Geschichte Bordeaux

Antike und Mittelalter: Von Kelten, Römern und Briten

Bordeaux geht geschichtlich zurück bis weit vor die Zeitenwende und gehört damit zu den älteren Städten des Kontinents. Schon im 3. Jahrhundert v.Chr. lebte der keltische Stamm der Bituriger im Gebiet des Zusammenflusses von Garonne und Dordogne. Der Hauptort dieses Stammes war verkehrstechnisch günstig gelegen an der Stelle der heutigen Stadt, denn hier bestand die Möglichkeit die Garonne zu queren (was einem heute gar nicht so klar wird, wenn man die Mächtigkeit der Garonne sieht).
Als die Römer Gallien eroberten, nannten sie fortan die Stadt Burdigala und die ehemalige keltische Siedlung sollte in ihrer Bedeutung wachsen, denn sie war einerseits ein Umschlagplatz für in der Region angebauten Weizen, andererseits wurden hier größere Mengen von Metallen im Seehafen umgeschlagen und ins Imperium verschifft. Die Römer waren es auch, die den Weinanbau in der Region einführten, der sich hier glänzend entwickelte und zu einem Markenzeichen wurde. Schon in der Antike wurde daraus ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Produkt der Gegend, das sich die Römer gern in die Hauptstadt exportiert ließen und somit die wirtschaftliche Bedeutung Burdigalas stetig erhöhten. Als führende Handelsmetropole im 2.Jahrhundert (AD) wurde Burdigala zur neuen Hauptstadt der römischen Provinz Aquitania ernannt. Bis zum 3.Jahrhundert entwickelte sich eine reiche und blühende Stadt. Davon zeugen noch heute die Reste des alten Amphitheaters, das 15.000 Menschen Platz bot (!) und dass bei einer Gesamtgröße der Stadt von rund 20.000 Einwohnern. Manche Zeitgenossen sprachen anerkennend von einem „kleinen Rom“.
Nachdem die Grenzen des römischen Reiches unsicherer wurden und 276 die Barbaren in die Stadt einfielen, wurde eine erste Stadtmauer errichtet, die damals aber lediglich 32ha beschützte. Mit dem endgültigen Untergang des Reiches begann auch für die Stadt eine lange Zeit ständiger Unsicherheit. Nach dem Einfall der Mauren und deren Zurückdrängung in der Schlacht von Poitiers, erhob Karl der Große Aquitanien zum Königreich und übergab dieses im Jahr 781 an seinen Sohn Ludwig dem Frommen. Gleichwohl bedeutet dies ebenso keine Zeit der Ruhe. Immer wieder überfielen Wikinger die Region und das Königreich Aquitanien existierte nur bis ins Jahr 863, wurde aber 1036 wieder als Lehen, zusammen mit der Gascoigne errichtet.
Einen wirklichen Aufstieg der Stadt gelang unter Eleonore von Aquitanien, die das Lehen von ihrem Vater erbte und eine Ehe mit Ludwig IX. von Frankreich einging. Die Hochzeit wurde 1137 in Bordeaux gefeiert. Tatsächlich blieb die Verbindung kinderlos und damit machtpolitisch wenig erfolgreich und wurde im Jahr 1152 annulliert. Kurz darauf heiratete Eleonore Henri Plantagenêt, der zwei Jahre danach zum englischen König Heinrich II. gekrönt wurde und damit Aquitanien zum englischen Kronland machte. Somit wurde Bordeaux eine englische Stadt und erlebte einen wirtschaftlichen Aufstieg, den der Handel mit der Insel sollte schnell florieren. Der Erfolg zeigte sich unter anderem darin, dass eine zweite Stadtmauer gebaut werden konnte, die im 14.Jahrhundert wiederum weiter ausgebaut wurde. Bordeaux wurde Hauptstadt des Fürstentums Guyenne (die englische Version von Aquitanien). Der Export von Wein war die Erfolgsformel und führte zu einem für die Gegend außerordentlichen hohen Lebensstandard in jenen Jahren des späten Mittelalters. Die kirchlichen Bauwerke wie Saint Michel oder Saint André wurden erbaut und 1441 wurde die Universität der Stadt gegründet. Erst mit dem Ende des Hundertjährigen Krieges in der finalen Schlacht von Castillon fiel die englische Provinz Guyenne und gehörte ab 1453 wieder zu Frankreich.

Die Neuzeit – Zwischen Misstrauen, Goldenem Zeitalter und Revolution

Begeisterung war aber keinesfalls zu spüren, als die Bourdelais, wie die Einwohner der Stadt genannt werden, wieder zu Frankreich gehörten und das schon allein aus ökonomischer Sicht; Bordeaux Absatzmärkte in England waren von einem auf den anderen Tag weggefallen. Gleichfalls waren die französischen Autoritäten nicht von der Loyalität der neuen Mitbürger überzeugt und ließen als erstes zwei Festungen mitten in der Stadt bauen. Es handelte sich bei dem Château de la Trompette und dem Château du Hâ zwar um Verteidigungsbauten, die eigentlich vor fremden Mächten Schutz bieten sollten, aber die Geschütze konnten ohne Probleme auch gegen potentiell Aufständige in der Stadt gerichtet werden. Dies wiederum sah die Bevölkerung als größtmögliche Provokation. Der Neustart lief also erstmal ohne großes Vertrauen beider Seiten ab, doch das Verhältnis sollte sich entspannen. 1494 bekam die Stadt erstmals wieder die Möglichkeit, eine begrenzte Selbstverwaltung durchzuführen. Tatsächlich waren aber wirtschaftliche Blütezeiten nun seltener. Dafür war Bordeaux ein Ort des aufblühenden Humanismus, so war Michel de Montaigne Bürgermeister der Stadt. Die eher antiroyal geneigte Stadtbevölkerung versäumte es aber auch nicht ihren Unmut gegen den königlichen Hof zu zeigen und im 17. Jahrhundert kam es zu einigen Aufständen, die allerdings niedergeschlagen wurden.
Dem folgte aber eine dritte Blütezeit der Stadt, denn Bordeaux bekam das französische Monopol für den Westindien-Handel, in denen die Franzosen mehr und mehr einstiegen und wurde schnell zum zweitgrößten Hafen Europas. Im 18. Jahrhundert erlebte Bordeaux daher sein Goldenes Zeitalter. Der geschäftige Hafen, der Teil des lukrativen, aber moralisch äußerst fragwürdigen Dreieckshandels zwischen Europa, Afrika und Amerika war, brachte Reichtümer an die Garonne. Prächtige Stadthäuser entstanden und schon in dieser Zeit wurden die Fortifikationsanlagen abgerissen, allein schon deshalb, um den Hafen am Fluss weiter ausbauen zu können. 1733 wurde der glorreiche Place de la Bourse eröffnet, welcher vom Fluss ankommenden Gästen schon auf dem ersten Blick den selbstbewusst zur Schau gestellten Prunk der Stadt ankündigte. Neue Straßenzüge und Promenaden wurden angelegt, öffentliche Gärten angepflanzt und urbane Plätze angelegt, so wie die heutigen Place Gambetta oder Victoire. 1773 öffnet schließlich das Grand Théâtre, das zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Es sind die klassizistischen Bauten dieser Epoche, die auch heute noch das Stadtbild von Bordeaux prägen.
Die Französische Revolution brach mit dem Sturm auf das Château de la Trompette auch in Bordeaux aus. Zwar wurde die Stadt 1790 die Hauptstadt des neu geschaffenen Départements Gironde und mit den Girondisten wurde sogar eine liberale Gruppe in der neugeschaffenen Nationalversammlung in Paris in den Anfangszeiten der Republik federführend, aber schon bald übernahmen die Jakubiner die Herrschaft und mit ihnen schwappte der Terror über Frankreich. Über 300 Bordelais wurden öffentlich geköpft. Die wirtschaftliche Katastrophe setzte nur wenig später mit den napoleonischen Kriegen ein, denn mit der Kontinentalsperre gegenüber Großbritannien, kam der Handel der Hafenstadt fast zum Erliegen. Einzig die Verlegung von Truppen in den Süden brachte eine Verbesserung der Infrastruktur, dessen bedeutendstes heutiges Zeichen, die 1807 begonnene Pont die Pierre ist, die seit 1821 den gewaltigen Strömungen der Garonne ausgesetzt ist (in Bordeaux sind die Auswirkungen von Ebbe und Flut deutlich zu spüren). An die Stelle des Château de la Trompette wurden die Esplanades des Quinconces, der damals größte Platz der Welt angelegt, der jedoch heute wie ein überdimensioniertes Exerzierfeld wirkt.

Vom 19.Jahrhundert bis heute: Ringstraßen, verlegte Regierungen und der Zusammenschluss zur Metropole

Im 19.Jahrhundert hatte Bordeaux einen guten Ruf in der Welt der Kunst, so lebten Stendhal und Francisco de Goya hier (letztere starb auch in der Stadt). Die Bevölkerung der Stadt wuchs schneller an als je zuvor, die Welle der Industrialisierung jedoch, die die meisten Städte Europas maßgeblich veränderte betraf Bordeaux weniger. Die Glasindustrie entwickelte sich, als man Wein nun in Flaschen abfüllte. Tatsächlich entstand in Bordeaux aber nie eine wirklich bedeutende Schicht der Arbeiterschaft.  
Das Bordeaux keine Industriestadt wurde hat auch damit zu tun, dass die Weinproduktion in der Region schon seit der Antike eine hohe wirtschaftliche Bedeutung hatte und zusammen mit dem Hafen die guten Geschäfte beförderte. In eine fast existentielle Krise kam damit nicht nur dieser Wirtschaftszweig, sondern die gesamte Weinregion als die Reblaus in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts in Europa ihr Unwesen trieb und Millionen von Hektar Rebfläche vernichtete. Nur unter sehr hohem Einsatz und der Einführung resistenter Weinstöcke gelang es diese Krise zu überwinden.
Im Jahr 1853 beschloss man den Bau einer Ringstraße, um die Stadt herum. Dieses Unternehmen war Grund für zahlreiche kontroverse Überlegungen, wo ein günstiger Verlauf der Straßen liegen sollte, denn Bordeaux wuchs aus seinen engen Grenzen immer weiter in die Vorstädte hinaus. So wurde beschlossen die Ringstraße, die zukünftig nur die „Boulevards“ genannt wurden, in einer Linie zu ziehen, die einige Vorstädte außerhalb beließ, so wie Caudéran, dass sich im weiteren Verlauf aber zu einem eleganten Vorort entwickelte. Bis in die 1880er Jahre wurde an den Boulevards gebaut, die die gesamte linke Uferseite der Garonne umfasst, den weitaus größten Teil Bordeaux. An diese Boulevards setzen dann die neuen Stadtviertel an, die im Laufe der Jahrzehnte entstanden. Diese waren dabei recht homogen, von einfachen Siedlungen bis hin zum gehobenen Vorort mit seinen Jugendstil Bauten, wie im schon erwähnten Caudéran. Der Schienenverkehr erreichte ebenfalls die Stadt, zwei wichtige Eisenbahnlinien begannen in Bordeaux und das auch heute noch sichtbarste Zeichen dafür ist der 1898 eröffnete Gare Saint Jean.
Schon einige Jahre vorher, nämlich 1870, wurde Bordeaux kurzzeitig Hauptstadt Frankreichs, als die Nationalversammlung im Deutsch-Französischen Krieg flüchten musste. Dieses Szenario wiederholte sich noch zweimal; 1914 und im Juni 1940, beides wieder im Zusammenhang mit der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen. So hat sich bis heute noch der Ruf Bordeaux gehalten, die „heimliche Hauptstadt“ Frankreichs zu sein.
In den Zwischenkriegsjahren war der Hafen, die Weinproduktion und der Holzabbau in Les Landes die wichtigsten Standbeine der Ökonomie der Region, auch wenn diese Produktionszweige immer mal wieder mit größeren Krisen zu kämpfen hatte. Nicht unerheblich ist der Fakt, dass die Neubauten jener Jahre sich ins Stadtbild integrierten, als Beispiele können hier die Bourse de Travail (1938) oder die Piscine Judaique gelten (die allerdings in neuster Zeit ein recht unansehnliches Glasvordach bekam).
Nach dem 2.Weltkrieg übernahm Jacques Chaban-Delmas das Amt des Bürgermeisters in einer fast schon rekordverdächtigen Amtszeit von 1947 bis 1995! Unter seiner Führung entstanden modernistische Projekte wie das Mèriadeck-Viertel in direkter Nachbarschaft zur Innenstadt, dass einen deutlichen Bruch mit dem klassizistischen Erbe der Bausubstanz darstellt. Chaban-Delmas dachte aber Bordeaux auch als metropolitane Region, das aus Kernstadt und in die Region wachsenden Städten besteht, die eng zusammenarbeiten sollten. Die Universität der Stadt wurde in den Vorort Talence verlegt, zum einen, um einen geschlossenen Campus zu erhalten, zum anderen vielleicht aber auch, um potentiell revoltierende Studenten aus der Innenstadt raushalten zu können. Der Hafen wurde aus der Stadt entfernt und flussabwärts nach La Verdon an die Gironde verlegt (aus der Bordeaux durchfließenden Garonne und der Dordogne wird wenige Kilometer nach Bordeaux die Gironde, welche in den Atlantik fließt). 1966 wurde der Gemeindeverband Communauté urbaine de Bordeaux gegründet, der heute den Namen Bordeaux Métropole trägt und der mit seiner Größe auch ein deutlicheres Bild über den Umfang von Bordeaux abgibt, als die viel engeren Grenzen der administrativen Kernstadt. Er ist für alle Probleme zuständig die über die jeweiligen Gemeindegrenzen hinausgehen und besitzt ein eigenes Parlament. Zu seinen wichtigsten Aufgaben in letzter Zeit gehört die Koordination der öffentlichen Verkehrsbetriebe. In jene Jahre des Zusammenschließens fällt auch der Bau und die Öffnung (1972) des Autobahnrings der Stadt (der A630), der wie die Boulevards des 19. Jahrhunderts wiederum die gewachsene Stadt neu umschließt. Innerhalb des Autobahnrings trifft man heute auf dichte Bebauung, dahinter wird die Siedlungsdichte erheblich dünner.
Ein neuer Abschnitt in der Verkehrsplanung der Stadt ist die Wiedereinführung der Straßenbahn, die seit 2008 auf drei Linien die Innenstadt mit den Vororten verbindet und dabei über 200.000 Passagiere pro Tag befördert. Nicht zuletzt die Berufung als UNESCO-Weltkulturerbe 1976 förderte das Bewusstsein für das einzigartig erhaltene Stadtbild Bordeaux mit seinen vielen klassizistischen Bauten, das auch seit den 1990er Jahren weiter aufgewertet wird, wie beispielsweise durch die neuangelegte Uferpromenade. Gleichzeitig möchte Bordeaux natürlich auch nicht den Sprung in die Gegenwart verpassen, wie man am neuen Viertel um die Brücke Chaban-Delmas und die Cité du Vin sehen kann. Für die Zukunft plant die Stadt auch mit dem nationalen Projekt „Bordeaux – Euratlantique“, das nicht nur den Bahnhof Sant Jean mit einem TGV Anschluss nach Paris erhöht, sondern den gesamten Umkreis des Bahnhofs, der tatsächlich nicht unbedingt zu den Glanzlichtern der Stadt zählt, zu einem neuen blühenden Stadtteil aufwertet, der hauptsächlich als Wirtschaftsstandort funktionieren soll.    

Geschichte von Los Angeles

Every city has ist boom, but the history of Los Angeles is the history of booms” [Carey Mc Williams]

Am 4. September 1781 gründeten 44 Siedler in der Nähe der franziskanischen Mission San Gabriel die Gemeinde Los Angeles. Tatsächlich war es aber die folgenden Jahre recht einsam im Süden des heutigen Kaliforniens. Auf großen Farmen wurde Landwirtschaft betrieben und es gab etwas Handel mit von der Ostküste der USA kommenden Schiffen. Dem ein oder anderen Seemann muss die Gegend angenehm vorgekommen sein und er sah im wohltemperierten Klima dieses so weit abgelegenen Ortes die Möglichkeit, selbst Geld zu machen. Ein Beispiel dafür ist Abel Stearns, der in den 1820er Jahren aus Massachusetts hier landete und sich schnell zum Katholizismus der damaligen Einwohner bekehren ließ, denn Kalifornien gehörte bis 1848 zu Mexiko (und vor dessen Unabhängigkeit zu Spanien, mehr Details gibt es im Beitrag zur Geschichte Kaliforniens). Stearns ließ ein Warenhaus bauen, eröffnete eine Pferdekutschenverbindung und wurde in den 1840er Jahren Besitzer weiter Landflächen, die er zur Viehzucht nutzte. Der steigende Wohlstand im Norden Kaliforniens, durch den Goldrausch von 1849, erhöhte die Absatzmärkte von Vieh. Der Wirtschaftszweig florierte bis eine große Dürre in den 1860ern abertausende von Tieren dahinraffte und die ursprünglichen Rancheros in große wirtschaftliche Schwierigkeiten brachte.
Sonst blieb das Örtchen Los Angeles von den Auswirkungen des Goldrausches im Norden des Bundesstaates kaum beeinflusst und hatte bis zu seiner Erlangung des Stadtrechts 1850 nicht mehr als 2.000 Einwohner. Trotzdem trug das seiner Zeit eher unbekannte Städtchen den Beinamen „Höllenstadt“, weil es einer der gefährlichsten Orte der USA war. So soll es im Los Angeles County pro Tag einen Mord gegeben haben und das bei einer Gesamtbevölkerung von 3.600 Einwohnern.
Der Ruf verschlechterte sich noch mit den chinesischen Massakern von 1871, als 20 Chinesen von einem wütenden weißen Mob getötet wurden. Ein rassistischer Hass auf die Chinesen war damals ein weitreichendes Phänomen in Kalifornien, wo es durch die pazifische Anbindung in jeder größeren Ansiedlung auch einige Asiaten gab, die häufig in ihren eigenen Vierteln lebten, wie ab den 1880er Jahren auch in Los Angeles. Das Chinatown befindet sich heute noch etwas nördlich der Innenstadt (für das es aber auch schon eine suburbanisierte Form gibt, das New Chinatown). Der größere Teil der Bevölkerung war über das landesweit Aufmerksamkeit erhaltene Massaker schockiert. Die kriminellen Machenschaften und die Rufschädigung wollte und konnte man nicht auf sich sitzen lassen und so gründete man Einrichtungen, wie das „Rebuild LA Committee“, welche sich für eine bessere urbane Zukunft von Stadt und Region einsetzten. Tatsächlich startete ab den 1880er Jahren ein Boom in Los Angeles. Noch 1880 war die Stadt auf Rang 187 im US-Zensus der größten Städte. Nur 40 Jahre später war es schon die größte Stadt im Westen des Landes. Wie konnte das passieren?

