse der eigenen Selbstdarstellung, die wiederum den eigentlich Platz überschreitet und in die digitalen Weiten hinaus eilt. Der Platz hat hierbei kein Leben mehr, sondern ist die Kulisse der eigenen Selbstdarstellung. Trotzdem sind auch heute noch städtische Plätze wichtige soziale Funktionsträger in den Städten, immer noch werden Märkte (wenn auch keine mehr für Lebens-notwendige-Mittel) auf ihnen abgehalten, werden Demonstrationen und Feste auf ihnen aufgeführt oder neuste Bewegungsformen von Jugendgruppen ausprobiert. Und so sind auch heute noch Plätze, Orte wo städtisches Leben ausgetragen wird und was kann es angenehmeres geben als in einem Cafe zu sitzen, auf einen vorliegenden Platz zu schauen und das das urbane Leben zu genießen, dass sich wie auf einer Bühne vor einen ausbreitet.

Literatur:
Dieser Artikel ist sehr stark beeinflusst von Spiro Kostofs Buch „Die Anatomie der Städte“ (Campus; 1991)

Donostia – San Sebastián

Einwohner: 195.226 (mit Vorstädten: 447.000) | Fläche: 60,9km² | Hauptstadt der baskischen Provinz Guipuzkoa

Die baskische Stadt Donostia ist in Deutschland besser bekannt unter ihrem spanischen Namen San Sebastián, offiziell trägt sie den Doppelnamen: Donostia – San Sebastián. Die Stadt ist Hauptstadt der baskischen Provinz Gipuzkoa und mit rund 185.000 Einwohnern die drittgrößte des baskischen Teils Spaniens. Populär macht den Ort seine hervorragende Lage an der Bucht „La Concha” („die Muschel“) die von zwei Bergen begrenzt wird, auf der westlichen Seite dem Monte Igeldo mit Aussichtsturm und kleinem Vergnügungspark und auf der östlichen Seite vom Monte Urgull mit Jesusstatue. Das milde Klima lockt seit vielen Jahrzehnten zahlreiche Gäste an, insbesondere auch aus besser betuchten Kreisen. So war der Ort beispielsweise 35 Jahre lang Sommerresidenz des spanischen Diktators Franco. Noch heute nutzen zahlreiche Prominente, wie auch „Otto-Normal” Bürger Donostia als Urlaubsort.

Den Reiz der Stadt liegt insbesondere im gepflegten Äußern des Ortes, dass eines attraktiven Seebades. Architektonisch lassen sich neben zahlreichen schmucken Häusern im Bäderstil auch einige Highlights bewundern, wie das Veranstaltungszentrum „Kursaal” von Rafael Moneo aus dem Jahr 1999, oder das Domizil des „Club Nautico”, ein modernes Meisterwerk von José Manuel Aizpurua und Joaquín Labayen aus dem Jahr 1929. Nicht zu vergessen ist dabei auch die Skulptur „Peine del Viento” (der Windkamm) von Eduardo Chillida, unterhalb des Monte Igeldo. Doch auch kulturell ist „Donosti”, wie es von den Basken gern genannt wird, ein sehr interessantes Ziel. So kann man wohl in keinem Ort in Spanien so gut Essen wie in San Sebastián. Allein drei Sterneköche in der Stadt sind mit drei Michelin Sternen bewertet, der höchsten Benotung die es gibt. In Restaurants werden gern „Pinxos” serviert, darunter versteht man kleine Tapas, die zumeist aufgespießt auf vielen Tellern an der Bar aufgebaut sind. Der Gast sammelt sich, die ihm genehmen Pinxos ein, bezahlt und genehmigt sich dazu vielleicht einen hervorragenden Txakuli, einen erfrischenden Weißwein aus der Region westlich von Donosti. Dabei sind vielerlei Köstlichkeiten zu essen, angefangen bei leckeren Variationen der spanischen Tortilla bis hin zur Tintenfisch und anderen Meeresspezialitäten. Die herausragende Qualität der Restaurants in der Stadt liegt in einer interessanten Historie begründet. Seit mehr als 100 Jahren bilden kulinarische Gesellschaften einen sozialen Treffpunkt insbesondere für Männer (Frauen wurden oftmals nicht zugelassen), dort traf man sich in bestens ausgerüsteten Küchen, um die neusten Kochkreationen auszutauschen. Noch heute gibt es 119 solcher Einrichtungen in Donostia.
Doch die Stadt bietet mehr als nur gutes Essen, viele Ereignisse rund um das Jahr zeigen zurecht, dass San Sebastián den Titel europäische Kulturhauptstadt 2016 trägt. So wie beispielsweise die „Tamborrada”, ein Fest in dem 24 Stunden lang Trommeln in der Stadt gespielt werden, oder das internationale Jazzfestival im Juli, oder aber auch das Recht bekannte Filmfestival der Stadt im Herbst.