Anders als in San Francisco, in dessen Umgebung man Gold fand, waren schnelle Reichtümer aus der Erde hier nicht zu finden, sieht man von den begrenzten Erzvorkommen im Death Valley ab, das aber erstens weit entfernt war und zweitens bei weitem keine so große wirtschaftliche Strahlkraft hatte, wie das Gold und später das Silber das in San Francisco gehandelt wurde. Der schon angesprochene Niedergang der Vieh-Ranchs ab den 1860er Jahren, führte zu einer Umverteilung der Besitzverhältnisse, die für die weitere Entwicklung nicht unwichtig wurde. Neues Kapital kam aus San Francisco, wo die Besitzer der Silberbergwerke und der neuen transkontinentalen Eisenbahn erheblichen Reichtum angehäuft hatten und den nun ruinierten Weidelandbesitzer ihr Land abkauften. Es stand zur Debatte, was man mit den Landflächen am besten anstellen könnte. Es wurde Schafwirtschaft betrieben und später Weizen angebaut. Auch wenn man damit einige Zeit gute Profite einstrich, war dies keine Boomwirtschaft und die Gewinne waren überschaubar. Es musste sich also etwas ändern.
Die Voraussetzungen für den schnellen Aufstieg der Stadt lagen in der Eisenbahn und dem Bau einer zweiten kontinentalen Eisenbahnverbindung Kaliforniens von Los Angeles aus in Richtung New Orleans. Die Stadt sollte zu einem neuen Verkehrsknotenpunkt werden. Tatsächlich waren die ersten Jahre der Anbindung, keinesfalls als erfolgreich zu bezeichnen. Die lokale Landwirtschaft litt unter billig herangebrachten Produkten aus dem Osten. Die Eisenbahn sah sich in der Verantwortung, die Landwirtschaft in der Region zu stärken, wollte man weiterhin zahlreiche Güter von und nach Los Angeles transportieren und damit Geld machen. Der Anbau von Zitrusfrüchten war eine geeignete Lösung. Sie zog zahlreiche neue Investoren an, welche gleichzeitig den Wert des Landes steigerten. Mindestens ebenso wichtig war, dass man gleichzeitig ein angenehmes Image als mediterranes Paradies aufbauen konnte, wo die Früchte der Sonne wachsen. Daraus konnte wiederum der einsetzende Tourismus der Region gestärkt werden. Mit dem gestiegenen Interesse und sich verteuerndem Land, setze schließlich der Wirtschaftszweig ein, der den Boom in Los Angeles maßgeblich prägte, der Immobilienhandel. Innerhalb der Stadt, angefangen bei der lokalen Zeitung Los Angeles Times, über Banken und Landentwicklungsunternehmen, machten sich wirtschaftliche Akteure daran, ein Image der Stadt zu erschaffen, dass auf den Pfeilern: Sonnenschein und ewig gutes Wetter, keine lästigen Gewerkschaften (entsprechende Gesetze dazu wurden erlassen), sowie der Lebensweise traditioneller (konservativer) Werte abzielte. Das Wesen und die Arbeit der frühen franziskanischen Missionen wurde gepriesen und gefeiert, Südkalifornien und Los Angeles stellten das heile Traumland dar, in Zeiten der Massenverstädterung und des Elends der Arbeiterklasse, war hier eine gesunde Alternative am entstehen. Der Aufbau dieses Images war ein großes Zugpferd für die in Scharen kommenden sogenannten WASPs, weiße Protestanten angelsächsischer Herkunft, welche aus dem Mittleren Westen der USA immigrierten und sich hier ein besseres Leben erhofften.
Die Isolation Kaliforniens des am Rande liegenden Nirgendwo, wurde so allmählich aufgehoben und ersetzt durch das Bild eines reichen und gesunden Südkaliforniens, das noch heute ein Grundpfeiler der kalifornischen Identität ist. Mit Mike Davis, dessen Buch „The City of Quartz“ eine brillante Studie der Stadtgeschichte LAs ist, kann man erstaunt feststellen, dass Los Angeles tatsächlich damals schon eine Imagepflege betrieben hat, wie man sie in den letzten 30 Jahren nur von postindustriellen Städten kennt, die ein (neues) Bild von sich entwerfen müssen (weil die Industriestadt in Nordamerika und Europa ausgedieht hat). In LA tat man das in einer Zeit, als die Stadt noch gar keine Industrie hatte! Schnell wurden neue Städte und Siedlungen gebaut, die sich zu den drei bestehenden Städten Los Angeles, sowie San Buenaventura und San Bernadino zugesellten, wobei klar war das Los Angeles der Kern des neuen urbanen Gebietes war.
Die Landwirtschaft erlebte den erhofften großen Aufschwung und bis zur Jahrhundertwende entwickelte sich Südkalifornien zum ertragreichsten Gebiet der USA. Durch den nicht versiegenden Strom von neuen Siedlern, erhielt die Bodenspekulation auftrieb, ein Geschäftsfeld das von damals bis heute maßgeblich zum Aussehen und zur Ausbreitung des heutigen LAs beigetragen hat. Schon 1860 stellten übrigens Beobachter fest, in der Stadt gebe es eine höhere Dichte an Immobilienmaklern als irgendwo sonst auf der Welt.
Die konjunkturelle Schwächeperiode der 1890er Jahre zeigte die wirtschaftlichen Schwachpunkte der Region auf, die ganz auf Bauwirtschaft und Immobilien gegründet war. Konsequenterweise wurde in deren Folge ab 1900 verstärkt auf ein bisher nicht vorhandenes industrielles Wachstum gesetzt, dessen Beispiel der nordostamerikanische American Manufacturing Belt gab. Bis 1920 wandelte sich Los Angeles so, zur einer Industriestadt, wenngleich noch auf bescheidenem Niveau. Es etablierte sich die Ölindustrie, bedingt durch Ölfunde im Umland, die neu entstehende Filmindustrie, welche im klimatisch vorteilhaften LA perfekte Bedingungen antraf und die Flugzeugindustrie, die vor allem auf private Initiativen von Unternehmern wie der Loughead Brüder (Lockheed) und Donald Douglas entstand.

Von essentieller Wichtigkeit für den weiteren Aufstieg der Stadt war daher das Schaffen geeigneter Infrastruktur. Mit der Fertigstellung des Los Angeles Aqueducts 1913 und weiterer Trinkwasserverbindungen wurde die wachsenden Stadt mit notwendigem Trinkwasser versorgt. Der Ausbau des Hafens war eine weitere Notwendigkeit und so wurde 1907 der Port of Los Angeles eröffnet.
Zum Wachstum der Stadt gehörte das damals überragend dichte Nahverkehrsnetz der „Red Cars“, das eine intensive, aber nur kurze Geschichte hatte, denn keine andere Stadt der Welt erfuhr so zeitig eine massenhafte Automobilisierung wie Los Angeles, die wiederum zu einer kontinuierlichen Abschaffung der gerade erst eingerichteten Straßenbahnen führte, deren Zahl sich von 1924 bis 34 halbierte, während die großen Boulevards, Figeroua, Pico, Western, Olympic, Wilshire und Sunset breit ausgebaut wurden, um die neue Verkehrslast bewältigen zu können. Schon 1925 gab es in keiner anderen amerikanischen Großstadt so viele Autos wie in LA und die Stadt entwickelte sich von da an, zur weltweit massivsten Autofahrerstadt. 1924 zählte man 310.000 Autos, die täglich in die Stadt hineinfuhren und die Kreuzung Adams/Figueroa Street war mit fast 70.000 Fahrzeugen pro Tag, der verkehrsreichste Punkt der USA. Damals kam ein Auto bereits auf 1,6 Einwohner! Eine Rate auf welche die USA insgesamt erst in den 1950er Jahren kommen sollte. 1940 schließlich wurde der Arroyo Seco Parkway eröffnet, der erste Autobahnabschnitt, der Downtown und Pasadena verband und damit den ersten Teil des komplexen und ständig vollen Autobahngewirrs der Region darstellt (heute gibt es in Greater LA mehr Autos als in ganz Russland!).
Tatsächlich führte die Möglichkeit und die breite Nutzung des wachsenden Individualverkehrs zu einer Abwertung der Downtown innerhalb von Los Angeles. Wurden 1920 noch 90% des Einzelhandels hier durchgeführt, sank diese Rate bis 1950 auf lediglich 17%. Die Autostadt LA ist damit fast schon genetisch mit der Suburbanisierung und ihrer ständig weiteren Dezentralisierung verbunden. Mit dem Bedeutungsverlust der Downtown folgte der Aufstieg der Westside, die sich als Zentrum einer neuen städtischen Elite der Filmwirtschaft etablierte.

Die Migrationströme die sich sich in Los Angeles ansiedelten bekamen im Laufe der Jahre neue Quellen. Mexikanier, aber auch Japaner und Süd- bzw. Osteuropäer immigrierten in die bis dato fast ausschließlich von WASP dominierte Stadt (Indianer spielten schon lange keine Rolle mehr). Los Angeles entwickelte sich zu einem multi-ethnischen Schmelztiegel an der Westküste, der aber mit scharfen ethnischen Separierungen einherging. Tatsächlich waren diese Separierungen ein Ergebnis der Immobilienindustrie. Es waren insbesondere weiße Hausbesitzer, die sich in eigenen „Communities“ versammelten, die darauf bedacht waren, dass der Preis für Grund und Boden wertvoll blieb, was augenschienlich heißen musste, dass nur andere Weiße als geeignete Nachbarn akzeptiert waren. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten sich Eigentümergemeinschaften, denen nicht nur darum ging Verbesserungen in und für die Nachbarschaft zu erzielen, sondern vor allem auch darum Nicht-Weiße oder Latinos aus ihrem Gebiet herauszuhalten.
Durch die schon erwähnte Dezentralisierung LAs wurde aus dem Wachstum der Stadt, dass Wachstum des Umlands von Los Angeles, wo schon in den ersten zwei Dekaden des 20.Jahrhunderts 40 neue Städte gegründet wurden, die sich polyzentrisch um die Stadt verteilten. Damals war dies noch zum Großteil dem Auffinden von Ölvorkommen geschuldet. Das Ergebnis das schon in jener Zeit zu Tage trat, lässt sich in den Worten von Edward W.Soja und Allen J. Scott folgendermaßen beschreiben: „Die Ölraffinerie, das Automobil, der Flughafen, das Filmstudio, die Gemeinden an den Stränden und in den Bergen, die Arbeitersiedlungen der Immigranten, das Industriegebiet und der Allzwecktourismus – sie alle spannten die Stadt gleichsam auf und ließen damit eine umfassende Pluralität urbaner Orte und Erfahrungen entstehen“ (aus: Schwentker; S. 288).
Die Stadt Los Angeles gemeindete ab den 1920er Jahren zahlreiche umliegende Gebiete (wie bspw. Venice oder Watts) ein und erhielt so ihre heutige Form. Einige Gemeinden konnten sich jedoch ihre Eigenständigkeit erhalten, so wie Beverly Hills und Santa Monica, was den etwas eigenwilligen Grundriss der Kernstadt in der heute riesig ausfransenden urbanen Agglomeration Los Angeles ausmacht. Den flächenmäßig größten Zuwachs machte die Stadt aber schon 1915, als es das San Fernando Valley kaufte und damit ihre Größe verdoppeln konnte. Zum Zeitpunkt des Kaufs noch ein übersichtliches Gebiet mit Farmen, wurde das Tal besonders nach dem 2. Weltkrieg zu einem der zentralen Baustellen des neuen „LA suburbia“ mit ihren typischen Einfamilienhäusern, kleinem Garten und Pool, breiten Boulevards und Einkaufszentren.
Der Wachstumsboom setzte aber bereits in den 1920er Jahren ein, als außergewöhnlicher Bevölkerungsschub Los Angeles erfasste. Die Bevölkerung des LA Countys verdoppelte sich von einer auf zwei Millionen Menschen in dieser Dekade, in welcher Los Angeles 1928 zum ersten Mal Ausrichter von Olympischen Spielen wurde. Auch wenn die Große Depression ab 1929 den Zuzug milderte, verschwand er in den 1930er Jahren nicht. Bis 1940 wurde bereits der komplette Südwesten des LA Countys (das LA County hat eine Größe von 12.308 km², das entspricht fast 80% des Landes Schleswig-Holsteins) besiedelt. Insbesondere Industriearbeiter zogen in die Region, in welchem der sekundäre Wirtschaftssektor das gleiche Wachstum erreichte, wie das in jenen Jahren noch expandierende Detroit. 1935 war Los Angeles die fünftgrößte Industrieregion in der USA, ein Fakt, den man mit der Stadt bis heute eigentlich gar nicht verbindet. Neben den Produzenten der Träume in Hollywood (deren tatsächliches Arbeitskraftpotential nicht zu überschätzen ist), der Ölindustrie und dem Flugzeugbau waren ebenfalls die Zulieferindustrie für Fahrzeuge, der Reifenbau, die Möbelherstellung und die Kleidungsindustrie große hier ansässige Branchen. Die neuen und zumeist billigen Industriearbeitsplätze wurden zum Teil auch von der „dust bowl“ Migrationen besetzt, den sogenannten Okies, welche aber hauptsächlich ins Great Valley zogen, oder aber von ausländischen Immigranten und schwarzen Amerikanern.
Der 2. Weltkrieg und die einsetzende Kriegsproduktion führten zu einem erneuten kräftigen Wachstum. Man kann davon sprechen das Los Angeles eine ganz eigene Form des Keynesianismus bekam, denn staatliche Militärausgaben wurden im großen Maße in Südkalifornien investiert (und somit die Region quasi vom Bundesstaat subventioniert). Militärbasen und die Luftfahrtindustrie entwickelten sich zu blühenden Wirtschaftszweigen, die noch bis weit nach dem 2. Weltkrieg die Wirtschaft ankurbelten und in deren Nachgang zum Aufstieg der Raumfahrtindustrie führte. Dieser neue industrielle Schub beflügelte natürlich auch den weiteren Ausbau der Stadt und damit auch das Kerngewerbe der Stadt, den Immobilienboom.
Bis 1970 wuchs nicht nur das Los Angeles County von drei auf sieben Millionen Einwohnern an, sondern auch die schon darüber hinausgewachsene Agglomeration von Vorstädten breitete sich auf andere benachbarte Countys aus. Insbesondere das südlich gelegene Orange-County verzehnfachte seine Einwohnerzahl in diesen drei Dekaden auf 1,4 Millionen Einwohner. Los Angeles erlebte eine Suburbansierung, daher eine sich in der Fläche ausbreitende Verstädterung die das städtische Kerngebiet räumlich weit hinter sich lässt, wie sie in dieser Form niemals vorher auftauchte. Der Häuserbau ging quasi durch die Decke (wobei man dies eher horizontal sehen müsste). Allein im San Fernando Valley entstanden 1947 über 10.000 neue Wohnhäuser. Hier machte sich der Unternehmer Henry J. Kaiser einen Namen und ein Vermögen, als er preiswerte Fertighäuser vielen, von staatlichen Programmen begünstigten, Kriegsveteranen verkaufen konnte. Das 1950 begonnene Lakewood, östlich von Long Beach war eine nur innerhalb von drei Jahren entstandene Mustersiedlung der Suburbanisierung auf der 17.500 Häuser für 57.000 neue Einwohner entstanden.

Los Angeles schien die Träume aller Immobilien-Käuferschichten erfüllen zu können, ausgenommen vielleicht man gehörte einer der großen Minderheiten an, wie den Mexikanern oder Schwarzen. Diese lebten zunehmend abgekapselt in ihren eigenen Vierteln, wie beispielsweise in East Los Angeles, in dem noch heute 87% der 124.000 Einwohner sich zur ethnischen Gruppe der Latinos zählen (ein interessanter Fakt ist, das East LA eine unincorporated area ist, also ein gemeindefreies Gebiet, dass sich nicht selbst verwalten darf). Wie schon erwähnt, war es nicht einfach möglich für Minderheiten sich in rein Weißen Gebieten anzusiedeln, da diese Mittel und Methoden (auch die Zuhilfenahme des Ku Klux Klans) wählten, um möglichst die Reinheit (in rassischer Sichtweise) und damit die finanzielle Attraktivität ihres Viertels zu bewahren.
Diese Spannungen bleiben nicht ohne Konflikte. Schon 1943 kam es zu den Zoot Suit Unruhen, zwischen in LA stationierten Soldaten und zumeist mexikanisch-stämmigen Jugendlichen. Seit der Zeit des 2.Weltkriegs zogen in einem bisher in dieser Größenordnungen nicht gekannten Ausmaß schwarze Amerikaner nach Los Angeles, da sie hier, beispielsweise in der Luft- und Verteidigungsindustrie, nicht von Rassendiskriminierung betroffen waren. Rund 600.000 Afro-Amerikaner siedelten sich in der Wachstumsmaschine Los Angeles an, wo es für die nicht-Weißen Neuankömmlinge jedoch räumlich immer weniger Platz gab. Sie zogen meistens nach South Central LA, wo viele weiße Siedler daraufhin ihre Wohnquartiere aufgaben und in die gerade nach dem 2.Weltkrieg wie Pilze aus den Boden schießenden Vororten umzusiedeln.
Die Gestaltung der Stadt obliegt somit zunehmend den Besitzern von Wohneinheiten (aber keinesfalls den wenngleich nicht zahlreichen Mietern), welche für die Verbreitung des sich ausufernden Großraums LA verantwortlich sind. Die immer weiter in die Fläche hinauswachsende Stadt wird zu dem Markenzeichen des Großraums Los Angeles. Den neuen Hausbesitzern wird administrativ dazu der Weg geebnet, indem neue Vorort-Ansiedlungen steuerlich besser gestellt wurden, als größere städtische Verwaltungseinheiten. Das führte wiederum zu einem weiteren Entstehen und Auswachsen neuer Siedlungen im Großraum Los Angeles, während die Kernstadt potentiell kräftige Steuerzahler an diese neuen, sogenannten „minimal cities“ im Umland verlor und gleichzeitig mit finanziell schwächeren Gruppen bzw. niedrigeren Steuerzahlern zurückblieb. Ein weiterer Effekt dieser Entwicklung war die Manifestierung einer Ideologie des Anti-Bürokratismus und des Anti-Wohlfahrtstaates, die besonders von den Wohneigentumsgemeinschaften getragen wurde, denen es um die Maximierung der lokalen Vorteile ging. Dies trieb letztendlich auch die Segmentierung der urbanen Landschaft voran und ließ eine Bevölkerung in der Kernstadt zurück, die allerdings wiederum immer stärker auf öffentliche Funktionen angewiesen war.
Ein weiterer Faktor für die Zersiedlung der Stadtregion war die zunehmende Bedeutung der Hochtechnologie, wie der Elektrotechnik, die sich geografisch vom zentralen Industriekern der Stadt entfernte und sich beispielsweise im Orange County ansiedelte, wo wiederum zumeist Weiße Arbeitskräfte wohnten. Diese Trennung der Ethnien wurde (und ist) für Los Angeles zu einem Dauerproblem. Ein weiteres Beispiel lässt sich 1965 bei den Watts Rebellion aufzeigen, den bis dato gewalttätigsten städtischen Aufruhr in der US-Geschichte mit 34 Toten und über 1.000 Verletzten in sechs Tagen Ausnahmezustand.
Der Boom der Region LA schwächte sich in den 1970er Jahren etwas ab. Weitere Zuwächse gab es nun weniger in der Stadt Los Angeles oder im County, als mehr in den benachbarten Countys, weshalb Soja und Scott vom Übergang „einer Phase der großflächigen Suburbanisierung der Stadt zu einer Periode der breit angelegten Suburbanisierung der gesamten Region“ (S. 294) sprechen. Gelegentlich wird dieser Prozess als „Posturbanisierung“ bezeichnet. Was auch immer man für einen Begriffe gebraucht, einzigartig an der Entwicklung von Los Angeles ist nicht der Fakt, dass der Großraum sich zu einer Megacity entwickelte, sondern das dieses massive Wachstum auch nach 1960 nicht verschwand. Los Angeles wurde zur letzten boomenden Mega-City der voll industrialisierten Welt der USA oder Europas, wo städtische Großräume nur noch langsam weiter wuchsen oder sogar wieder abnahmen (freilich im Gegensatz zu den neuen Boomstädten in Asien oder Lateinamerika, die von da an erst zu boomen begannen und in Anzahl und Einwohnerzahl der 1.Welt heute den Rang abgelaufen haben).
In der Innenstadt, der Downtown von Los Angeles, kam es ab den 1970er Jahren zu einer Neugestaltung, im bis dahin nicht wirklich als Kern der Stadt empfunden Bereich. Neue ökonomische Branchen wie Versicherungen oder die Finanzwirtschaft investierten in einem Hochhausboom in Downtown. Die Stadt bekam in wenigen Jahrzehnten die größte und höchste Skyline der Westküste. Parallel dazu entstand an der Westside, dem alternativen Stadtzentrum ein weiterer Verdichtungsraum aus Hochhäusern, die Century City (das auf dem ehemaligen Außenstudiogelände der 20 Century Fox Filmstudios gebaut wurde). Die 1980er Jahre, in welchem die Stadt ein zweites Mal die Olympischen Sommerspiele ausrichten durfte (allerdings bewarb sich für die Spiele seinerzeit auch niemand anderes, weil es ein sehr unsicheres finanzielles Unterfangen war, weshalb man bei den Spiele von 1984 erstmals massiv auf eine Kommerzialisierung des Ereignisses abzielte), waren geprägt von einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung, obwohl Jobs in der Industrie im Niedergang waren. Es verstärkte sich der Trend der Separierung zwischen einem gut bezahlten und hochqualifizierten Arbeitsmarkt und der rasant anwachsenden Gruppe von Niedriglohnjobs. In diesen fanden sich Mexikaner wieder, insbesondere sogenannte „Illegale“, daher Menschen, die ohne gültige Papiere eingewandert sind. Der wirklich lesenswerte Roman „America“ von T.C. Boyle erzählt recht eindrucksvoll vom Leben in LA in den 1990er Jahren und der Frage der illegalen Einwanderung und Migration. Zweifellos ist die Migrationswelle in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch vielfältiger geworden, als je zuvor und macht Los Angeles heute zu einer, wenn nicht der, ethnisch vielfältigsten Metropolen der Welt. Waren 1970 noch 70% der Einwohner angelsächsischer Herkunft, so waren es 1990 bereits 60% nicht-angelsächsischer Herkunft. Dabei spielt gleichfalls die Zuwanderung aus Asien eine Rolle, die rund 10% der Einwohner im LA County stellen, während in den letzten Jahrzehnten aber eine Re-Latinisierung (es darf nicht vergessen werden, dass die ersten Einwohner der Stadt bekanntlich Spanier und dann Mexikaner waren) maßgeblich für die Veränderung von Los Angeles ist, mit einem gewaltigen Anteil an neuen Einwohnern aus Mexiko und weiteren Ländern Lateinamerikas.
Das Bild der Stadt in den letzten dreißig Jahren ist jedoch nicht wirklich immer ein Glanzvolles gewesen. Der immer noch zunehmenden Autoverkehr führte schon seit den 1970er Jahren zu Problemen mit Smog, neben dem fast endlosen Staus der Stadt (in keiner Stadt der Welt steht man häufiger als in LA). Deshalb investiert man seit den 1990er Jahren wieder verstärkt in den schienenbezogenen Nahverkehr mit dem Bau eines neuen Stadt- bzw. U-Bahnsystems. Obwohl dabei viele Milliarden Dollar investiert wurden, ist der Erfolg überschaubar. Zum einen liegt dies daran, dass ein Untergrundbahnsystem in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet äußerst kostenintensiv ist, zum anderen aber auch an der starken Zersiedlung des Stadtgebiets und dem damit verbundenen Umstand das nicht nur lange Distanzen zurückgelegt bzw. gebaut werden müssen, sondern auch das Haltestellen zu Fuß in einer ausgetretenen Siedlungsstruktur einen geringeren Einzugsbereich haben.
Gleichfalls sind es soziale Konflikte, die in Los Angeles immer wieder hochkochen, wie bei den Unruhen von 1992. Auslöser, dieser wiederum größten Rassenunruhen in der Geschichte der USA, war der Freispruch von vier (weißen) Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King auf offener Straße misshandelten und dabei gefilmt wurden. Nach dem als skandalös empfundenen Urteil kam es vom 29.April bis zum 2.Mai zu solch gewalttätigen Ausschreitungen, dass 53 Menschen dabei starben und weit über 2.000 verletzt wurden.
Ein weiteres Problemfeld der Stadt ist die hohe Bandenkriminalität, die einige Stadtteile – insbesondere nachts – zu einer wenig empfehlenswerten Destination machen. So ist zum Beispiel die Mordrate in Compton sechsmal höher, als die des Bundesdurchschnitts der USA (die bekannterweise auch nicht die niedrigste der Welt ist).
Trotzdem etabliert sich Los Angeles im 21. Jahrhundert als Wirtschafts- und Kulturstandort nicht nur der Westküste der USA, sondern im verstärkten Maße auch im pazifischen Maßstab. Während Disneyland oder die Filmstudios immer noch die großen Magneten für Besucher sind, etablieren sich Museen und Galerien, nicht nur in der Westside, sondern auch in Downtown. Auch wenn die Stadt versucht sich herauszuputzen, so wie bei der Walt Disney Concert Hall, bleibt Los Angeles keine wirklich schöne Stadt, aber der kurze Blick in die Geschichte hat gezeigt, dass sie eine wahrlich spannende City ist und wohl auch bleiben wird.

Empfohlene Literatur:

Davis, Mike „City of Quartz“; 1992

Edward W.Soja und Allen J. Scott „Los Angeles 1870 – 1990“, in: Wolfgang Schwentker (Hrsg.) „Megastädte im 20. Jahrhundert“; 2006

Geschichte San Franciscos

Vorgeschichte: Indianer, Forts und Missionen

Städte an der amerikanischen Westküste haben immer eine – im europäischen Vergleich – sehr kurze Geschichte, allerdings kann man am Beispiel San Franciscos gut beobachten, wie reichhaltig, vielfältig und sprunghaft auch eine Stadthistorie sein kann, die gerade erst einmal rund 170 Jahre hinter sich gebracht hat. Dabei sind die Anfänge menschlichen Lebens in dieser Gegend natürlich weitaus älter. Vor rund 5000 Jahren siedelten hier der Indianerstamm der Ohlone. Da die Gegenden reich an natürlichen Nahrungsquellen waren standen die Einwohner unter keinem großen Druck sich zivilisatorisch weiter zu entwickeln und so hatten sie keine festen Siedlungen gebaut, als zum ersten Mal Europäer in diesen Teil der Welt vordrangen. Einer der ersten war Francis Drake, der britische Weltumsegler und Pirat, welcher auf der von ehemals fünf Schiffen einzig verbliebenen „Golden Hind“ die Welt umrundete und wohl nördlich der Einfahrt zum Golden Gate Station machte. Tatsächlich war es ihm, wie vielen weiteren Seefahrern in seiner Nachfolge, entgangen, dass es einen schmalen Zugang zu einer weiten Bucht gab, einem der wohl besten Naturhäfen der Welt, dessen größter Nachteil es war, lange nicht entdeckt worden zu sein und die heute den Namen San Francisco Bay trägt.

Es war erst das Missionswesen der in diesem Teil der Neuen Welt umher zivilisierenden Spanier, welche die Bucht erstmals wahrnahmen und das auch erst, nachdem sie schon rund 200 Jahre lang mehr oder besser zumeist weniger intensiv an den Küsten Kaliforniens segelten. Tatsächlich wurden ab 1769 Missionen in Alta California (übersetzt das „obere Kalifornien“, der heutige zur USA gehörende Bundestaat, „Niederkalifornien“ gehört zu Mexiko) gegründet, welche nicht nur dafür da waren, dass der katholische Glauben sich entlang des Pazifiks ausbreiten konnte, sondern mit denen der spanische Besitzanspruch auf das ungenutzte Land verdeutlicht werden sollte. Im Zuge der Etablierung eines Netzes aus etwa einem Tagesmarsch entfernten Missionen wurde 1776 der ersten Außenposten an der Bucht von San Francisco erbaut, wobei man sich auf der sandigen Spitze der Halbinsel niederließ, die heute das Stadtgebiet von San Francisco ausmacht. Unter Leitung von Juan Bautista de Anza wurde ein Presidio erbaut, dessen Nachfolger heute das Fort Point unter der Golden Gate Brücke ist. Drei Meilen südlich davon wurde eine Mission errichtet. Der Begründer des kalifornischen Missionswesens, Junipero Serra, plante sie nach Heiligen zu bennen, so bekam diese Einrichtung den Namen des Heiligen Franzi von Assisi. Als mit der San Carlos, erstmals ein Schiff durch das Golden Gate fuhr, und das benötigte Baumaterial brachte, konnte am 17. September 1776 das Presidio eingeweiht werden. Drei Wochen später folgte die Mission.

Die ersten Jahrzehnte in diesem damals entlegenen Winkel der Welt, müssen langweilig und einsam gewesen sein und schon gegen Ende des 18.Jahrhunderts war Berichten zufolge das Fort in einem heruntergekommen und erbärmlichen Zustand. Auch die Zusammenarbeit von Fort und Mission war wohl häufig von Unwägbarkeiten geprägt und insbesondere die Soldaten beschwerten sich darüber, dass ihre Versorgung durch die Mission alles andere als zufriedenstellend war. An dieser Situation änderte sich auch nicht viel, als Mexiko seine Unabhängigkeit erklärte und Kalifornien nun zum neu entstanden Staat gehörten. Seit 1824 Republik, hatte das neue Land kaum Ressourcen das Gebiet wirklich zu besiedeln und in die eigene Infrastruktur aufzunehmen. Eine einigermaßen wirksame Strategie war die Verteilung von Land an Farmer und Rancher, die Viehwirtschaft betrieben. Dadurch entstand ein kleiner Handelsplatz in der Bucht von San Francisco, die ihren Namen nach dem Titel der Mission erhielt. Der Warenaustausch folgte dem Prinzip des hide an tallow trade. Da es zu damaliger Zeit mehr Rinder gab, als die relativ kleine Bevölkerung essen konnte, gleichzeitig aber ein Mangel an anderen Waren vorlag, sogar an einer Zahlungseinheit, wurde das Fell des Rindes als Währung benutzt. Eine sehr hübsche Anekdote darüber stammt vom Presidio von Monterey, dem damals wichtigsten Ort Kaliforniens. Da selbst hier das Kanonenpulver so knapp war, soll es vorgekommen sein, das einkommenden Schiffen erst Schießpulver abgekauft werden musste, bevor man diese mit Kanonen-Salut offiziell begrüßen konnte. Sogar Richter konnten Geldstrafen in Formen von Rinderfällen aussprechen.
Schon damals wurde jedoch den Ersten bewusst, dass Kalifornien Potential haben könnte und wenn, dann würde es in der Bucht von San Francisco sein, dessen Herz und Mittelpunkt sie darstellte. Hier entwickelte sich seit den 1830er Jahren der kleine Hafen von Yerba Buena zu einem Anlaufpunkt, der am nordöstlichen Ende der Halbinsel entstanden war. Der englische Walfänger William Richardson war wohl der erste Bewohner von Yerba Buena, als er hier 1835 das erste Haus baute. Nachdem er die Tochter des Kommandanten des hiesigen Presidios ehelichte, wurde er Mexikaner. Bald darauf, zu etwas Wohlstand durch Fährtätigkeiten auf der Bucht gekommen, ließ er ein zweites Haus bauen, die Casa Grande, die heute der ältesten Straße der Stadt, der Grant Street ihren Namen gab. In den folgenden Jahren kamen einige weitere Häuser dazu und eine kleine Siedlung entwickelte sich, die sich allerdings keinerlei Schönheit rühmen konnte. Hütten und Adobehäuser gaben mit der Zeit mehreren hundert Menschen Platz zum wohnen. Die Einwohner jener Tage, die „Old Saw“ waren ein Gemisch aus Mexikanern, Amerikanern, Indianern, Holländern, Hawaiianern und Spaniern. Jeder ging seinen mehr oder meist weniger legalen Geschäften nach und Yerba Buena war eine Ansammlung an Betrügern, Vagabunden, Exzentrikern und Hedonisten, vor allem aber Händlern, während sich an den Gefilden der Bucht die durch Viehwirtschaft reich gewordenen mexikanisch-spanischen Familien, die „Caballeros“ niederließen. Diese wenigen Familien lebten durch die Arbeit ihrer Knechte und spannten ein enges soziales Netz untereinander. Diese Familien stellten mit einigem Missfallen fest, dass es immer mehr Amerikaner waren, die aus dem Osten in ihr Gebiet einwanderten. Man beschloss sie, mit Billigung des mexikanischen Staates, zu benachteiligen. Doch in dem dünn besiedelten Landstrich ließen sich trotzdem immer mehr Yankees nieder und schon bald kippte die Stimmung und es kamen Forderungen auf, die sich ein von Mexiko unabhängiges Territoriums wünschten, dass lieber zur USA gehören sollte.
1846 erreichten 70 Soldaten des Kriegsschiffs Portssmith Yerba Buena und eroberten kampflos die Siedlung für die USA. Es sollten noch zwei Jahre vergehen bis der amerikanisch-mexikanische Krieg mit dem Vertrag von Guadalupe Hidalgo beendet wurde und ein riesiges Gebiet, das unter anderem den heutigen Bundesstaat Kalifornien umfasste, von Mexiko an die USA übergeben wurde.
Dem damaligen Ortvorsteher von Yerba Buena Lt. Washington A. Bartlett, ist ein weiterer wichtiger Schritt in der Stadtgeschichte zu verdanken. Am 30. Januar 1847 ließ er die Siedlung Yerba Buena in San Francisco umbenennen und erhoffte sich damit einen Popularitätsgewinn des Ortes, war doch die breite Bucht gleichen Namens schon überregional bekannt. Viel schneller als erwartet sollte San Francisco zu einem Zentrum werden, nicht nur der Bucht oder Kaliforniens, sondern sogar des gesamten neuen Westens der USA, doch am neuen Namen lag dies weniger.

Der Goldrausch und San Franciscos kometenhafter Aufstieg

Schon die ersten Europäer, die nach Amerika kamen, verband der Traum vom Ort mit unendlichen Goldschätzen und der damit verbundenen Suche nach dem El Dorado. Es war 1849, als dieses sagenumwobene Glücksversprechen gültig wurde, als unweit von San Francisco Gold gefunden wurde (unweit in den Maßstäben des riesigen Landes, der Ort des ersten Fundes liegt 115 Meilen von der Stadt entfernt). Die Aussicht auf schnellen Reichtum zog Menschen wie ein Magnet an.
Begonnen hatte alles mit dem Zimmermann James Marshall, der von John Augustus Sutter angeheuert wurde, ihm eine Sägemühle zu bauen. Sutter wurde in mexikanischer Zeit mit reichlich Land ausgestattet und hatte sich hier im nördlichen Kalifornien ein Fort und weite Landstriche gesichert, die er in Erinnerung an seine alte Heimat „New Helvetia“ nannte. Er ließ ein Fort bauen, wo heute die kalifornische Hauptstadt Sacramento steht. Am 24. Januar 1848 schaute Marshall in den neugeschaffenen Mühlgraben und entdeckte dabei einen Goldklumpen. Nach einigen Untersuchungen war man sicher: es ist tatsächlich Gold! Sofort bemühte man sich den Fund geheim zu halten, doch das hatte nur wenig Erfolg. Am 15. März schon kam in der jüngst nach San Francisco gezogenen Zeitung „Californian“ eine kleine Meldung heraus, dass man Gold gefunden haben könnte. Diese mediale Zurückhaltung war darin begründet, dass es solche Meldung nicht gerade selten gab, tatsächlich aber bis zu jenem Zeitpunkt eigentlich nie etwas dahinter stand. Das Konkurrenzblatt, der „Californian Star“, sendete sogar einen Reporter in das Gebiet des American River, einem Zufluss zum im Golden Gate mündenden Sacramento River, um herauszubekommen, ob etwas dran war an den Gerüchten. Doch die dortigen Arbeiter konnten den Reporter überzeugen, nichts sei hier zu holen. Die Gerüchte jedoch hielten sich und als schließlich der Herausgeber des Star, Sam Brennan, durch die Straßen der Stadt lief und laut „Gold! Gold! Gold! Am American River“ brüllte (nicht ohne vorher seinen Laden an Sutter’s Fort mit ausreichend Schaufeln, Spaten und weiterem Material zum ausgraben bestückt zu haben) da waren die Einwohner vom Goldfieber gepackt und die Stadt schien für kurze Zeit ausgestorben, da jeder in die Region reiste um sein Glück zu finden. Werkzeuge wurden den Händlern aus den Händen gerissen und diese setzten sofort neue Bestellungen ab. Somit zog die Nachricht immer weitere Kreise, dass in Kalifornien Gold gefunden wurde. Im Dezember diskutierte der Kongress in Washington die Goldfunde und der damalige Präsident Polk gab schließlich öffentlich die Goldfunde bekannt. Spätestens jetzt gab es kein Halten mehr und eine riesige Menge Goldsuchenden, die sogenannten „fortyniners“ (49er – noch heute im Namen des Footballteams von San Francisco wird an sie erinnert), strömten nach Kalifornien.
Als erstes kamen sie nach San Francisco. Die Wege hierin waren aber alles andere als einfach. Es gab drei Routen von der dicht besiedelten amerikanischen Ostküste aus. Die schnellste und teuerste führte mit dem Schiff an den Isthmus von Panama, dort über das Land vom Atlantik zum Pazifik und an Ozean angekommen, mit dem Schiff nach Norden. Billiger, aber länger und weiter, war die Schiffspassage über ganz Südamerika mit der Umfahrung von Feuerland, was nicht nur zeitraubend war, sondern gleichfalls anspruchsvoll und gefährlich. Und schließlich die Route quer über den riesigen nordamerikanischen Kontinent, der allerdings gleichfalls viele Entbehrungen mit sich brachte, sei es durch Krankheiten, nicht immer glimpfliche Begegnungen mit Indianern oder die Passage des staubtrockenen Great Basins sowie anschließend der hoch aufragenden und verschneiten Gebirgsgipfel der Sierra Nevada. Letztendlich sind rund 200.000 Menschen in den ersten drei Jahren des Goldrausches nach Kalifornien gegangen und rund 50% sind über den Seeweg gekommen. San Francisco wurde mit einem Schlag überrannt und zwar von zwei Phänomenen. Zum einen von Menschenmassen, die das Golden Gate kreuzten und hier ihr Glück suchten und zum anderen vom Reichtum derer, die ihr Glück in Form von Gold schon gefunden hatten. Die Stadt wurde zu einer Boomtown, in welcher sich spätere Western-Autoren sich ihrer Klischees bedienten. Die vielen errichteten Zelte und die wenigen Holzgebäude wurden zur Heimat von Glückspielern. Die Spekulation trat um sich und das nicht nur um Immobilien. Was gerade nicht in San Francisco verfügbar war, wurde extrem teuer gehandelt, denn Finanzen waren ja fast unbegrenzt vorhanden und manch ein Reederer soll einfach Schiffe mit Waren auf gut Glück in die Bucht gesendet haben, in der Hoffnung hier alles extra-teuer verkaufen zu können, denn die Gewinne die man in San Francisco erzielen konnte, schienen gigantisch.
Die eigentlichen Goldsucher waren an der sogenannten Mother Lode dabei ihr Glück zu suchen, einem rund 120 Meilen langen Streifen, der von Fort Suttner nach Süden reichte. In der Anfangszeit konnten, die rund 120.000 Goldsucher noch mit normalen Gerät nach Gold suchen, bevor es ab 1850 bis 53 nur noch mit schwereren Bergbaumaschinen möglich war, das Edelmetall in ausreichenden Mengen zu abzubauen, dies dann aber umso profitabler. Jeder Sucher konnte sich ein Stück abstecken auf dem er Gold suchte, wenn er dies tatsächlich praktisch dort auch tat. Dies war ein ziemlich ordentlicher und selbstregulierter Vorgang. Zahlreiche Goldgräberstädtchen entwickelten sich, Boomtowns, die jedoch schon nach Abflauen des Rausches wieder aufgegeben worden. Trotzdem war das Leben rau, hart und reich an Entbehrungen. Gleichfalls war es zunehmend rassistisch, denn schon seit 1850 wurde es nur noch Amerikanern erlaubt, nach Gold zu suchen, wohlgemerkt zu einer Zeit, als Kalifornien noch nicht mal ein amerikanischer Bundesstaat war. Schwarzen oder Indianern blieb nur die Möglichkeit, für einen Goldsucher zu arbeiten.
Vom Goldrausch getragen entwickelte sich San Francisco zum unumstrittenen Zentrum des am 9.September 1850 ausgerufenen Bundesstaates Kalifornien und die Stadt schien stündlich zu wachsen. Zeitgenössische Schätzungen gehen davon aus, das die Stadt in nur vier Monaten von 6.000 auf 30.000 Einwohner wuchs. Die allermeisten neuen Siedler waren Männer. Erst 1880 soll sich der Frauenanteil in San Francisco bei der Hälfte eingepegelt haben. Neuer Wohnraum wurde an allen Ecken gewonnen. Alte Schiffe wurden verarbeitet, Teile der Bucht aufgeschüttet, um neue Wohnungen, Hotels oder Shops zu bauen. Teile des heutigen Financial Districts beispielsweise wurden erst 1851 dem Wasser der Bucht abgerungen. San Francisco muss in jenen Jahren wie eine große matschige Baustelle ausgesehen haben in der jeder versuchte innovativ seinen Teil des großen Kuchens abzubekommen. Ein deutscher Migrant, geboren als Löb Strauß im oberfränkischen Buttenheim, hatte die Idee den Arbeitern besonders strapazierfähige Hosen zu nähen und produzierte sogenannte Duck-Pants. Als er 1872 den Schneider Jacob Davies (ein geborener Lette) kennenlernte, erzählte ihm dieser von einer Idee einer robusten Hose mit Nieten und bat ihm um 68 Dollar für die Einreichung eines Patents. Strauß, der sich in Amerika Levi Strauss nannte, willigte ein und daraus wurden die heutigen Jeans.
Doch Geld wurde in San Francisco in den 1850er Jahren mit fast allem gemacht, am meisten aber mit Landbesitz (oder mit einer Glücksspiellizenz). Der Macht der Landspekulation und des Grundbesitzes ist auch das recht uneinfallsreiche Grundgerüst der Stadt „zu verdanken“, dass aus rechtwinkligen Straßengittern besteht, die sich an keinerlei morphologischen Besonderheiten der bergigen Halbinsel orientieren (was heute dazu führen kann, dass man das Gefühl hat an der nächsten Straßenecke beginnt ein Abgrund, aber tatsächlich geht die Straße nur steil nach unten). Auf den Flächen der Straßengittern zog Leben ein, dass in vollen Zügen genossen wurde. Schon 1853 wurden 573 Orte gezählt, die Alkohol verkauften. Bei einer Quote von einem Laden pro 60 Einwohner konnte man in San Francisco schon fast von einer Trunksucht reden, die gepaart wurde mit einer Leidenschaft für das Glücksspiel aller Art. Und so schrieb der gebürtige Kalifornier und Philosoph Josiah Royce später über San Francisco, dass die Männer die sich nicht dem Glückspiel hingaben, zu wenige waren um bemerkt zu werden. Aber es entstanden auch Restaurants, Hotels und Theater und San Francisco wurde zu einem beliebten Stopp für wandernde Theatergruppen. Gleichzeitig entwickelte sich ein lebhafter Zeitungsmarkt, den San Francisco war in den 1850er Jahren noch immer abgeschnitten vom großen Rest der USA und viele Leser dürsteten nach Informationen und Geschichten aus dem Rest des Landes und der Welt. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass durch das rasante Wachstum viele Menschen noch in Zelten wohnten und Krankheiten sich schnell ausbreiten konnten. Lungenentzündungen oder Cholera waren keine selten zu findenden Erkrankungen in jenen Jahren. Ein anderes Problem stellte die hohe Kriminalität dar, die sich einer anfangs kaum vorhandenen polizeilichen Staatsmacht gegenüber sah. Bandenkriminalität, die berühmteste Gang waren die Sydney Ducks, war ein großes Übel und ein Schwerpunkt waren Brandstiftung. Sechs schwere Feuer zerstörten rund 3000 Gebäude und auch, wenn alles wieder schnell aufgebaut wurde, waren die Schäden natürlich beträchtlich. Als Gegenmaßnahme wurde ein Komitee der Wachsamkeit („Committee of Vigilance“) gegründet, ein Prototyp für alle späteren Bürgerpatrolien und Nachbarschaftswachen in den USA. Und das Komitee war keinesfalls zimperlich. Wenn sie einen Kriminellen habhaft wurden, verurteilten sie diesen und ließen ihn hängen, was ihnen den nicht unbegründeten Vorwurf der Lynchjustiz einbrachte.