Bilbao

urban facts Bilbao | Geschichte Bilbaos | Das Baskenland | Architektur Bilbaos | Puente Vizcaya

Bilbao ist aus sehr vielen Perspektiven eine höchst interessante Stadt. Zum einen ist sie Nordspaniens größte Stadt und hat mit ihren Vororten rund eine Millionen Einwohner. Zum anderen ist sie das wirtschaftliche, kulturelle und industrielle Zentrum des Baskenlandes und entwickelt eine ganz eigene Atmosphäre, die sich so in Spanien nicht wieder findet. Dann liegt Bilbo (wie die Stadt auf Baskisch heißt) auch im grünen Teil der iberischen Halbinsel liegt, was ein vollkommen anderes Klima und eine andere Vegetation bedeutet (als Beispiel sei genannt, dass es in Bilbao rund doppelt so viel regnet, wie in London). Nicht zuletzt soll darauf hingewiesen werden, dass nach dem Stadtumbau der letzten Dekaden, sogar ein ganzer Effekt benannt wurde.

Es gibt wohl nur sehr wenige Städte in Europa, die in den letzten 20 Jahren einen so großen Umbruch erfahren haben wie Bilbao. Dies geschah, etwas überspitzt formuliert, mit nur einem einzigen Gebäude, dem Guggenheim-Museum. Dieses 1997 eröffnete architektonische Meisterwerk von Frank O. Gehry, machte aus der schmutzigen Industriestadt Bilbao, fast über Nacht, eine Kunst- und Kulturstadt. Dieses Phänomen fand sogar Eingang in den Wörterkanon der Sozialwissenschaften, als sogenannter „Bilbao-Effekt“. Darunter versteht man die Aufwertung von Orten durch spektakuläre Bauten. Aus einem hässlichen Entlein, die Industriestadt Bilbao, die stark unter Arbeitslosigkeit und Deindustrialisierung litt, macht man einen schönen Schwan, die trendige Kulturstadt, die massenhaft urbanen Tourismus anzieht. 1995 zählte die Stadt rund 25.000 Besucher, 2009 waren es 615.000!
Doch was genau ist passiert? Entlang des Flusses Nervión entwickelten sich seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts verstärkt industrielle Produktionsstätten. Bilbao wurde neben Barcelona zu der Industriestadt in Spanien. Doch im Laufe der 1970er Jahre schwanden der Industrie massiv die Kräfte. Bilbao verlor erst Arbeitsplätze, dann auch noch Einwohner. Da besann man sich in der größten Stadt des Baskenlandes, dass nur weitreichende Veränderungen den Ort wieder attraktiver machen könnten. Alte Industrieanlagen wurden abgerissen und der Hafen vom Flussgelände ans Meer verlegt. Der frei gewordene Platz wurde mit neuer Architektur urbanisiert. Hauptaugenmerk war dabei das Guggenheim-Museum, eines der aufregendsten Gebäude der letzten Jahre, eines der Hauptwerke des Dekonstruktivismus und gleichzeitig ein spektakuläres Haus, dass allein schon durch sein andersartiges Aussehen den Betrachter fasziniert. Durch eine entsprechende Vermarktung entwickelte sich ein Besucherstrom aus ganz Europa, um sich das Gebäude anzusehen und in seinen Ausstellungshallen, Meisterwerke der zeitgenössischen Kunst zu bewundern (wenngleich die Kunst sich immer hinter ihrem Behälter anstellen muss oder anders gesagt: der Star ist das Bauwerk, nicht sein Inhalt).
Doch mit dem Museum allein ist es nicht getan. Weitere international renommierte Stararchitekten verewigten sich in der Stadt und formten das neue Bilbao, 1995 wurde eine U-Bahn von keinem geringeren als Norman Foster gestaltet, Santiago Calatrava projektierte die ZubiZuri Brücke und den Terminal des Flughafens und das Architekturbüro von Cesar Pelli plante den 165m hohen Büroturm der Konzernzentrale eines großen Energieunternehmens. Dazu gesellen sich einige historisch höchst interessante Bauwerke, wie die „Puente Colgante“ die 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Bilbao wirkt daher heute wie eine alte Industriestadt, die im ständigen Wandel zum modernen Zentrum unterliegt.