Nach dem Rausch: Krisen, Komitees und neue Anschlüsse

Ab 1853 ebbte der Goldrausch ab und war schließlich ebenso schnell vorbei, wie er begonnen hatte. Die Stadt geriet ab der Mitte der 1850er Jahre in eine wirtschaftliche Krise. Die Immobilienpreise sanken dramatisch, rund ein Drittel aller Geschäfte in der Stadt standen leer. Erschwerend kam hinzu, dass Korruption gang und gebe war und der Glaube an staatliche Administration nicht existierte. Als 1856 ein Stadtverordneter, einen Zeitungsmacher erschoss, welcher gegen diesen (wahr oder/ und unwahr) angeschrieben hatte, bildete sich sofort ein neues Komitee aus Bürgern. In nur 3 Tagen schrieben sich 5.000 Menschen in das neue Wachsamkeits-Korps ein und schnell entwickelte sich daraus eine schlagfertige paramilitärische Truppe, die praktisch die Aufgaben der Stadtverwaltung nach ihrem Dünken übernahm. Im Namen des Komitees wurden vier Menschen gehängt und zahlreiche andere deportiert. Nachdem es nach eigenen Dünken in der Stadt aufgeräumt hatte, löste das Komitee sich bereits im Juli wieder auf und transformierte sich zu einer Partei. Damit kam wieder Ruhe in die Stadt und gegen Ende der 1850er Jahre setzte tatsächlich wieder ein beträchtliches Wachstum an der Bucht ein.
Rund 50.000 Menschen lebten da bereits in San Francisco und das nur 10 Jahre nachdem die Stadt überhaupt gegründet wurde. Wofür Boston 200 Jahre brauchte oder New York 190, schaffte San Francisco also in einer Dekade. Die Stadt wurde zu einer Metropole, die vielleicht noch multikultureller und vielsprachiger war, als die Städte der Ostküste. Der weitere Aufstieg setze sich in den 1860er Jahren fort, getragen von Silberfunden in der Sierra Nevada, die in San Francisco gehandelt wurden. 1870 erreichte man bereits die Zahl von 150.000 Einwohnern. Fünf Jahre später wurde das Palace Hotel eröffnet, dass mit seinem Reichtum, Service und seinen Dimensionen sogar dafür ausgelegt war, dass die Stadt noch viel weiter wuchs (bevor sich solch ein Hotel rentierte). Die Ausbreitung der Stadt gestaltete sich weiterhin rund um ihrem Ausgangspunkt an der Nordostecke der Halbinsel, während die direkte Pazifikküste noch unbewohntes Hinterland war. Doch es war klar das bei anhaltenden rasanten Wachstum schon bald auch dieser Teil bewohnt werden würde. Hier sahen innovative Bürger die Möglichkeit, einen Teil der Fläche zur Stadtverschönerung zu benutzen. 1868 wurde ein drei Meilen langer und eine halbe Meile breiter Streifen sich vom Ocean Beach nach Osten ziehender Streifen unter Schutz gestellt. Hier sollte der Golden Gate Park entstehen, ein urbanes Mammutprojekt. Die Größe der Aufgabe lag nicht nur in den Dimensionen für einen solchen Park (seine Fläche ist größer als der Central Park in New York), sondern auch darin, dass es sich hier um eine Dünenlandschaft handelte. Der Vater des Projekts William Hammond Hall musste sich also einerseits um das Problem der ständigen Versandung kümmern, als andererseits auch um eine ausreichende Bewässerung des Parks. Das Letztere wurde durch zwei Windmühlen gelöst, die noch heute am Westende des Parks zu sehen sind und Wasser in diesen pumpen. Die ständige Versandung wurde durch eine Mauer gelöst, auf der heute der Küsten Highway 1 entlang läuft. Die Bauarbeiten starteten in den 1870er Jahren und zogen sich bis ins nächste Jahrhundert. Im Park wurde 1894 die San Francisco Midwinter International Exhibtion eröffnet, welche 2,5 Millionen Besucher anzog. Lediglich der Japanische Garten wurde danach erhalten, denn man legte Wert darauf die Parklandschaft zu erhalten. So blieb gleichfalls nur der Name des geistigen Vaters der Ausstellung M.H. de Young in Erinnerung, nach welchem heute das zentrale Kunstmuseum im Park benannt ist, welches allerdings erst 2005 öffnete.

San Franciscos Bedeutung und seine Einzigartigkeit als abgeschiedene Metropole im Westen der USA änderten sich mit der Eröffnung der Transkontinentalen Eisenbahnverbindung 1869, die eine schnelle Verbindung in den Osten des Landes ermöglichte. Durch staatliche Förderung entstanden zwei Eisenbahngesellschaften, Union Pacific und Central Pacific, welche eine Linie durch die Weiten des Westens und die gewaltige Gebirgslandschaft der Sierra Nevada bauen ließ. Obwohl daran viele chinesische Arbeitskräfte beteiligt waren, wurden hauptsächlich vier Männer, die später sogenannten Big Four, davon steinreich. Mark Hopkins, Leland Stanford, Collis Huntington und Charles Crocker sollten mit der Eisenbahn nicht nur großartige Einnahmen erzielen, sondern sie erhielten großen Einfluss auf das Geschehen im Westen der USA, war doch die Eisenbahngesellschaft (1884 wurde sie zur Southern Pacific) zum wichtigsten Landbesitzer in Kalifornien geworden und wurde zu einem der wichtigsten Akteure, wenn es um politische Entscheidungen im Staat ging.
Für San Francisco war der neue Anschluss keinesfalls so fantastisch, wie es sich die Zeitgenossen ausmalten, denn nicht nur verlor die Stadt etwas von ihrer Einzigartigkeit am Rande des riesigen Landes, sie selbst wurde auch gar nicht ans Netz angeschlossen, denn die Verbindung endete am anderen Ende der Bucht in Oakland. Schnell neidete man der kleinen Nachbarstadt den Bahnhof und befürchtete diese könnte dem großen San Francisco den Rang ablaufen. Doch tatsächlich wurde die Bucht, wie der gesamte Westen nun als Markt für billigere Produkte aus dem Rest des Landes attraktiv. Gleichfalls kamen weitere Neuankömmlinge, doch für sie war es jetzt viel schwieriger geworden einen guten Job zu bekommen, denn tatsächlich schlitterte die Stadt in die ökonomische Krise der 1870er Jahre welche das gesamte Bundesgebiet der USA betraf. Der Westen konnte durch seinen neuen Anschlüsse diesen Krisen nun nicht mehr entrinnen. Ein markantestes Symbol der Krise war der Kollaps der Bank of California am 26. August 1875, dessen einflussreicher Besitzer Billy Ralston am nächsten Tag beim Schwimmen ertrank.

San Francisco bis zur Jahrhundertwende: Painted Ladies und Cable Cars

Mit der wirtschaftlichen Krise der 1870er Jahre erlebten die Arbeiter und Beschäftigten der Stadt erstmals die Auswirkungen ökonomischer Probleme. Die Arbeitslosigkeit griff um sich, ein Phänomen, dass bis dato nahezu unbekannt war. Schnell war ein Sündenbock für die Probleme gefunden, es waren die nach dem Eisenbahnbau unbeschäftigten Chinesen, welche die Aufmerksamkeit der Arbeiterschaft erwarben und für die Krise verantwortlich gemacht wurden. Bisher waren sie als exotische Minderheit wahrgenommen wurden, die in ihrem Viertel - Chinatown - lebten und nicht groß auffielen, die aber in den 1870er Jahren durch harte Arbeit, in der Zigarettenindustrie und der Textilverarbeitung zu Marktführern an der Bay wurden und die 1872 rund die Hälfte aller Fabrikjobs in San Francisco besetzten. Eine „anti-chinesische“ Stimmung machte sich breit, die auch durch administrative Reglungen weiter befeuert wurde. Viele Chinesen erfuhren Gewalt am eigenen Leib. Den Höhepunkt erreichten die rassistische Wut im Sommer 1877, als ein Mob Geschäfte und Häuser in Chinatown anzündeten. Erst ein erneut gegründetes Sicherheitskomitee konnte die Gewalt eindämmen. Aus der sich erhebenden Arbeitermasse entstand gleichfalls eine politische Bewegung, die Ungleichheiten in Kalifornien anprangerte und aus welcher sich die Workingsmen’s Party formierte, die zweifellos notwendige politische Reformen anmahnte, gleichzeitig aber nicht ihre rassistischen Tendenzen ablegte. Trotzdem wurde sie 1877 in den California Constitutional Convent gewählt, konnte dort aber keine wirklich wichtigen politischen Änderungen durchsetzen.
Die äußere Gestalt San Francisco wurde gleichfalls ab den 1870er Jahren verändert und ist noch heute sichtbar, denn bis zur Jahrhundertwende setzte die Epoche der Hausbauten im Viktorianischen Stil ein. Diese Redwood-Häuser prägen heute noch das Bild von San Francisco und obwohl sie in ihrer Ornamentierung so individualistisch wirken, sind sie doch meistens Produkte von großangelegten Projekten einiger Baufirmen, die in Katalogen ihre Entwürfe anboten und die dann reihenweise diese Häuser über die hügelige Landschaft San Franciscos setzten. Diese liebevoll Painted Ladies genannten Wohnhäuser gelten heute als Sehenswürdigkeit der Stadt, auch wenn viele von ihnen das Erdbeben von 1906 nicht überstanden.
Die Stadt erlebte trotz wirtschaftlich angespannten Zeiten bis zur Jahrhundertwende ein weiteres stetiges bis rasantes Wachstum und um die Jahrhundertwende wohnten bereits fast 350.000 Menschen in San Francisco. Die Stadt expandierte nun vor allem in der Fläche. Sie vergrößerte sich vom nordöstlichen Teil der Halbinsel aus und umschloss schon bald den im Westen der Stadt angelegten Golden Gate Park und dehnte sich weiter nach Süden aus. Die zahlreichen – nicht gerade flachen – Hügel der Stadt wurden durch ein neues Transportmittel erschlossen und zu beliebten Wohnquartieren gemacht, durch die cable car. Diese Kabelstraßenbahn in San Francisco – die heute ein bekanntes weiteres Wahrzeichen der Stadt ist – geht zurück auf den Schotten Andrew Hallidie. Dieser wurde aufgeschreckt durch die zahlreichen und teilweise grausamen Unfälle, die sich mit Pferdebahnen auf den steilen Hängen der Stadt ereigneten und ersann einen Plan. Ein unter der Straße angebrachtes Kabel, dass von einer Dampfmaschine angetrieben wurde, sollte die Straßenbahnwagen führen. 1873 eröffnete die erste Linie, die Clay-Street-Line und bald wurde seine Erfindung ein boomender Erfolg, der sich nicht nur in San Francisco ausbreitete, sondern in den USA und auch weltweit weitere Anwender fand. Allerdings war das Transportsystem spätestens seit den 1920er Jahren technisch veraltet und wurde überall aufgegeben, außer in San Francisco, wo noch immer 3 Linien in Betrieb sind und für den allerdings nicht gerade zimperlichen Preis von 7 Dollar pro Fahrt bestiegen werden können.
Auf den Hügeln der Stadt ließen sich die Reichen nieder und zeigten ihr Vermögen mit prunkvollen Villen. Nob Hill wurde zur elegantesten Adresse des amerikanischen Westens. In der Stadt etablierten sich vier große Tageszeitungen, welche die öffentliche Meinung in Kalifornien prägten und San Francisco zu so etwas wie einem Medienzentrum des Westens machten. Chinatown entwickelte sich derweil zu so etwas wie einer frühen Touristendestination. Verwaltet von den Six Companies war es die Heimat von rund 50.000 Chinesen in der Stadt, wo man als Tourist in die exotische Welt Asiens eintauchen konnte (was übrigens auch heute noch funktioniert). Die Zeitungen verwiesen gern auf den halb-legalen, moralisch anrüchigen Charakter des Viertels, waren doch hier auch Opium-Höhlen zu finden, welche nur ein Teil des sündigen Lebens in San Francisco um die Jahrhundertwende ausmachten, der auch bei weitem nicht auf Chinatown begrenzt war.
San Francisco war in jener Zeit das unumstrittene Zentrum in einem zunehmend wohlhabender werdenden Kalifornien. Jeder vierte Kalifornier lebte hier und die Stadt war nach New York der wichtigste Umschlagplatz des Außenhandels. Gleichwohl war die Politik des Bundesstaats, als auch der Stadt geprägt von Vetternwirtschaft und Korruption. 1901 riefen die immer stärker werdenden Gewerkschaften zu einem Streik auf, da sie einen Teil des Kuchens abhaben wollten, der bisher nur unter den Einflussreichen verteilt wurde. Tatsächlich kam es im September zu einem Generalstreik, der die Rolle der Gewerkschaften noch weiter stärkte und schließlich zum Gewinn des Bürgermeisterpostens für die Union Labour Party führte, in welcher der in der Stadt geborene Abu Ruef seine Fäden zog, der später allerdings ebenso wegen Korruption angeklagt wurde und letztendlich 14 Jahre im Gefängnis St.Quentin verbrachte.

Das Erdbeben von 1906

San Franciscos wohl einschneidenstes Ereignis war das Erdbeben vom 18.April 1906. Auf Grund der Lage an der San Andreas Verwerfung ist die Stadt bis heute ein Gebiet, dass mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von solchen Naturkatastrophen betroffen ist. Das letzte größere Beben lag schon fast 40 Jahre zurück, als um kurz nach 5 Uhr morgens die Einwohner der Stadt aus dem Schlaf gerissen wurden. Heutigen Schätzungen zur Folge lag die Stärke bei rund 7,8 auf der Richterskala und brachte zahlreiche Häuser, besonders im Financial District und North Beach zu Fall, was wohl insbesondere daran lag, dass in dieser alten Sumpfregion der Untergrund weniger fest ist. Das Beben war in fast ganz Kalifornien zu spüren und tatsächlich waren die Schäden durch die Erschütterungen in einigen Städten sogar verheerender als in San Francisco. Was die zerstörerische Wirkung des Bebens aber potenzierte, war ein darauf einsetzendes Feuer, das für 80% der zerstörten Häuser verantwortlich war. Geborstene Gasleitungen entfachten einen wahren Feuersturm, der vom Stadtzentrum startend sich über die Stadt wälzte. Zu allem Unglück war schon beim Beben der Feuerwehrchef der Stadt ums Leben gekommen, was die Koordination der Rettung stark einschränkte. Auch die gebrochenen Wasserleitungen trugen dazu bei, dass die Feuerwehr nur schwer arbeiten konnte und gegen Abend breiteten sich die Brände immer weiter aus. Die viktorianischen Holzhäuser boten dafür eine gute Angriffsfläche und man kann von Glück sprechen, dass sich die Winde drehten und so weiter westlich gelegene Teile der Stadt vom Feuer verschonten. Bürgermeister Schmitz rief die Armee, die im Presidio stationiert war zur Hilfe, die sowohl den Brand bekämpfte, als auch Plünderungen verhinderte. Doch auch mit ihrer Hilfe konnten die letzten Flamen erst drei Tage nachdem Beben endgültig gelöscht werden. Nach offiziellen Angaben starben rund 3.000 Menschen, während mindestens 10mal, nach anderen Schätzungen 100mal so viele Menschen Obdachlos wurden (was bei damals rund 400.000 Einwohner, dreiviertel der Bevölkerung ausmachen würde). Die Armee errichtete Zeltstädte um die Opfer unterzubringen, die auch dank der raschen Solidarität der Nachbarstädte bald mit dem Notwendigsten versorgt werden konnten. Tatsächlich erinnerte diese Situation ein wenig an die rasche Besiedlung zu Zeiten des Goldrausches, als viele Menschen gemeinsam in Zelten oder unter freiem Himmel schliefen mussten und Klassen oder Standesgrenzen keine größere Rolle spielten, sondern nur die Verbesserung der Situation in Angriff genommen wurde. Rund 28.000 Gebäude waren zerstört und – so die Legende – der Wiederaufbau startete, als die Ruinen noch rauchten. Schnell wurden aus 20.000 in der Stadt tätigen Bauarbeitern 60.000.

Wiederaufbau und neuer Glanz - San Francisco bis zum 2.Weltkrieg

Es stellte sich kurz die Frage, eine historische Chance zu nutzen. Durch die zahlreichen Zerstörungen war es möglich San Francisco besser und schöner aufzubauen als zuvor. Das starre grid-Muster aus Blöcken hätte man für eine Gestalt der Stadt verändern können, welche die Landschaft einschließt. Tatsächlich hätten Ideen dazu bereitgestanden. Die Bewegung des „City Beautiful“ hatten den bekannten Architekten Daniel Burnham mit einem Masterplan für die Stadt beauftragt. Burnhams Idee war es, die Hügel von Besiedelung zu befreien, lange Boulevards anzulegen, die Sichtachsen zu einem neuen neoklassischen Stadtzentrum erlaubten und neue Straßen zu bauen, welche sich der Oberfläche der Stadt besser anpassten und aus dem rechtwinkligen Muster ausbrachen. Burnham veröffentlichte seinen Masterplan 1905 in einem Buch, doch tatsächlich war die große Chance für den Start seiner Idee – die weitreichende Zerstörung der Stadt, insbesondere der Innenstadt – der eigentliche Todesstoß für ein Konzept das zahlreiche Anhänger in der Stadt hatte. Nach dem Beben war der wichtigste Punkt der schnelle Wiederaufbau, es ging darum, dass Leben so zügig wie möglich wieder zu normalisieren und nicht um einen teuren und zeitaufwendigeren Plan für die Anlage einer neuen Stadt. San Francisco verpasste es damit zu einer Planstadt zu werden und behielt damit „it’s birthmark as an instant city“, wie Tom Cole schreibt, bei.
Zu einem Symbol des Wiederaufbaus der Stadt wurde das neue Rathaus, denn das Alte stürzte beim Erdbeben ein. Auch wenn es erst 1912 bewilligt wurde, war es so etwas wie ein kleines Überbleibsel der City Beautiful Bewegung, denn es war im Beaux-Artes Stil von den Architekten Bakewell und Brown als zentraler Bau mit großer Kuppel geplant. 1915 wurde die City Hall eröffnet worden und wurde zum Zentrum eines neuen „Civic Centers“, das gleichfalls im historisierenden Stil noch ein Civic Auditorium bekam und eine Bibliothek, sowie das California State Building, die sich alle um das Rathaus herum positionierten. 1932 kam schließlich noch das Opernhaus der Stadt dazu, wo übrigens 1945 51 Nationen die Gründungscharta der Vereinten Nationen unterzeichneten.
Ein Höhepunkt der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts war die Weltausstellung, die „Panama-Pacific International Exposition“, im Jahr 1915, die allerdings etwas unter den Umständen des 1.Weltkriegs in Europa litt. Ein Hauptanliegen der Schau war der Durchbruch des Panamakanals, welcher den Anlass zur Feier gab (der Kanal konnte mit einem großen Modell studiert werden). Eine heute noch eindrucksvolle Hinterlassenschaft des Ausstellungsgeländes ist der Palast der feinen Künste von Bernard Maybeck.
Trotzdem erlebte San Francisco in jenen Jahren auch Spannungen, so wie beim Bombenanschlag beim Preparedness Day 1916, als 10 Menschen getötet wurden. Das hatte jedoch keine Auswirkungen auf die Bevölkerungszahl die bis 1920 rasant anwuchs. Die Stadt lebte in den 1920er Jahren in großer Prosperität bis auch hier die Weltwirtschaftskrise 1929 zuschlug und insbesondere den Hafen der Stadt und die (bis dahin) dort beschäftigten Arbeiter stark traf. Die schlechte ökonomische Situation führte zu weiteren Spannungen, so wie zum „Bloody Sunday“am 5.Juli 1934 als ein Streik gewaltsam von Streikbrechern aufgelöst werden sollte und zwei Menschen starben und über 100 verletzt wurden.
Die 1930er Jahre waren aber das Jahrzehnt, dass der Stadt zahlreiche heute noch bekannte Wahrzeichen bescherte. Dem Nachlass einer großen Freundin der Feuerwehr, Lillie Coit ist der nach ihr benannte Coit Tower auf dem Telegraph Hill entstanden, welcher an die städtische Feuerwehr erinnern soll und gleichzeitig wohl einen der besten Blicke auf die Stadt ermöglicht.
Ein fast noch bekannteres Wahrzeichen und gleichzeitig ein heutiger Touristenhotspot ist die eher ungemütliche Insel Alcatraz mit ihrem Gefängnis. Schon seit 1886 wurde die Insel vom Militär genutzt, aber im Jahr 1934 zu einem Hochsicherheitsgefängnis des Bundes umgebaut. Hier saßen so klangvolle Namen wie „Machine Gun“ Kelly oder Al Capone ein. Angeblich war die Insel ausbruchsicher, da die Strömung es nur schwer zulässt von ihr an Land zu entkommen und man große Gefahr läuft, über das Golden Gate ins Meer gespült zu werden. Tatsächlich beflügelte diese Tatsache noch weiter die Fantasie und nach der kostenbedingten Schließung des Gefängnisses wurde es zu einem beliebten Drehort für zahlreiche Filme, unter anderem „Der Gefangene von Alcatraz“ mit Burt Lancaster oder „Flucht von Alcatraz“ mit Clint Eastwood. Nach einer Besetzung durch Indianer in den 1970er Jahren wurde es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und mittlerweile von 1,3 Millionen Menschen per annum besucht.
Kein Besuchermagnet, aber für die Wasserversorgung der ständig wachsenden Stadt zentral, war der Bau des Hetch Hetchy Water Projects. Das 1934 fertiggestellte Projekt sicherte zwar die Wasserversorgung der Stadt, war aber aus einem anderen Grund äußerst umstritten, denn für das Wasser wurde das Hetch Hetchy Valley aufgestaut, das als eines der schönsten Naturgebiete Kaliforniens galt.
Die heute noch am sichtbarsten und vielleicht schönsten Leistungen der 1930er Baumaßnahmen sind die zwei Brücken, welche von der Stadt über die Bucht führen. Da ist zum einen der etwas weniger beachtete Bay Bridge, die vom Stadtzentrum über die Yerba Buena Island nach Oakland führt. Sie ersetzt die zahlreichen Fähren, die zwischen den beiden Fähren fuhren und das Ferry Terminal in San Francisco zur stärkst frequentierten Transitstation der USA machte. Als im November 1936 die Brücke eröffnete, konnte man über eine doppelte Hängebrücke fahren, eine Konstruktion die eine absolute Weltneuheit war und eine Investitionssumme von 80 Millionen Dollar kostete, eine für damalige Zeit enorme Summe. Für die weltweite Imagination San Franciscos war aber die 1937 eröffnete Golden Gate Bridge noch wichtiger, die als eine der schönsten Brücken der Welt gilt. Dabei war die Hängebrücke sehr umstritten, denn die reizvolle Landschaft an der Durchfahrt des Golden Gates sollte nicht mit einem so gigantischen Bauwerk verschandelt werden, immerhin war die Brücke die damals Größte ihrer Art. Letztendlich war aber die Gestalt und die Farbgebung der Brücke so gut gewählt, dass das Bauwerk zu den schönsten Brücken der Welt gezählt wird.
Im Februar 1939 eröffnete erneut eine Weltausstellung in San Francisco. Auf der künstlich aufgeschütteten Insel Treasure Island, welche sich an die Yerba Buena Island anschloss, wurde die Golden Gate International Exposition eröffnet, welche zwar nicht an die Strahlkraft und Innovation der Panama-Pacific Exposition heranreichte, aber immerhin auch 17 Millionen Gäste erreichte. Im Herbst des gleichen Jahres startete der 2.Weltkrieg, bei dem die USA erst später eingriffen, dann aber San Francisco zu einem der wichtigsten Plätze der Kriegsökonomie werden ließ. Und so erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung, der sich nur noch mit den Zeiten des Goldrausches vergleichen ließ. Mehr als 1,5 Millionen Soldaten fuhren unter der Golden Gate Bridge hinaus in den Krieg während die Anzahl der Fabriken in der Stadt um ein Drittel zunahm und die Zahl an Arbeitskräften sich verdoppelte, wobei erstmals eine größere Menge Schwarzer sich in der Stadt niederließ und die Stadt insgesamt eine Einwohnerzahl von 775.000 erreichte, einen Höchstwert, der erst im Jahr 1990 wieder erreicht wurde.

San Francisco nach dem 2.Weltkriegs: Beatniks, Hippies and Milk

Die Nachkriegszeit und der bald darauf einsetzende Kalte Krieg machten San Francisco und die Umgebung der Stadt nicht nur zu einem wirtschaftlichen Zentrum, sondern auch zu einem kulturellen Hotspot der westlichen Welt. Das Begann bereits in den 1950er Jahren mit dem Beatnik-Movement, einer für die damaligen Zeit nonkonformistischen und rebellischen Bewegung, die als Vorläufer der Hippie-Bewegung gelten kann. In ihrer Mitte standen Schriftsteller, wie beispielsweise Jack Kerouac, der den Begriff der „Beat Generation“ erfand, der für den Konsum von Marihuana, freie Liebe und einer standhaften Nonkonformität gegenüber der Welt der 1950er Jahre stand. In Kaffees und dem legendären „City Lights Bookshop“ trafen sich die Beatniks und prangerten den Materialismus und die zunehmende Vereinnahmung der Gesellschaft von rechts an.
Dies hatte in den 1960er Jahren Nachfolger als neue linke Protestbewegung, die sich insbesondere auf dem Campus der Berkeley University auf der anderen Seite der Bucht einrichtete und Rassismus, Materialismus und Krieg kritisierte. Die Hippies, welche gleichfalls in den 1960er Jahren, insbesondere im Stadtteil Haight-Ashbury auftauchten waren viel weniger politisch, als das sie die Welt mit liebevollem Umgang und der Entsagung von Konsumismus (außer vielleicht von Drogen) begegnen wollten. Mit ihren langen Haaren und Bärten und zusammengewürfelten Klamotten setzen sie sich vom Rest der Stadt (des Landes und der Welt) ab und veranstalteten große „Be Ins“, wie den „Summer of Love“, der sich musikalisch in Scott McKenzies „San Francisco“ manifestierte und der Welt von einem neuen Lebensgefühl kündete. Doch die eher auf Disziplinlosigkeit angelegte Bewegung verwässerte sich schnell und wurde zu einem zeit-geistigen Modebegriff und schon zu Beginn der 1970er Jahre verwandelte sich Haight-Ashbury zu einem „New Age slum“ (so Cole S. 142). Und so wurde es wieder etwas rauer in San Francisco, in einer Stadt die aber weiterhin für Toleranz und Diversität stand. Im Viertel um die Castro-Street siedelten sich mehr und mehr Homosexuelle an, die ihren Liebe hier frei ausleben konnten. Hier wurde auch Harvey Milk zum ersten offen schwulen Stadtrat in den USA gewählt, der jedoch am 28. November 1978 gemeinsam mit dem Bürgermeister George Moscone vom einem ehemaligen konservativen Stadtrat, namens San White, erschossen wurde, weil dieser sich über die neue Politik in der Stadt erregte, seinen Posten zurückgab, diesen aber auf Betreiben von Milk und Moscone nicht wiederbekam. Als White mit einem recht milden Urteil von nur 7 Jahren Gefängnis wegen Totschlags davonkam, protestierten zahlreiche Schwule und deren Sympathisanten am 22. Mai 1979 in der sogenannten „White Night Riot“, bei der die Polizei rigoros von Gewalt Gebrauch machte.
So begannen die 1980er Jahre, die Dekade von AIDS, welche in der Stadt wütete und in welcher auch die nationale Wirtschaftskrise der USA nicht halt machte. So verlor der Hafen der Stadt mehr oder weniger seine Bedeutung mit der Erweiterung der Anlagen im gegenüberliegenden Oakland. San Francisco transformierte sich zu einer post-industriellen Stadt, die unter anderem sich als touristische Destination mit neuen Hotspots wie der Fisherman’s Wharf für Touristen attraktiv machte. Während im Stadtzentrum immer mehr Hochhäuser der Hochfinanz in den Himmel schossen und der Stadt einen neue Skyline und neue Blickwinkel bescherten, formierte sich quasi am anderen Ende der Interessen eine kraftvolle Umweltschutzbewegung, die unter anderem durchsetzte, dass schon 1973 sich eine Golden Gate National Recreation Area bilden konnte und die skeptisch auf die Auswüchse des Hochhausbaus und der Umgestaltung von einem urbanen Lebensraum zu einer Touristendestination blickten.
Das Erdbeben am 17.10 1989 beschloss ein nicht immer glückliches Jahrzehnt der 1980er, mit 63 Toten und über 3700 verletzten Menschen. Zwar war es nicht so dramatisch wie das Beben von 1906, aber mit 16.000 unbewohnbaren Wohnungen in der Bay Area und einer nicht mehr befahrbaren Bay Bridge hatte es erheblichen Einfluss in das Leben an der Bucht.
Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der nächsten 20 Jahre veränderte abermals das Aussehen der Stadt, denn mit dem Erfolg des Sillicon Valley und vieler neuer wohlhabender Menschen durchflutete die Gentrifizierung die Straßen San Franciscos, die es für Familien der Unter- aber auch der Mittel-schicht immer schwieriger machten, in der Stadt zu leben. So soll es schon 2007 mehr Hunde in San Francisco gegeben haben als Kinder und auch heute noch muss man befürchten, dass San Francisco sich zu einer teuren Stadt für Wohlhabende entwickelt (denn die Immobilien-Preise hier sind bereits die höchsten in den USA). Trotzdem wäre es falsch in der Stadt nicht auch heute noch viele Überbleibsel der kurzen aber so wechselvollen Geschichte zu sehen.

Literatur: Dieser Artikel stützt sich maßgeblich auf Tom Coles „A short history of San Francisco“

 

Meißen

Einwohner: 27.936 | Fläche: 30,9 km² | Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises | an der Elbe gelegen | 25km NW von Dresden | 75km O von Leipzig

Inhaltliche Gliederung dieses Beitrags: Meißen und die Entstehung der Mark Meißen | Das Meissner Porzellan | Meißen als Symbol: von der Industrialisierung bis heute

Ein des sächsischen Landes nicht Kennender könnte bei oberflächlicher Betrachtung des Dresdner Umlandes schnell zu dem Schluss kommen, Meißen wäre ein rund 25km elbaufwärts gelegener Vorort der Landeshauptstadt. Nichts würde der geschichtlichen Bedeutung dieser Stadt weniger gerecht, denn Meißen gilt gemeinhin als die Wiege Sachsens, als Urkeim der sächsischen Geschichte und mit dem Dom und der Albrechtsburg auf dem Felsen über der Elbe als das in der Landschaft platzierte Symbol des heutigen Freistaates.

Meißen und die Entstehung der Mark Meißen

Im Jahr 929 gründete der deutsche König Heinrich I. von Sachsen die Burg „Misna“ nachdem er einige erfolgreiche Feldzüge gegen die Slawen im Osten der Saale gefochten hatte. Deutsche Ritterheere stießen im 10. Jahrhundert immer weiter nach Osten vor, in ein sehr dünn besiedeltes Land, dass sich noch durch eine große Wildnis auszeichnete. Um das neu gewonnene Territorium zu sichern, wurden von Magdeburg bis nach Meißen Festungen gebaut und in den wichtigsten Zentren kirchliche Institutionen etabliert. Auf der Synode von Ravenna 968 wurde daher das Bistum Meißen begründet (gemeinsam mit denen von Merseburg und Zeitz). Erster Bischof wurde der Benediktiner Burchard, der aus dem Kloster Emmeram in Regensburg stammte. Die ottonischen Kaiser erhoben die drei Bistümer, um Kultur und Glauben zu formen, aber vor allem, um die Herrschaft in den Gebieten östlich der Saale zu festigen. Gerade im 19. Jahrhundert wurde insbesondere das Datum 929 als Gründungsjahr Sachsens zelebriert, denn es symbolisierte nicht nur das Sachsen aus deutscher Hand entstanden ist, sondern gleichfalls ein Sieg des Christentums über die slawischen Heiden war. Tatsächlich ist der Beginn der sächsischen Geschichte jedoch vielschichtiger, kleinteiliger und nicht mit einem Datum festzulegen. Beispielsweise entsteht eine wirklich einschneidende deutsche Besiedlung des Gebietes erst im 12. Jahrhundert.
Was tatsächlich bemerkenswert ist, ist die Gründung der Markgrafschaft Meißen. Zuerst sicherte ein Netz von Burgwarden (freie Edelleute, die sich mit sorbischen Kriegern umgaben) die neuen deutschen Besiedlungen. Als diese jedoch militärisch nicht mehr notwendig waren, erschuf der deutsche Kaiser Otto I. das Markgrafenamt, einem ihm ergebenen Herren, der gleichzeitig militärischer Befehlshaber und oberster Verwaltungsbeamte in der Region war. Im Jahr 1046 wurde erstmals schriftlich die Mark Meißen erwähnt, so dass man annehmen kann, dass dieser auf der hiesigen Burg seinen Sitz hatte. 1089 übernahm der Wettiner Heinrich I. von Eilenburg diese Position und begründete die bis 1918 reichende Herrschaft dieses Adelsgeschlechts über Sachsen. Neben dem Markgrafen saß auch der Burggraf auf der Meißner Burg. Dieser war für den unmittelbaren Schutz der Anlage zuständig. Die dritte wichtige Person auf dem Burgberg, war der Bischof des Bistums. Durch die Anwesenheit dreier mächtiger Herrscher, war dieser Ort das unumstrittene Zentrum der Region.
Bis ins 12. Jahrhundert hinein bleiben die Verhältnisse hier am Rande des deutschen Reiches alles andere als einladend. Nur einzelne ehemalige slawische Siedlungen stachen aus den weiten Waldlandschaften heraus. Kolonisten wurden in dieses menschenleere Gebiet gerufen und in der Mitte des Jahrhunderts begann die Erschließung des Landes. Dörfer wurden von so genannten Lokatoren gegründet, welche Bauern anwarben und ihnen für mehrere Jahre beim Aufbau von Dorfstruktur und Ackerbau behilflich waren, während sie später einen Teil der Erträge bekamen. Diese Grundherren wiederum wurden vom Markgrafen belehnt, der wiederum Treue und militärische Gefolgschaft einforderte. Für die Namen der neuen Siedlungen übernahm man in der Regel die slawischen Begriffe („Misna“ ist ein slawischer Name des Baches am Burgberg, Dresden ist die eingedeutschte slawische Bezeichnung für „Auwaldbewohner“). Bis 1300 verzehnfachte sich die Bevölkerung in der Mark Meißen, wobei die verbliebenen slawischen Bewohner mit den neuen Siedlern zusammenlebten, bis eine Unterscheidung marginal wurde und alle in eine sächsischen Bevölkerung aufgingen.
Unterhalb der Burg entwickelte sich schon vor 1200 eine kleine Stadt, die zu Beginn unter dem Schutz des Burggrafen stand. Dieser darf nicht mit dem Markgrafen verwechselt werden, der als reichsunmittelbarer Landesfürst auftrat. Dem Burggrafen gehörten einzelne Gebiete um den Burgberg herum, sowie auch die 1200 gegründete Stadt Lommatzsch. Als 1426 Burggraf Heinrich II. in der Schlacht bei Aussig gegen die Husiten starb, übernahmen die Wettiner Markgrafen die burggräflichen Gebiete.
Im Triebischtal, östlich der Burg, siedelten sich noch unter burggräflicher Herrschaft Menschen an, unter ihnen auch Juden. Als 1205 der Markgraf eine Rechtsstadt mit Mauer, Markt und Kirche anlegen ließ, sollten die älteren Ansiedlungen außerhalb der neuen Mauern liegen (das Gebiet liegt am heutigen Neumarkt). Interessanterweise versuchte auch der Bischof zu jener Zeit eine eigene Stadt namens Cölln zu gründen und zwar am anderen Ufer der Elbe, was aber nur von sehr bescheidenem Erfolg war. Dies zeigt eindrücklich, wie Stadtgründungen von mächtigen Eliten vorangetrieben worden, wobei es auch immer einen experimentellen Charakter haben konnte, denn die Versuche der Kirche eine eigene Stadt an dieser Stelle zu gründen misslang. Erfolgreicher war der Versuche aber beispielswiese in Bischofswerde, wo noch heute der Name der Stadt auf den Gründer verweist, wenngleich die Stadt heute auf a endet. Der Markgraf von Meißen wiederum ließ es sich nicht nehmen noch weitere Städte zu erheben, so wie Dresden, Pirna, Großenhain und Oschatz.
Um 1250 wurde mit dem Bau des Meißner Doms begonnen, in dessen Fürstenkapelle (welche 1410 erbaut wurde) vier Generationen wettinischer Herrscher liegen (bis die Grablege, in Folge der Reformation, nach Freiberg verlegt wurde). Die Mark Meißen wuchs nicht nur an Einwohnern, sondern auch an Fläche und erreichte bald den Kamm des Erzgebirges und das Pleißeland, trotzdem war die Stadt Meißen nicht die Hauptstadt der Mark, wenn man es nach heutigen Maßstäben bemisst. Bis ins 16. Jahrhundert hinein war der Herrscher eines Territoriums in diesem ständig unterwegs, denn nur dort wo er war, konnte der Markgraf regieren. Trotzdem war Meißen der wichtigste Ort für den Markgrafen, hier verbrachte er Ostern und Pfingsten, wo ihm der Dom einen geeigneten Rahmen für die Festtage gab.
Im Jahr 1423 wurde dem Markgrafen von Meißen, Friedrich dem Streitbaren, die Kurwürde des Herzogtums Sachsen-Wittenberg übergeben. Seitdem war er – und seine Nachfahren – nicht mehr nur Markgrafen, sondern Kurfürsten, was gleichzeitig darin mündete, dass die territorial sich weiterhin ausdehnende Markgrafschaft Meißen nun zum „Kurfürstentum Sachsen“ wurde. Trotzdem hält sich „Meißen“ als Begriff für das sächsische Land noch lange. Die Stadt und der Burgberg sollten schon bald ein prächtiges Schloss bekommen, das eines Kurfürstentums würdig war. Um 1470 beauftragten die beiden Brüder Albrecht und Ernst, die in Personalunion das Kurfürstentum regierten, den Baumeister Arnold von Westfalen mit dem Bau einer Residenz im spätgotischen Stil. Doch schon während der Bauarbeiten wurde klar, dass hier niemals ein Fürst wohnen würde. Nach der Leipziger Teilung Sachsens, zwischen den beiden Brüdern, im Jahr 1485, verlegte Albrecht seine Residenz nach Dresden, während Ernst Wittenberg ausbauen ließ. Das Schloss wurde zu einem gebauten Machtsymbol ohne wirkliche Residenzfunktion. Vielleicht weil es nicht bewohnt wurde, wurden zukünftige Baumaßnahmen hier nachdem historischen Vorbild der Spätgotik weitergeführt, auch nachdem dieser Baustil nicht mehr in Mode war. Erst Kurfürst Johan Georg II. (regierte von 1650 bis 1680) ließ das Schloss „Albrechtsburg“ nennen, in Erinnerung an seinen Ahnen Albrecht, den Begründer der albertinischen Linie nach der Leipziger Teilung, die das heutige Sachsen ausmacht.
Hierin zeigt sich deutlich das Meißen mehr zu einem Symbol für Sachsen geworden war, als zu einem tatsächlichen Handlungsort. Trotzdem geht natürlich die sächsische Geschichte nicht spurlos an der Stadt vorbei. Als die Reformation Luthers eine Transformation des Glaubens bringt, ist es Moritz von Sachsen, der im alten (und nun nicht mehr genutzten) St.Afra Kloster eine von drei neuen Fürstenschulen errichten lässt. Später sollte hier unter anderem Gotthold Ephraim Lessing studieren.
Die Einwohner Meißens lebten zumeist von der Tuchmacherei, die insbesondere in den Zeiten des 30-jährigen Krieges in existentielle Nöte kam.