Der Wandel bleibt dabei nicht auf die eigentliche Stadt Bilbao beschränkt, die mit rund 41km² und rund 350.000 Einwohnern nicht sonderlich groß ist und eher wie hineingepresst in das Tal des Nervíon liegt. Dieser vermischt sich in Höhe der Altstadt mit Meereswasser und der Fluss wird bis zu seiner Mündung in 16km Entfernung immer breiter. Entlang des Flusses, der ab hier auch Rìa de Bilbao genannt wird, entstanden zahlreiche weitere Orte, die den Ballungsraum Bilbao ausmachen. Interessant ist das an der linken (oder westlichen) Flussseite zumeist die Industrie und die Arbeiterstädte angesiedelt wurden (z.B. Barakaldo), während die rechte Flussseite eher wohlhabende Städte (wie Getxo) entstanden. Summiert man die gesamte Metropolregion auf, so kommt man bei 500km² auf 910.843 Einwohner. Somit ist die Metropolregion die fünftgrößte in Spanien. Interessant ist, dass die eigentliche Stadt Bilbao nur rund 38% der Gesamtbevölkerung der Metropolregion ausmacht. Ein Ziel der Stadtentwicklung, welche die gesamte Region stärker mit einbeziehen möchte, ist es, die Orte am Fluss zu verbinden. Dafür wurde unter anderem das gemeinnütze Unternehmen Ria Bilbao 2000 gegründet, um nicht genutzte ehemalige Industrieflächen wiederzubeleben. Das Unternehmen kann viele Erfolge verzeichnen. Sehr interessante Bauwerke entstanden, wie das Azkuna Zentroa, oder auf Spanisch, die Alhóndiga, ein außergewöhnliches Kulturzentrum, das 1909 als Warenhaus für Wein eröffnet wurde und zum Ende des 20. Jahrhunderts von Philippe Starck umgebaut wurde. Ein weiteres wichtiges Element der Verbindung der Vororte mit dem Zentrum ist die Metro, die größtenteils von Norman Foster gestaltet wurde und auf zwei Metrolinien, die Vorstädte und Bilbao-Zentrum vereint. So kann man von Bilbao nicht nur als der eigentlichen Stadt, sondern als gesamter Region im Unterlauf und der Mündung der Flusses Nerviòn sprechen.

Bilbao liegt im „grünen Spanien“, also an der regenreichen Atlantikküste, genauer am Golf von Biskaya, der für sein stürmisches Wetter bekannt ist. Er hat seinen Namen übrigens von der baskischen Provinz Vizcaya bekommen, in welcher Bilbao liegt. Neben dem ständigen Regen, bedeutet dies, zumeist milde Temperaturen (im Sommer ist ein Temperaturgefälle von 15 Grad zwischen dem rund 400km entfernten Madrid und Bilbao keine Seltenheit), ständig grüne Hügel, die irgendwie das Baskenland auszumachen scheinen und ein Ambiente, dass eine ganz andere Seite von Spanien zeigt. Die Zeit scheint hier etwas mitteleuropäischer zu sein, es wird eher gegessen und in den Bars und Geschäften hört man fast die sonst im Lande quälend dahinfetzende spanische Schlagermusik nur sehr wenig. Auch die Hitze des Sommers ist, wie schon erwähnt, hier auch nur ein seltener Gast. Historisch gesehen entwickelte sich hier vor über 100 Jahren die baskische Nationalbewegung, auch wenn die Stadt wegen ihres eher großstädtischen Flairs auf dem ersten Blick viel weniger baskisch wirkt als beispielsweise Donostia-San Sebastián. Sehr stark vermischt sich baskisches und „Rest-spanisches“, was auch an der hohen Einwanderungswelle lag, von Menschen aus anderen Landesteilen, die in den wirtschaftlich florierenden Zeiten der 1950er, 60er und 70er, Arbeit im Baskenland fanden. Das führt auch dazu, dass nur rund 25% der Einwohner der Stadt Baskisch sprechen. Erschwerend kommt der Fakt hinzu, dass die Sprache keinerlei Ähnlichkeit mit anderen romanischen Sprachfamilien hat und so sehr schwer zu erlernen ist.

Zur Attraktivität Bilbaos zählt ebenso die baskische Küche, die sich vollkommen zu Recht eines großen Ruhmes erweist. Es sei jedem ans Herz gelegt, einen Abend lang von Bar zu Bar zu ziehen und von den dort ausgelegten Pinxos (kleinen Häppchen) zu probieren und diese mit einem Gläschen Xakoli (einem baskischen Wein) abzurunden.