Das Meissner Porzellan

Mit der Stadt verbunden ist heute aber ein ganz anderer Wirtschaftszweig, das Meissner Porzellan (seit 1972 wird die Markenbezeichnung „Meissen“ mit Doppel-S geschrieben, damit man auf den intentionalen Märkten besser zu finden ist).  Die Geschichte des Meißner Porzellan beginnt mit der Wende zum 18. Jahrhundert herum. In dieser Zeit transformierten sich die europäischen politischen Systeme in absolutistische Staaten, mit einem dominanten Monarchen und einer in der Regel aufwendigen Hofhaltung (die uns so beeindruckende Paläste und Gärten hinterließen). In diesen Jahrzehnten durfte es an Luxusgütern nicht fehlen und eines davon war Porzellan, dass man für viel Geld aus Japan oder China heranholen musste. So war es auch am sächsischen Hof, dessen Regentschaft 1694 Kurfürst Friedrich August I., genannt „August der Starke“ übernahm. Ein gewinnbringender Gedanke war die Idee, Porzellan nicht zu importieren, sondern selbst produzieren zu können. Die Legende besagt das Johann Friedrich Böttger, ein Apothekergehilfe aus Berlin, der versprochen hatte Gold herzustellen, aus diesem Zwecke vom Kurfürsten eingesperrt wurde bis er dies für seine Majestät tat und schließlich die Porzellan Herstellung in Europa erfand. Diese Legende hört sich zwar spanend an, Tatsache ist nur, dass Friedrich August einen sehr hohen Finanzbedarf hatte, weil er neben seiner Regentschaft als Kurfürst von Sachsen, auch noch polnischer König wurde und sich als solcher in den Nordischen Krieg mit Schweden verwickeln ließ. Eine Expertenkommision wurde 1702 gegründet, bestehend aus Montanwissenschaftlern aus Freiberg, Ehrenfried Walter von Tschirnhaus und eben jenen genannten Böttger, welche zusammen das so beliebte „weiße Gold“ des Porzellans suchten und schließlich nach zahlreichen Experimenten eine erfolgreiche Formel fanden. So wurde 1710 die Porzellanmanufaktur gegründet und diese wurde auf der Albrechtsburg in Meißen eingerichtet, was mehrere Gründen hatte. Zum einen war das Wissen um den Herstellungsprozess sehr kostbar (denn damit konnte man als Einziger europäischer Produzent auftreten) und man wollte den Zugang zu der Manufaktur gut beobachten können, falls Diebe eindringen wöllten. Diese Bewachungsform war auf dem Burgberg gut möglich. Zum anderen war Meißen an der Elbe gelegen und man konnte die Waren einfach und günstig verschiffen. Die Manufaktur entwickelte sich zu einer wahren Geldmaschine, denn die Meissner Porzellan entwickelte sich in Windeseile zu einem Markenbegriff für Luxus (übrigens ist es tatsächlich eine der ältesten Marken der Welt, die heute noch besteht). Meissner Porzellan eroberte die Anwesen der europäischen Elite und füllten die Staatskassen Sachsens. In Meißen selbst zeigte sich der Prunk des Porzellans nicht, dafür wurde in Dresden ein eigenes Porzellanschloss gebaut, das Japanische Palais, dessen Bauarbeiten 1728 begonnen wurde. Es sollte chinesisches und japanische Porzellan ausstellen und als Höhepunkt, stolz die eigenen Leistung der sächsischen Porzellanherstellung präsentieren. Bald schon wurden einzelne Stücke auch als diplomatische Geschenke an andere Fürstenhäuser verschenkt und selbst Erich Honecker brachte bei seinem Staatsbesuch 1981 in Japan dem Gastgeber Meißner Porzellan mit. Noch heute ist die Porzellanmanufaktur im Besitz des Freistaates Sachsens, wenngleich sich der Markt für diese Art von Luxusgütern in den letzten Jahren abgekühlt hat und der Betrieb zu nicht unerheblichen Verlusten führte.

Meißen als Symbol: von der Industrialisierung bis heute

Meißen selbst blieb ein eher beschauliches Städtchen, wobei seit dem 19. Jahrhundert das Triebischtal zunehmend industrialisiert wurde. Hier entstand nicht nur der Neubau der Porzellanmanufaktur, sondern auch zahlreiche weitere Betriebe. Da der Platz in dem einstmals engen und romantischen Tal begrenzt war, siedelten sich neuere Unternehmen auch rechtselbisch an und 1901 wurden die Dörfer Cölln und Niederfähre zur Stadt eingemeindet, wo auch der Bahnhof der Stadt entstand. Meißen wurde sogar bis zum 2.Weltkrieg zu einem Zentrum für den Kachelofenbau in Deutschland.
Allerdings ist der weit über das Elbtal bekannte Ruf der Stadt nicht mit Industrie verbunden, sondern profilierte sich besonders ab dem 19. Jahrhundert damit, die symbolische Wiege Sachsens und eine angesehene Porzellanstadt zu sein. Dazu gehörte es auch, die Porzellanmanufaktur wie bereits erwähnt, in ein eigenes Fabrikgebäude im Triebischtal zu verlegen, um den Burgberg mit Albrechtsburg und Dom zu einem strahlenden Punkt sächsischer Identifizierung zu machen. So wurde bis 1881 die Albrechtsburg restauriert und mit einem Bildprogramm meißnisch-sächsischer Geschichte versehen. Eine weitere, durchaus öffentlich begeistert aufgenommene Aufgabe, war die Herstellung der beiden Domtürme der Kirche, die seit einem Blitzschlag von 1547 fehlten. So gründete sich ein Dombauverein, konservativer Prägung, und verkaufte Lose, die das entsprechende Geld für den Aufbau der beiden gotischen Spitzen erbringen sollte. Tatsächlich gelang es rasch entsprechende Einnahmen zu generieren und von 1903 bis 1908 wurden zwei Türme dem Bild der Stadt hinzugefügt und wirkten schon zur Weihe 1912 als seien sie bereits ewig da. Und so zeigt die Silhouette Meißens auch heute noch große sächsische Geschichte an, deren symbolische Wiege sie gleichsam beherbergt und die bei einem Spaziergang durch die steilen Gassen der Altstadt auf den Berg beschnuppert werden kann.

Geschichte Kopenhagens

Erstmals erwähnt wurde das heutige Kopenhagen im Jahr 1043. Damals war von einem Hafen („havn“) geschrieben wurden, die wohl eine kleinere Fischersiedlung in der Gegend beherbergte. Als der Bischof von Roskilde, der damaligen Hauptstadt Dänemarks, den Ort 1160 übernahm, ließ er eine Burg erbauen, den schon damals war die strategische Bedeutung des Ortes aufgefallen, war es doch am engen Öresund zwischen Seeland und Schonen der beste natürliche Anlegepunkt und noch dazu ein Ort mit reichlich Fischgründen, insbesondere Heringen. Nicht zu vergessen ist, dass Havn an einer engen Stelle des Øresunds lag und damit einen guten Übergang zwischen den beiden wichtigen Städten Roskilde und Lund schuf. So wuchs das Örtchen zu einem Handelsort heran und wurde auch bald so genannt, nämlich „Kaufmannshafen“, oder auf Dänisch: „Køpmannæhafn“. Mit rund 5.000 Einwohner bekam der Ort 1254 das Stadtrecht. Gleichwohl war Kopenhagens Lage auch Grund für Rivalität. Die im späten Mittelalter mächtige Hanse, ließ die Stadt im 13.Jahrhundert gleich zweimal Kopenhagen zerstören, wohl auch deshalb, weil die Dänen den Schiffsverkehr der Hanse störten. Doch der Konkurrent war nicht leicht abzuschütteln, Kopenhagen wurde immer wieder aufgebaut. 1413 machte Eric von Pommern die Stadt zu seiner Residenz und 1443 sogar zur dänischen Hauptstadt. Sie beerbte damit Roskilde. Dies und die Gründung der Universität Kopenhagens im Jahr 1479 (damit ist sie die zweitälteste Uni Skandinaviens und eine der Ältesten in Europa) machten die Stadt zu einem bedeutenden Zentrum im Nordeuropa des 16. Jahrhunderts. Den Reichtum der dänischen Könige mehrte sich durch den Öresundzoll, den jedes Schiff zu zahlen hatte, welche den Meeresabschnitt passieren musste.

Bis zur Regierung von Christian IV. (1588-1648) veränderte sich der Grundriss der Stadt kaum. Inzwischen Protestantisch wuchs Kopenhagen, als im südlich gelegenen Zentraleuropa die Wirren des 30-jährigen Krieges mit Verlust, Tod und Niedergang über das Land wehten. Um 1650 sollen bereits 30.000 Menschen in Kopenhagen gelebt haben. Der König ließ die Stadt im großen Stil ausbauen. Schloss Rosenborg entstand nördlich der Stadt als Sommerresidenz (heute liegt es mehr oder weniger im Stadtzentrum), in der Nähe wurde außerhalb der Stadtmauern, das Quartier Nyboder erbaut, ein Wohngebiet für die Angehörigen der Marine. Auf der südlich der Stadt gelegenen Insel Amagar wurde die Stadt Christianshavn erbaut, welche jedoch schon nach 57 Jahren um 1674 eingemeindet wurde. Das Unheil der Gewalt kam erst mit dem zweiten nordische Krieg (1655 bis 1671) ins Land, im Detail mit dem dänisch-schwedischen Krieg, in welcher die Stadt 1658 von den Schweden belagert und ein Jahr später sogar angegriffen wurde, denn den Schweden lag daran ganz Dänemark zu beherrschen. Die darauf folgenden Aufbauarbeiten sahen auch die Erweiterung des nördlich der Stadt erbauten Kastellets vor, einer Einrichtung für ein Heer von 3.000 Mann. Zahlreiche Bastionen wurden angelegt, denn nach dem Krieg lag Kopenhagen nun am östlichen Rande Dänemarks, das auf der anderen Seite des Öresunds gelegene Malmö und die Provinz Schonen wurden von Schweden annektiert. Um als Handelsstandpunkt attraktiv zu bleiben, wurde der Nyhavn angelegt, an dessen nördlichem Ende der repräsentative königliche Platz Kongens Nytorv entstand. Bis zum Jahr 1690 wuchs Kopenhagen weiter stark an und hatte da bereits eine Einwohnerzahl von 60.000 erreicht.
Dieses Wachstum verlangsamte sich im 18. Jahrhundert beträchtlich. Die Pest (1711), und große Stadtbrände (1728 und 1795) warfen die Entwicklung der Stadt zurück. Jedoch wurden in jenem Jahrhundert die großen Schlossanlagen gebaut, die heute noch in und um die Hauptstadt stehen und Einheimische und Gäste gleichermaßen beeindrucken. 1709 wurde das Renaissanceschloss Frederiksberg in Hillerød (etwas 30km NO der Stadt) erweitert, etwas weiter östlich davon entstand das Schloss Fredensborg 1722. Das neue Schloss Christiansborg entstand nach dem Brand 1728, was heute das wichtigste Bauwerk des dänischen Staates ist, denn hier sitzt das Parlament, der oberste Gerichtshof, der Ministerpräsident und hier befinden sich ebenso die königlichen Empfangsräume (allerdings sollte der damalige Bau ein Feuer 1794 nicht überleben, sein Nachfolger fiel ebenso einem Feuer zum Opfer und das heutige Schloss stammt erst aus dem 20. Jahrhundert). Nicht zu vergessen ist Schloss Amalienborg, was als Zentrum des neuen Barock Viertels Frederiksstaden gebaut wurde.
 Kopenhagen wuchs zur Großstadt heran und erreichte 1800 die 100.000 Einwohnermarke. Doch die Auswirkungen der französischen Revolution sollten die Stadt treffen, denn Kopenhagen wurde auf Grund der dänischen Neutralität mit Schweden, Preußen und Russland von der englischen Flotte erst 1801 bombardiert und 1807 gar eingenommen. Die Briten plünderten die Stadt. Noch schlimmer war, dass durch die Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongreß die Stadt ihre Bedeutung als wichtigster Hafen Nordeuropas an die Stadt Hamburg verlor und so auch der Wiederaufbau recht langsam von statten ging und erst ab den 1830er jahren ein langsamer Wirtschaftsaufschwung begann.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte die industrielle Revolution auch in Dänemark ein. 1847 wurde eine erste Eisenbahnlinie zwischen Kopenhagen und Roskilde eröffnet. Die ländliche Bevölkerung suchte ihr Glück in der Hauptstadt und diese platzte mehr und mehr aus ihren Nähten, hatte sie doch noch eine mittelalterliche Verteidigungsanlage, innerhalb die meisten Menschen wohnten. In den immer beengter werdenden Platzverhältnissen verschlechterten sich die hygienischen Bedingungen dramatisch. 1853 kam es zu einer Cholera-Epidemie, an der 5.000 Menschen starben. Danach folgten zahlreiche Maßnahmen die Stadt für ihre neue Größe anzupassen, 1859 wurde die Frischwasserzufuhr verbessert und ein Gaswerk gebaut, das die Straßen nachts beleuchtete. 1868 schließlich wurden die Stadtmauern geschleift und Kopenhagen wuchs schnell über seine alten Grenzen hinaus. Die Viertel Østerbro (im N), Nørrebro (im W) und Vesterbro (im S) entstanden. Die Lage der alten Stadtgrenzen und ihrer Befestigungsmauern lässt sich heute noch erahnen, liegen doch der Tivoli, sowie die Parks Ørestedparken und Østre Anlæge an ihrer Stelle. Es bedurfte nur wenig Zeit bis Kopenhagen mit der Nachbargemeinde Frederiksberg zusammenwuchs. Noch heute ist die mittlerweile über 100.000 Einwohner zählende Stadt selbstständig wird aber von der Stadt Kopenhagen komplett umschlossen.
Im 2.Weltkrieg wurde Kopenhagen am 9.April 1940 kampflos von der deutschen Wehrmacht eingenommen. Seit dem Dänisch-Deutschen Krieg 1864, der mit erheblichen Territorialverlusten in Schleswig und Holstein für die Dänen endete, präferierte Dänemark eine strenge Neutralitätspolitik gegenüber Deutschland (wie bereits im 1.Weltkrieg), bei der das gesamte Land kampflos an Nazideutschland übergeben wurde. Einige dänische Widerstandskämpfer griffen in den Jahren des Krieges Industrieanlagen an und 1944 kam es zu einem landesweiten Generalstreik, in dessen Folge der SS-Korps Schalburg-Gruppe den Tivoli als Vergeltung zerstörte. Ein Bombardement alliierter Flugzeuge am 21. März 1945 führte zur unbeabsichtigten Zerstörung einer französischen Schule und deren Umfeldes, bei dem mehr als 900 Menschen ihr Leben ließen (ein Kampfflugzeug der Alliierten stürzte versehentlich über der Schule ab und die Explosion wurde von den anderen Flugzeugen als Zeichen betrachtet, die Gegend zu bombardieren). Betrachtet man aber die Ereignisse und Zerstörungen des 2.Weltkrieges insgesamt, so wurde Kopenhagen fast unbeschadet aus diesem schlimmsten aller Kriege. Dazu passte auch das es in ganz Dänemark keine wirkliche Nazifizierung gab, die dänische Regierung unter den gegebenen Umständen relativ selbstständig handeln konnte und man dabei beispielsweise sehr viele jüdische Bürger vor dem Holocaust retten konnte.
Nach 1945 benötigte man einen Plan, wie man mit einer wachsenden Stadt (Kopenhagen hatte 1940 bereits über 700.000 Einwohner und erreichte seinen Höchststand von 768.000 zehn Jahre später) umgehen wollte. Dazu wurde 1947 ein offizieller Stadtentwicklungsplan vorgestellt, der „Fingerplan“. Sein Name nimmt sich ein Beispiel an der Figur einer Hand, von der sich die einzelnen Finger lösen. Die Handfläche ist die Innenstadt und die Finger sind verkehrstechnisch gut angeschlossene Zentren mit Wohn- und Arbeitsgebieten, sowie Freizeiteinrichtungen. In den Leerräumen zwischen den Fingern sollten Grünflächen entstehen. Für die verkehrstechnische Anbindung wurde sich dem 1934 eingeführten S-bahnnetz S-tog bedient. Ziel dieses Stadtentwicklungsplans war der moderne Geist der räumlichen Trennung von Arbeits- und Wohnort bei einer gleichzeitigen Kontrolle des Außenwachstums der Stadt. Auch wenn der Fingerplan, der von Peter Bredsdorff entwickelt wurde, sich mehrfach neuen Realitäten anpassen musste, so ist er als basales Ordnungsprinzip für die Kopenhagener Stadtentwicklung nach dem 2.Weltkrieg elementar. Obwohl der Großraum Kopenhagen noch bis weit in die 1970er Jahre wuchs (während die eigentliche Stadt schon Bevölkerung verlor), hielt man an den grünen Zwischenräumen im Umfeld der Stadt fest. Ab den 1980er Jahren trafen sich vertiefende wirtschaftliche Strukturprobleme mehr und mehr die Stadt. Industriebrachen entstanden und Gründerzeitviertel verarmten. Erst Mitte der 1990er Jahre erholt sich Kopenhagen davon. 1996 kann als Startschuss für das Entstehen der neuen nordischen Metropole Kopenhagen gelten, war man in jenem Jahr doch europäische Kulturhauptstadt. Der Einwohnerverlust wurde gestoppt (1992 zählte man nur noch 464.566 Bürger Kopenhagens) und es erfolgte eine stetige Verbesserung des Anschlusses an das europäische Verkehrsnetz, in Richtung Westen mit der Großen Belt Überquerung und in Richtung Osten mit der unmittelbar an die Stadt grenzenden Öresundbrücke, die seit 2000 Kopenhagen mit dem schwedischen Malmö verbindet. 2002 wurde die Kopenhagener Metro eröffnet, zu deren zwei Linien in den nächsten Jahren zwei weitere hinzukommen werden. Noch mehr zeigt sich das aber an den fast unendlich vielen Bauprojekten die in der Stadt wachsen und die neben zahlreichen Wohn- und Arbeitsquartieren auch einige neue bauliche Wahrzeichen der Stadt bescherten.                 

Geschichte von Buenos Aires

Die doppelte Gründung von Buenos AiresDas erste Vierteljahrtausend – Bedeutungslos am FlussDie Unabhängigkeit Argentiniens und der Aufstieg Buenos AiresDas rasante Anwachsen von Buenos AiresDie Stadt von WeltWeltstadt als Traum – Buenos Aires von 1930 bis 2000 | Buenos Aires heute

Die doppelte Gründung von Buenos Aires

Buenos Aires liegt am Mündungstrichter des Flusses Rio de la Plata. Dieser entsteht nordwestlich der Stadt aus dem Zusammenfluss des Rio Paraná und des Rio Uruguay, beides Flüsse die weit in das Landesinnere Südamerikas reichen, wobei der Paraná nach dem Amazonas der zweitlängste Strom des Kontinents ist. Es wird vermutet, dass der Name Rio de la Plata, übersetzt Silberfluss, damit zu tun hat, dass man von hier zu den reichen Silbervorkommen nach Potosi in Bolivien gelangen könnte. Eine andere Spekulation der Namensgebung erzählt die interessante Geschichte, wie der spanische Entdecker Juan Díaz de Solis 1516, drei Karavellen für Spanien befehligend, die Mündung hinauf fuhr. Da der Rio de la Plata 290km lang und am Ende rund 220km breit ist, wirkt sie wohl auf den ersten Blick wie ein Teil des Atlantischen Ozeans. Solis nannte den Abschnitt folgerichtig „Mar Dulce“, da das Süßwasser das Meerwasser verdrängte. Er landete am Zusammenfluss von Rio Uruguay und Paraná an und nahm das Gebiet für Spanien in Besitz. Die hier zahlreich lebenden Indianer-Stämme waren den Neuankömmlingen nicht freundlich zugeneigt und es kam zum Konflikt, wobei Solis und einige seiner Männer starben. Auffällig für den überlebenden Rest der Crew war jedoch der reiche Silberschmuck, den die Indianer trugen, weshalb die Spanier davon ausgingen, dass hier gewaltige Silbervorkommen vorhanden sein müssten. Der Name Rio de la Plata verweist in dieser Geschichte also ebenfalls auf die Hoffnungen auf großen Reichtum.
Eine weitere Expedition startete 1534 in Cádiz unter Pedro de Mendoza, der sehr großzügig ausgestattet, mit 11 Schiffen an den Rio de la Plata reisen sollte. Sein Auftrag war es, das Gebiet um den Rio de la Plata für Spanien in Besitz zu nehmen und drei Siedlungen zu erbauen, wobei er 1.500 Kolonisten mit sich führte. Eine lange Suche nach dem richtigen Siedlungsplatz begann und wurde 1535 oder 36 am südwestlichen Ufer mit dem Bau einer ersten Festung beendet. Mendoza benannte sie – wie damals üblich – nach einer Schutzheiligen; Nuestra Señora del Buen Aire.
Mendoza und seine Kolonisten verschwendeten sicherlich nicht viele Gedanken daran, hier eine zukünftige Weltstadt zu errichten, im Gegenteil ihre gesamte Planung war alles andere als weitreichend. Es ging ihnen in erster Linie, um einen regionalen Stützpunkt in unbekannten Gefilden, verbunden mit der Hoffnung Gold und Silber zu finden, schließlich war Mendoza vom spanischen König zum neuen Gouverneur ernannt wurden und hoffte, wie alle anderen Teilnehmer auch auf gewaltigen Reichtum. Der Aufbau der Siedlung war alles andere als leicht, denn das Hinterland von Buenos Aires besteht aus weiten Grasflächen, die keinerlei Steine zum Bau von Häusern anboten. So muss dieses erste Fort mehr wie eine notdürftige Brettersiedlung ausgesehen haben. Die landwirtschaftliche Nutzung war alles andere als geplant und die Verpflegung mit Nahrung wurde hauptsächlich im Tauschhandel mit Einheimischen durchgeführt. Jedoch gingen die Tauschvorräte der Spanier bald zur Neige und man verlagerte sich auf die räuberische Herausgabe von benötigten Materialen von den Einheimischen, was diese selbstverständlich nicht positiv aufnahmen und im Gegenzug das Fort belagerten. Die führte wiederum zu einer schlimmen Hungersnot in der neuen Siedlung. 1537 wurde Mendozas erster Offizier flussaufwärts geschickt, um eine weitere Siedlung zu gründen, was nicht nur damit zu tun hatte das man den bisherigen Platz für suboptimal hielt, sondern auch mit dem Versprechen an den spanischen König, drei Forts zu bauen. Juan de Ayolas segelte rund 1200km nördlich auf dem Rio Paraná hinauf und ließ dort Asunción erbauen, die heutige Hauptstadt von Paraguay. Diese entwickelte sich weit besser als Buenos Aires und um das Jahr 1540 siedelten dessen Einwohnern nach Asunción und ließen das Fort allein zurück.   
Für das spanische Kolonialreich war die Aufgabe von Buenos Aires allerdings aus zwei Gründen unangenehm. Zum einen war man sich nicht sicher, ob die Portugiesen, welche in Brasilien siedelten, oder gar andere Mächte, die strategisch wichtige Mündung des Rio de la Plata besetzten, zum anderen war eine Verbindungsstation nach der Atlantiküberfahrt an der Küste Südamerikas wichtig, damit hier die Weiterreise zu den Gold und Silbermienen im Inneren des Kontinents abgewickelt werden konnte. So geriet der Ort auch nicht in Vergessenheit. Immer wieder wurde eine erneute Besiedlung angedacht, doch erst mit einem neuen Gouverneur in Asunción wurden die Bemühungen intensiviert.
Er sendete 1580 seinen Schwiegersohn Juan de Garay an den Mündungstrichter und dieser gründete am 11. Juni 1580 „La Ciudad de la Santísima Trinidad y Puerto de Santa Maria del Buen Ayre“ (zum Glück gab es damals noch keine Ortseingangsschilder). Der neue Namenszusatz ergab sich daraus, dass das Gründungsdatum am Dreifaltigkeitssonntag lag. Im Übrigen ergibt sich daraus die, heute jedoch selten verwendete, Bezeichnung „La Trinidad“ für Buenos Aires. Der 11.6.1580 gilt als das eigentliche Gründungsdatum der Stadt.


 Juan de Garays lies festlegen, dass die Straßen in einer rechtwinkligen Gitterstruktur angelegt werden, eine Straßen- oder in diesem Fall besser, Wegestruktur, wie man sie von römischen Städten kennt, oder vom „grid“ in Manhattan und der bei neuangelegten Siedlungen in Südamerika nicht unüblich war. Das Besondere an Garays Gitter ist aber, dass es noch heute die Straßenstruktur von Buenos Aires prägt. Die gegenwärtige Form seiner Straßen ist daher maßgeblich noch von seinem Gründungsdatum her abzulesen! Bis ins Jahr 1883 wurde diese Anlage nur minimal verändert und war so regelmäßig, dass Charles Darwin 1832 auf seiner Weltreise mit der Beagle bemerkte, Buenos Aires wäre die am gleichmäßig angelegteste Stadt die ihr kenne.
Garays Planungen waren weitreichender und nachhaltiger als die von Mendoza, denn er gab ebenso Flächen für landwirtschaftliche Nutzung und Viehhaltung frei. Die ersten Siedler waren dabei fast alle Kreolen, also in Südamerika geborene Kinder europäischer Einwanderer aus Asunción. Die Grundstücke wurden so angelegt, dass jeder Siedler eine Parzelle bekam, es aber noch viele leere Flächen gab, die später gefüllt werden konnten. Sie wurden die ersten lehmigen Wege angelegt und kleine Lehmhäuser gebaut.

Das erste Vierteljahrtausend – Bedeutungslos am Fluss

Die ersten Jahre, Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte, waren keine Geschichte des steilen Aufstiegs einer neuen Stadt, sondern eher die Geschichte von Stagnation einer kleinen, dreckigen, wenn nicht sogar unzivilisierten Ortschaft am Rande der Welt. Hinter der Siedlung begann die Pampa, das riesige flache Weideland und dahinter dann Patagonien, dass bis in 19.Jahrhundert hinein terra incognita war, sprich vom dem keiner so recht wusste wie groß, gefährlich und schön es eigentlich war. Doch Buenos Aires wurde vom spanischen Kolonialsystem auch keineswegs dazu angelegt sich hervorzuheben, größer oder irgendwie bedeutender zu werden. Ganz im Gegenteil, die Stadt war dazu da, als Verbindungsweg nach Potosí zu dienen, der reichsten Stadt Südamerikas mit seinen Silberminen. Als 1542 das Vizekönigreich Peru installiert wurde, wurde Lima dessen wichtigste Hafenstadt. Die Rolle von Buenos Aires war stark begrenzt und der Handel von hier für fast alle Güter verboten, die Stadt sollte nicht den wichtigen Warenaustausch blockieren. Lediglich der Handel von Leder und Kuhfellen war erlaubt und schon bald machte sich die Stadt einen Namen mit diesen Produkten. Nur ein weiterer Geschäftszweig war erlaubt, der Sklavenhandel. Erst besaßen dafür die Franzosen eine Lizenz, später die Briten, die einen Sklavenmarkt kurz hinter der Stadtgrenze betrieben. Der Sklavenmarkt hatte einige Bedeutung und um 1800 herum, waren rund ein Viertel der Einwohner Buenos Aires schwarze Sklaven aus Afrika.
Durch die restriktive Handelspolitik die das Vizekönigreich der Stadt Buenos Aries auferlegte, wuchs vor allem eins, der Schmuggel. Tatsächlich blühte der Schwarzhandel und einige Einwohner häuften einen beträchtlichen Wohlstand an, den sie aber lieber innerhalb des Hauses zeigten, weshalb das Stadtbild sich nicht wirklich veränderte, gleich gar nicht zum Schönen. Durch die unbedeutende Funktion im Kolonialreich findet sich in Buenos Aires auch keine Kolonialarchitektur, wie in anderen ähnlich alten Städten in Südamerika und alle Spuren dieser Zeit, auch die damalige Burganlage, sind heute nicht mehr zu finden. Lediglich die Struktur der Stadt ist heute noch sichtbar, mit ihrem Mittelpunkt, dem Plaza de Mayo, damals der einzige öffentliche Platz in der Stadt.
Eine Änderung der Situation trat erst 1776 ein, als es zu einer Umstrukturierung der spanischen Kolonialgebiete in Amerika kam. Es wurden vier neue Vizekönigreiche installiert, eines davon war das Virreinato del Rio de la Plata. Es erstreckte sich auf einer Fläche, die heute ganz Argentinien, Bolivien, Uruguay und Paraguay ausmachen würde. Hauptstadt dieses Territoriums wurde Buenos Aires, dessen Stellung sich damit dramatisch verbesserte. Die Handelsbeschränkungen fielen weg und Buenos Aires wurde zu einem wichtigen Handelszentrum. Um 1800 hatte die wachsende Stadt rund 45.000 Einwohner (im Vergleich zu 12.000 noch 50 Jahre vorher) und war damit schon die größte Stadt in Südamerika. Damit wurde der locker besiedelte Ort zunehmend verdichtet, keinesfalls aber schöner, auch wenn nördlich der Stadt neue Wegenetze gezogen wurden, um freien Bauplatz zu schaffen. Das dortige Farmland wurde urbanisiert, der Schlachthof, der vorher außerhalb der Stadt lag, wurde nach Süden verlegt, wiederum außerhalb der Stadtgrenzen. Interessanterweise ist das eine erste Weichenstellung für das heutigen Buenos Aires; während der Süden der Stadt viele arme Nachbarschaften und Industriegebiete hat, siedeln im Norden, die Mittel- und Oberschicht (auf diese Verschiebung kommen wir später zurück).
Keiner der elf bis 1810 regiereden Vizekönige investierte viel Aufmerksamkeit in den Ausbau Buenos Aires und die kleinen Neurungen jener Zeit, wie der Recova Markt, sind heute allesamt verschwunden. Parks gab es und Gärten lagen zumeist nur hinter den Mauern der Häuser in privater Atmosphäre. Mit dem Paseo de la Alameda wurde aber ein erster öffentlicher Straßenzug am Fluss geschaffen, der trotz aller Unvollkommenheit gern zum Flanieren der Bürger der Stadt benutzt wurde.

Die Unabhängigkeit Argentiniens und der Aufstieg Buenos Aires

Als neue Hauptstadt des Vizekönigreiches wurde Buenos Aires zum Mittelpunkt der politischen Ereignisse in der Region, welche wiederum in engen Zusammenhang mit den Ereignissen in Europa standen. Dort überrollten die napoleonischen Armeen viele Länder. Spanien, nur noch ein Schatten der ehemaligen Weltmacht, wurde eher gezwungenermaßen, zum Alleierten Frankreichs. Unter den zahlreichen Feinden Frankreichs, und in dem Moment auch Spaniens, waren die Briten, welche 1806 Buenos Aires besetzten. Damit wurde die Stadt erstmals in seiner Geschichte von Feinden erobert. Die spanische Verwaltungsoberschicht, wie auch der Vizekönig flüchteten aus der Stadt. Die Einwohner der Stadt, die Porteños (übersetzt so in etwas wie die Hafensiedler), waren zwar zunehmend von der spanischen Vormundschaft gesättigt und nahmen die Flucht der iberischen Elite als Armutszeugnis, aber eine Besetzung von britischen Truppen war ihnen doch zu viel. Einheimische, bewaffnete Kräfte, die Patricios,  geführt von General Santiago de Liniers, eroberten die Stadt zurück. Ein Jahr später versuchten es die Briten wieder, scheiterten aber erneut. Buenos Aires ließ sich nicht erobern. Noch heute gibt es in Buenos Aires die Straßen Reconquista (die „Rückeroberung“ der Stadt 1806) und Defensa (die „Verteidigung“ der Stadt 1807), welche an diese Ereignisse voller Stolz erinnern. Aus den Erfahrungen über die eigene Stärke, erwuchs erstmals nicht nur in der Stadt, sondern im gesamten Umland ein neues Selbstbewusstsein, dass die eigene Stärke betonte. Die ersten Ideen wurden geboren, sich unabhängig vom spanischen Staat zu machen. 1810 kam es zu ersten Protesten auf dem Plaza del Mayo. Es wurde eine demokratisch gewählte Vertretung der Bürger eingefordert. Schließlich wurde am 25.Mai des Jahres der Vizekönig vertrieben und die Unabhängigkeit ausgerufen. Die Legende besagt, dass nach tagelangem Regen und Schlechtwetter des südlichen Spätherbsts, an jenem Tag, nach langer Zeit, erstmals die Sonne aufzog. Diese „sol del mayo“, ist heute noch auf der argentinischen Flagge zu sehen.
 Jedoch war dies nur ein erster Schritt und Spanien sah sich bald in ganz Südamerika mit Unabhängigkeitsbewegungen konfrontiert, welches es versuchte kriegerisch zu ersticken. Jedoch waren keine dieser kriegerischen Bemühungen langfristig vom Erfolg gekrönt. Am 9.Juli 1816 kam es zur vollständigen Loslösung von Spanien, der sogenannte Kongress von Tucumán begründete die Provincias Unidas del Río de la Plata, ein Vorläufer des heutigen Argentiniens. Innerhalb des neuen Staates formierten sich zwei gegensätzliche politische Positionen; Föderalisten und Unitaristen. Während die Föderalisten eher konservativ geprägt waren und zu starken Führerpersönlichkeiten tendierten, waren die Unitaristen eher Technokraten, die europäische Bildung schätzten. Letztendlich war dieser Konflikt für die Rolle Buenos Aires in einem neuen Staat entscheidend und sie ist auch heute noch in der aktuellen argentinischen Politik aufzufinden. Als erstes wurden im neuen Staat jedoch die Zeichen der alten Herrschaft getilgt und noch 1816 wurde der Stierkampf, das Symbol Spaniens, verboten (nicht unähnlich dem kürzlich verhängten Stierkampfverbot in Katalonien). Die Stadt wuchs weiter stetig und wurde das wirtschaftliche Zentrum des südlichen Amerikas.
In diese Zeit fällt der Baubeginn der neuen Fassade für die Kathedrale der Stadt, die mit ihrer neoklassischen Fassade, dass erste wirklich neuartige Bauwerk von Buenos Aires wurde. Sie ist stark beeinflusst von der europäischen Architektur jener Zeit und diese Beeinflussung, ja die geradezu fast manische Nachahmung, des europäischen Baugeschmacks, wurde zu einem prägenden Merkmal für Buenos Aires.
1829 kam Juan Manuel de Rosas an die Macht, ein Anhänger der Förderalisten, der seine Herrschaft zunehmend diktatorisch umgestaltete und als erster „caudillo“, als erster „Führer“ Argentiniens bezeichnet werden kann. Damit wurde ein autoritärer Politikstil etabliert, dem zukünftig – insbesondere im 20. Jahrhundert – noch weitere autoritäre Machtfiguren folgen würden. Rosas war für die Entwicklung der Stadt insofern bedeutungsvoll, als er die Infrastruktur verbesserte, indem er aus der starren Gitterstruktur der Straßen, einige verbreitern und zu Alleen umbauen ließ, eine Uferbefestigung zum Fluss hin schuf und die Felder und Hütten des nördlichen Vorortes Palermo in die Stadt integrierte, auch um dort seinen herrschaftlichen Wohnsitz zu errichten. Nachdem de Rosas 1852 durch Truppen von Justo José de Urquiza geschlagen wurde, dankte er ab und flüchtete nach Großbritannien. Von nun an übernahmen die Unitaristen die Vorherrschaft im Land und Buenos Aires veränderte sich zunehmend, geprägt von deren Vorliebe, dem europäischen Vorbild nachzueifern.
Das Jahr 1852 wird daher auch als die Wegmarke gesehen. War die Geschichte der Stadt bis dahin, provinziell, rückschrittlich oder gar langsam, begann nun der Aufstieg der Stadt von Welt.
1853 wurde eine neue staatliche Verfassung verabschiedet und die argentinische Konföderation gegründet, allerdings ohne Buenos Aires, denn die Stadt und die dazugehörende Provinz erklärten sich vom argentinischen Staat unabhängig. Die Gründe dafür lagen wohl insbesondere in der sich zunehmenden Herausstellung der wirtschaftlichen Vormachtstellung der Stadt im Land, insbesondere in der immer wichtiger werdenden Rolle des Hafens über welchen die Stadt einzig und allein selbst entscheiden wollte (und dessen Einnahmen man nicht unbedingt teilen wollte). So dauerte es bis 1859 ehe sich Buenos Aires der Konföderation anschloss und erst 1880 wurde die Stadt formell Hauptstadt Argentiniens. Das führte aber gleichzeitig zu einer Herauslösung aus der Provinz Buenos Aires, welche eine neue Hauptstadt bekam, die Stadt La Plata, die auf dem Reißbrett entworfen, ungefähr 70km südöstlich entstand. Buenos Aires selbst wurde nun vom Bund aus verwaltet, was hieß, dass nicht die Porteños ihren Bürgermeister wählen konnten, sondern das ein Intendente  (eine Art staatlicher Verwalter)eingesetzt wurde. Wenig später wurden, wieder auf Kosten der Provinz Buenos Aires, zahlreiche Vororte dem Stadtgebiet angegliedert.
Während all dieser politischen Veränderungen wuchs Buenos Aires weiter, 1857 erreichte der Ort das Niveau einer Großstadt (daher 100.000 Einwohner).

Das rasante Anwachsen von Buenos Aires

1880 zählte Buenos Aires bereits rund 250.000 Einwohner, eine rasante Bevölkerungszunahme, die viele andere Lateinamerikanische Städte erst viel später erleben sollten (und erstaunlicherweise eher der Bevölkerungsexplosion europäischer Städte jener Zeit gleicht). Verursacht war dieser Zuwachs von der ersten Welle europäischer Immigranten, die in der südlichen Hemisphäre ein neues Leben beginnen wollten. Die industrielle Revolution in Europa, die von einer rapiden Progression der Einwohner begleitet wurde und teilweise zu hoffnungslosen Verhältnissen auf dem Alten Kontinent führte, setzte massenweise neue Arbeitskräfte frei. Buenos Aires, sowie Argentinien insgesamt, hatten zu jener Zeit einen großen Bedarf an Arbeitskräften, veränderte sich doch auch hier die wirtschaftliche Situation des Landes von kleinen Farmwirtschaften hin zu industrieller Güterproduktion. Ein Beispiel für die neuen Möglichkeiten, die sich im 19.Jahrhundert ergaben, war das Erreichen eines französischen Dampfschiffes 1876 in Buenos Aires, welches gekühltes Fleisch mitführte, was nach der Atlantiküberfahrt noch genießbar war. Mit dem Kühlschrank war für die argentinischen Farmer die Möglichkeit gegeben, ihre Fleischproduktion auch nach Europa zu verschicken und ganz neue Märkte zu erschließen. Das argentinische Rumpsteak konnte man nun weltweit verzehren.
Mit dem ständigen Zuzug von Menschen ging allerdings auch einher, dass Wohnungsknappheit bzw. die katastrophale Wohnsituationen auch in Buenos Aires zu finden waren. Bestes Beispiel waren die conventillos, kleine Häuser in denen hunderte Menschen lebten, da sie dort nur ein Bett mieteten, während alle anderen Wohneinrichtungsgegenstände geteilt wurden. Insbesondere die hygienischen Zustände waren in diesen Quartieren, die meist in San Telmo oder La Boca zu finden waren, katastrophal. Einen eher symbolischen Ausdruck dieser Zustände zeigte sich in der Gelbfieberepidemie von 1871. Innerhalb von nur drei Monaten verloren dabei rund 14.000 Menschen, rund 8% der Bevölkerung ihr Leben. Die Epidemie breitete sich von San Telmo aus und betraf bald die ganze Stadt. Schuld an der verheerenden Krankheit wurde den Bedingungen in den Armutsquartieren gegeben, obwohl man heute weiß, dass die Krankheit von einer Mückenart übertragen wurde. Da es gerade in San Telmo aber viele stehende (Ab-)Wässer gab, fand diese hier ein ideales Brutgebiet.
Zwei Konsequenzen ergaben sich aus dieser Epidemie. Zum einen wanderten die wohlhabenderen Porteños endgültig in die nördlichen Stadtteile ab. Diese waren damals kaum erschlossen, aber wer es sich leisten konnte, der verließ die zunehmend überfüllte Innenstadt und wohnte im Barrio Norte. Heute sind die nördlichen Stadtteile Retiro, Recoleta, Palermo und Belgrano die Nachbarschaften der Mittel- und Oberschicht. Zum anderen wurde die Epidemie zum Anlass genommen, die Infrastruktur der Stadt zu verbessern. Wasser und Abwasserkanäle wurden gebaut, Strom- und Gasleitungen verlegt, 1875 eröffnete die erste Müllkippe der Stadt und die Müllabfuhr wurde eingeführt.
Seit 1857 führte auch die Eisenbahn in die Stadt, wobei die erste Station und ihr Gleisbett in die Nähe des Flusses gelegt wurden, damit begann ein Prozess, der den Fluss zunehmend aus dem Stadtbild verdrängte. In den 1870er Jahren wurden die ersten Straßenbahnen in der Stadt eingeführt. Erst noch mit Pferdebetrieb, ab dem 20.Jahrhundert dann elektrisch betrieben. Das Netz breitete sich schnell aus und damit begann eine räumliche Expansion der Stadt, denn nun war es für viele Porteños möglich, für einen günstigen Preis und in kurzer Zeit in die Innenstadt zu fahren, um dort zu arbeiten, während man am Rande der Stadt wohnte. Neue, entfernte Stadtteile wie Belgrano oder Flores konnten somit entstehen.
Immer neue Immigranten drangen nach Buenos Aires, fanden Arbeit und ließen die Wirtschaft stetig wachsen. Immer wieder warb sogar die Regierung um neue Arbeitskräfte, wobei man besonders an Mittel- und Nordeuropäer dachte, da man diese als besonders fleißig ansah. Der Reichtum der Stadt mehrte sich zunehmend und man dachte erstmals in Buenos Aires daran, repräsentative Bauten zu errichten, um insbesondere mit europäischen Städten mithalten zu können. In der Nachahmung europäisch-historistischer Baukunst sah man in Buenos Aires, die beste Möglichkeit die Stadt zu verschönern und ihren Reichtum und Fortschritt zu repräsentieren. Vorbild nahm man sich natürlich nicht am spanischen Kolonialreich, sondern an Paris, zusammen mit London, die Weltstadt der Jahrhundertwende. Dieser essentielle Unterschied zu anderen (süd-)amerikanischen Städten besteht auch heute noch (diese waren weit weniger europäisch geprägt). Der New Yorker Stadtbiograph James Gardener schreibt über Buenos Aires: „it feels invincibly, proudly, even polemically European.” (Gardener; S. 138). Dabei verdrängt das Neue jener Jahre auch die letzten Wurzeln des spanischen Kolonialen Erbes.
Mit dem Jahr 1880 und der Rolle als offizielle Hauptstadt Argentiniens kam ein weiterer Schub in die architektonische Verbesserung der Stadt, der von Paris aus in Mode gekommene Beaux-Arts Stil wurde gern und häufig verwendet um prächtige neue Bauwerke aufzustellen. Wichtig war den argentinischen Bauherren der erste Blick, nicht eine dahinter steckende Innovation der Bauten. Ein Beispiel für die Bedeutung der Außendarstellung bei gleichzeitiger Nachahmung europäischer Bauformen ist der Friedhof von Recoleta. Ähnlich strikt rechtwinklig wie die Stadt angelegt, repräsentieren die eng aneinander liegenden Grabbauten, mit ihren Nachahmungen des Historismus, des Jugendstils oder des Klassizismus die glorifizierten Familiengeschichten. Die Anlage wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts angelegt und ist heute eine der Hauptattraktionen der Stadt und gilt als einer der eindrucksvollsten Grabstätten Amerikas.
Die zahlreichen Bautätigkeiten der Lebenden wurde insbesondere von einer sich herausbildenden Schicht der Oligarchen geprägt, die sich reich ausgestattete Villen errichten ließen. Auch hier war wieder Paris das Vorbild. Interessanterweise waren jedoch die argentinischen Häuser weitaus besser ausgebaut als ihre französischen Vorbilder, was insbesondere daran lag, dass ihre Ideale in Frankreich um 1860 gebaut wurden, die südamerikanischen Nachbauten aber 30-50 Jahre später. Ein Fahrstuhl, warmes Wasser und Stromanschluss wurden auch bald für die Mittelklasse zur gewünschten und auch bezahlbaren Wohnungsausstattung. Ein signifikanter Unterschied zwischen den neuen Häuserreihen in Buenos Aires und seinen europäischen Vorbildern ist allerdings die Zerstückelung von Straßenzügen. Eine einheitliche Traufhöhe, oder gar eine einheitliche Straßenästhetik war (und ist heute noch) kaum in der Stadt zu finden. Jedes Haus war ein eigenes Bauprojekt und die Straßen sind folglich die Abflogen von ganz unterschiedlichen Gestaltungsformen, die eine ganzheitliche Harmonie selten aufkommen lassen. Dieses Durcheinander ist in der DNA der Stadt verankert, die wie schon erwähnt eine Gründung im spanischen Kolonialreich ist. Die Stadtgründungen standen dabei alle unter der Prämisse gleichförmige Bauplätze zur Verfügung zu stellen, die individuell von den späteren Besitzern bebaut werden konnten. Dieses individuelle Element ist noch heute viel häufiger vorkommend, als eine gleichförmige Gestaltung von Straßenzügen. Einige Ausnahmen in Buenos Aires werden später noch besprochen. Durch die unterschiedlichen Höhen benachbarter Häuser, entstanden die sogenannten medianeras, graue Häuserseiten ohne Fenster. Diese entstehen, wenn unterschiedlich hohe Häuser in einer Reihe gebaut wurden, denn man kann sich nicht sicher sein, ob die Häuserwand des höheren Hauses nicht doch später mal von einem neuen Nachbarbauwerk zugebaut wird und die Fenster dann ihre Funktion verlören. Die medianeras sind ein typisches Merkmal von Buenos Aires. Eine weitere lokale Besonderheit sind die ochavas, die spezielle Formung der Eckgebäude Buenos Aires. Fast jedes Eckhaus hat eine Schrägkante, die einen 90 Grad Winkel vermeidet und stattdessen sich zur Kreuzung hin öffnet. Diese Eckgestaltung findet sich zwar auch in vielen anderen Städten, aber die Häufigkeit bzw. fast Ausschließlichkeit der ochavas in Buenos Aires ist markant.  

Die Stadt von Welt

Eine der einflussreichsten Menschen im Baugeschehen von Buenos Aires war Torcuato de Alvear, der Intendente der Stadt. Obwohl nur von 1883 bis 87 im Amt, leitete er eine ganze Reihe von Veränderungen ein. Eine davon war das Projekt, die Straßengitterstruktur der Stadt neu zu definieren. Dabei sollten einige Straßen verbreitert und zu großen Boulevards umgebaut werden und so eine Hierarchie im sonst gleichförmigen Gitter entstehen. Sowohl entlang der Ost-West Achse (mit Corrientes, Cordoba, Santa Fé) als auch der Nord-Süd Achse (mit  Callao und Pueyrredón) wurden boulevardartige Hauptstraßen verbreitert. Alvear ließ Plätze anlegen, Bäume pflanzen und lockerte damit zusätzlich das Gitter auf.
Mit der Planung seines größten Projekts, der Avenida de Mayo, vermachte er der Stadt eine spektakuläre und gleichzeitig symbolische neue Hauptstraße, wenngleich diese erst nach seinem Tode vollendet wurde. Sie sollte vom wichtigsten Platz der Stadt, dem Plaza de Mayo mit dem Sitz des Staatspräsidenten, der Casa Rosa, zwei Kilometer lang in gerader Linie (was zu erwarten war) zum Congresso, dem Sitz des Parlamentes verlaufen. Die beiden wichtigsten politischen Institutionen des Landes waren die Bindeglieder dieser Prachtstraße. Die Avenida de Mayo war die erste, vollkommen neue Straße, die in das Gitternetz der Stadt eingelassen wurde (zwischen Rivadavia und Yrigoyen, was man auch heute noch problemlos im Stadtplan erkennt). Zwischen 1885 und 1894 wurde sie angelegt, unter großen Protesten der dortigen Hausbesitzer, meistens jenen, die bei den Bodenspekulationen nichts gewannen. Entstanden ist ein 30m breiter Boulevard, damals die breiteste Straße im Land und ganz an den Pariser Boulevards orientiert, welche übrigens ebenso 30m breit sind. Im Unterschied zur restlichen Stadt war man hier auch an einer Uniformität der Häuser interessiert (alle sollten 25m hoch sein), um der Straße einer großen Harmonie zu verleihen.
Der Parlamentssitz, Palacio de Congreso, am Ende der Avenida del Mayo, wurde zum neuen Symbol des aufstrebenden Staates Argentiniens. Architekt Vittorio Meano inspirierte sich am Washingtoner Capital und ließ von 1896 bis 1905 einen auf große Symmetrie angelegten, gleichzeitig aber gewaltigen Bau schaffen, dessen Eigentümlichkeit es ist, gestreckt zu wirken  (in der Kuppel vielleicht am besten zu sehen).
Nicht nur die politischen Bauwerke jener Jahre hatten eine hohe Strahlkraft, die drei neuen Hauptbahnhöfe der Stadt; Retiro, Constitucion und Once zeigten ebenso den gestiegenen Anspruch ans Bauen in Buenos Aires. Nicht weniger als das Beste, das Opulenteste und Größte, war gut genug für Argentiniens Hauptstadt. Noch heute sind die Vorhallen und Querbahnsteige der Estacion de Retiro oder des Bahnhofes Constitucion beeindruckende Kathedralen des Transits. Ein neuer Botanischer Garten, ein Zoo und der Neubau des Opernhauses Colon waren weitere Vorhaben, die der Bedeutung der Stadt zur Weltstadt zur Geltung verhelfen sollten.
Größere Infrastrukturmaßnahmen folgten im beginnenden 20. Jahrhundert mit dem Bau einer U-Bahn, der Subte (eine Kurzform von „Subterráneo“ = „unterirdisch“). Als erste Metro der südlichen Hemisphäre wurde sie 1913 (und eine der ersten weltweit, noch vor Madrid oder Moskau), mit der Eröffnung der Linie A, eingeweiht. Die Streckenlänge der Subte war anfangs übersichtlich, denn erst 1930 wurde eine zweite Linie eröffnet, aber mit dem Bau einer eigenen U-Bahn war ein Zeichen gesetzt wurden, dass keine technische Innovation zu teuer war für Buenos Aires. Viel essentieller war der Ausbau des Hafens. Wobei es einen einheitlichen Hafen so nicht gab und auch heute nicht gibt, vielmehr existierten drei Häfen der Stadt. Heute sind nur noch der südlich in La Boca und Barracas gelegene Hafen und der Puerto Nuevo, nördlich der Retiro Station in Betrieb, was für jeden Besucher der Innenstadt schnell sichtbar wird, nicht weil die Hafenanlagen so herausragen, sondern weil eine schier endlose Menge an Lastwagen durch das Stadtzentrum fährt, um Container von einem Hafen zum anderen zu bringen. Ein dritter Hafen war der, direkt vor der Innenstadt angelegte Puerto Madero, dessen Bau bereits 1889 begann. Die riesige Anlage, die von Eduardo Madero geplant wurde, schnitt das Stadtzentrum endgültig vom Fluss ab. Vier große Becken mit Hafenanlagen wurden zwischen der Innenstadt und dem Rio de la Plata angelegt. Puerto Madero wurde nur bis in die 1960er hinein betrieben und wird seit einigen Jahren zu einem Wohngebiet für die obere Mittelschicht und Oberschicht umgebaut (mehr dazu unter: Hochhäuser in Buenos Aires).
 Ein für das heutige Buenos Aires noch prägendes Element ist das großflächige Anlegen von Grünanlagen um das Jahr 1900. War die Stadt bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, eine fast baumlose Stadtlandschaft, so erstellte man zur Jahrhundertwende Parks in den unterschiedlichsten Größen und Formen. Eine der schönsten ist heute der Parque Tres de Febrero mit seinem japanischen Garten. In diesem Zusammenhang kann ebenso das elegante Hippodromo, die Pferderennbahn, genannt werden, die besonders den begüterteren Kreisen ein Vergnügen bereiten sollte.
Mit der zunehmenden Einwanderung veränderte sich die Struktur der Stadt. Verschiedene Stadtviertel differenzierten sich voneinander ab. Spanische Immigranten siedelten in anderen „barrios“ als Italienische oder wiederum russische Juden. Deren Zuzug macht Buenos Aires übrigens heute noch zur 7. größten jüdischen Gemeinde in der Welt (mit dem einzigen koscheren McDonalds außerhalb Israels, gelegen in der Abasto Mall, in der es noch zwei weitere McDonalds gibt!).
Erstaunlich ist bei dieser kulturellen Verschiebung der Stadt, das langsame Verschwinden der schwarzen Bevölkerung. Wie bereits erwähnt, machte diese um 1800 20-30% der Porteños aus. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sie vermehrt um den Plaza de la Independencía. Obwohl sie, anders als die indigenen Einwohner in Argentinien, nicht verfolgt wurden, waren sie niemals gleichberechtigte Bürger und tatsächlich wurde ihr Anteil an der städtischen Bevölkerung immer weniger. Warum dies der Fall ist, ist bis heute nicht aufgeklärt.
Ein sehr populäres Immigrantenviertel war La Boca, in der Nähe des Hafens, dass sich zu einem vorwiegend italienischen Arbeiterviertel entwickelte. Heute ist es eine Mischung aus sozialem Brennpunkt und Touristenziel, mit seinen buntbemalten Holzhäusern am Caminito, einem kleinen Weg in der Mitte des Viertel. Die bunte Bemalung der Holzhäuser ist ein Markenzeichen von La Boca und entstand wohl aus der Tatsache, dass lediglich Farbreste zum Anstreichen vorhanden waren und diese meist nicht für das ganze Haus ausreichten, so das unterschiedliche Seiten, verschiedene Farben hatten. Heute ist der Charme des Viertels an die kräftigen Besucherströme angepasst wurden. Zwischen dem Caminito und dem Stadion des Fußballclubs Boca Juniors, der Bombonera (übersetzt „der Pralinenschachtel“), kann der Besucher hier Souvenirs kaufen, Essen und Trinken gehen oder sich von Tangovorführungen unterhalten lassen. Gleichzeitig wird er aber gewarnt, nur in den drei, vier touristischen Straßenzügen zu bleiben (in welchen auch stets sichtbar Polizei patroliert), da die Kriminalitätsrate dahinter stark ansteigt. 
Buenos Aires, obwohl auch mit typischen Problemen seiner Zeit belastet, schien um 1910 vor einer glorreichen Zukunft zu stehen. Kaum eine Stadt expandierte mit so einer rasanten Geschwindigkeit, zog neue Menschen, aber auch Arbeit und Geld, an. 1906 war man zu einer Millionenstadt gewachsen und ein Ende des Zustroms war nicht abzusehen. Neue Prachtbauten, wie das allseits bewunderte Opernhaus Colón im Neo-Renaissance Stil, eröffneten im Abstand von wenigen Jahren und zum einhundertjährigen Jubiläum der Unabhängigkeit (1910) wurde sogar eine Weltausstellung in der Stadt abgehalten. Während in Europa die politischen Spannungen zum 1.Weltkrieg führten, träumte man in Argentinien von einer weiter florierenden Welt, in welcher man nicht mehr den Alten Kontinent nachahmen musste, um ihn zu überholen. Prominente und Gelehrte kamen nach Buenos Aires, eine Tatsache, die noch einhundert Jahre vorher undenkbar erschien, nimmt man Darwin 1832 aus der Zählung heraus, der aber seinerzeit nur ein Forschungsreisender auf der Durchreise war. Eine Literaturszene entstand ebenso, wie eine Kunstgemeinde. Mit dem Tango entstand eine eigene Kunstform, wenngleich sich Porteños und Einwohner von Montevideo endlos darüber streiten können, wer und in welcher Stadt der Tanz erfunden wurde. Von den Einheimischen gern angeführt wird, das mit Carlos Gardel, der mit drei Jahren nach Buenos Aires zog, die Stadt sicherlich einen, wenn nicht den, berühmtesten Tango-Sänger und Komponisten zum Sohn hat.
1913 beschloss man, einen großen Einschnitt in die Straßenstruktur der Stadt zu machen und das rechteckige Gitternetz in zwei Fällen aufzulösen. Vom Plaza de Mayo an sollten zwei Diagonale Straßenzüge wegführen, um damit neue Sichtachsen zu schaffen und gleichzeitig zwei neue Prachtstraßen zu gestalten. Bis 1943 dauerte der Ausbau der Straßenzüge, noch vermehrt im Stil des Beaux-Artes errichtet. Allerdings sind hier schon erste Probleme zu bemerken, denn die südlichen Diagonale wurde nie abgeschlossen und endet bereits drei Blocks nach dem Plaza de Mayo. Die nördliche Diagonale reicht bis zum Justizpalast und verbindet damit symbolisch eine weitere Stütze der Gesellschaft mit dem Hauptplatz der Stadt.
Im Jahr 1928 zählte Buenos Aires bereits 2 Millionen Einwohner. Die großen Flächen in den neuen Stadtteilen Belgrano und Flores (1887 eingemeindet) wurden nicht nur rasch zugebaut, sondern ebenso schnell verdichtet. Aufgelockerte Vororte sind in der Stadt Buenos Aires deshalb kaum zu finden. Innerhalb der Stadtgrenzen, welche jedoch nur 202km² ausmachen, ist durch Immobilienspekulation, industrieller Expansion, und insbesondere durch die Verbesserung der Nahverkehrsmittel, eine schnelle und vollständige Urbanisierung aufzufinden, die fast keine lockere Bebauung kennt. Generell blieb es bei der Einteilung, dass im Norden die finanziell reicheren Schichten wohnten, während man im Süden Industrie- und Arbeiterviertel vorfand.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Historismus als prägende Bauform vom Jugendstil und der Moderne abgelöst. Das erste Hochhaus der Stadt, der Palacio Barolo auf der Avenida de Mayo, erdacht von Mario Palantini wurde 1923 eröffnet und ist ganz im Stil des Jugendstil ausgeführt. Die Besonderheit liegt in seiner symbolischen Form, die in ihrer Struktur an der „Göttlichen Komödie“ von Dante anknüpft. Ebenso in diesem Stil zeigt sich der Abasto Großmarkt, der heute ein großes Einkaufszentrum ist. Mit dem Edificio Kavanagh bekam Buenos Aires nicht nur ein neues höchstes Haus, sondern auch ein Bauwerk, das bereits maßgeblich vom rationalen Denken der Moderne geprägt wurde.
Zum 400-Jahrestag der Anlandung Pedro de Mendozas wurde ein 67m hoher Obelisk an der Stelle gebaut, an der 1812 die erste Argentinische Flagge aufgezogen wurde. 1936 fertiggestellt sollte der Obelisk schon drei Jahre später wieder abgerissen werden. Nur das Veto des Intendenten der Stadt bewahrte das Bauwerk vor seiner Zerstörung. Heute ist es ein Wahrzeichen der Stadt.

Weltstadt als Traum – Buenos Aires von 1930 bis 2000

1930 wurde der fast schon 80-jährige Präsident Hipólito Yrigoyen, durch einen Militärputsch gestürzt (eben jener Yrigoyen der 1919,  in der sogenannten Semana Trágica, einen Arbeiteraufstand blutig niederschlagen ließ). Fünf weitere Staatsstreiche sollten bis 1976 folgen und das Land immer wieder erschüttern. Argentinien war schon in den Dekaden vor 1930 keine wirklich stabile Demokratie (wie fast kein Land zu jener Zeit), aber durch die zahlreichen gewaltsamen Machtwechsel in den nächsten Jahrzehnten stagnierte die damals  achtgrößte Volkswirtschaft der Welt mitsamt ihrer Hauptstadt zunehmend. Statt andere Städte der Welt in Rang und Schönheit zu überholen, wurde man selbst überholt. Politische Extremisten verübten Anschläge. Regime ließen verhaften, foltern und töten. Besonders bekannt ist noch heute die Militärjunta, die 1976 an die Macht kam. Ihre Methoden der „vuelo de la muerte“ in denen Verdächtige lebend aus dem Flugzeug in den Rio de la Plata geworfen wurden, ist ein trauriger Höhepunkt, in einer von traurigen Geschehnissen reichen Geschichte der Stadt und des Landes von 1930 bis 1980. 
Das Bauwerk des 20. Jahrhunderts in Buenos Aires ist kein Haus, sondern eine Straße; die Avenida  9 de Julio, die Nord-Süd Tangente, die so breit ist, dass sie die Stadt in zwei Teile zu schneiden scheint. Von 1934 bis 1980 wurde an ihr gebaut. Sie ist genau einen Block, des ursprünglichen Straßengitters, breit und wird von den Porteños gern als die breiteste Straße der Welt vorgestellt. Trotz dieser Dimensionen ist sie jedoch ein häufiger Gastgeber für Staus und ein urbanistischer Fehlgriff des Autozeitalters. Fußgänger haben keinerlei Möglichkeit, sie in einer Grünphase zu überqueren und trennt sie die Innenstadt in zwei Teile auf. Es gibt Stimmen, welche die Avenida für die größte Bausünde in der Stadt halten. 
Architektonisch erreichte die Moderne natürlich auch Buenos Aires. In der Regierungszeit Juan Peróns wurde der soziale Wohnungsbau beispielsweise mit der Ciudad Evita (nach seiner zweiten und sehr populären Frau benannt) gefördert. Dabei wurden auch Elemente der monumentalen Architektur verwendet, wie beim Bau der Juristischen Fakultät der Universität.
Schon 1947 erreichte die Einwohnerzahl innerhalb der Stadtgrenze drei Millionen Bewohner, eine Zahl die auch sich nicht mehr steigern ließ und seit dem ungefähr gleich blieb. So entstand die masive Besiedlung der Vorstädte, teilweise mit relativ eintönigen Wohn-Hochhäuser. Neue Straßenbahn- und Eisenbahnlinien zogen schnell neue Hausbauten an, die sich immer weiter in den Umkreis der Stadt verlagerten und so entstand der Ballungsraum Gran Buenos Aires, der 1960 bereits 6,7 Millionen Einwohner hatte. Innerhalb dieses Gebietes, in der Nähe der Stadt Eizeiza ließ man in den 1940er Jahren einen neuen Flughafen bauen, der damit rund 30km außerhalb des Stadtzentrums lag. In der Stadt wurde ein zweiter Flughafen gebaut, der Aeroparque, der nur wenige km nördlich des Retiro Bahnhofs liegt.
In den 1960er Jahren verordnete sich Buenos Aires das Aussehen einer modernen Großstadt, was nichts anderes bedeutete, dass man Hochhäuser zwischen dem Plaza de Mayo und Retiro Bahnhof bauen ließ. Im neuen Gebiet „Catalinas Norte“ wuchs 1957 mit dem Edificio Alas das erste und damals höchste Hochhaus der Stadt. Das Alas schaut tatsächlich jedoch wie ein Wolkenkratzer der 1930er Jahre aus. Der Ausbau der neuen Skyline kam in den 1960/70er Jahren voran, stoppte dann aber bis Mitte der 1990er Jahre, war aber niemals nur auf Catalinas Norte begrenzt. Nach der Schließung des Hafens Puerto Madero wird seit einigen Jahren dort ein neues Wohngebiet umgesetzt, was die benachbarten Hochhäuser von Catalinas Norte sogar noch übertrifft (siehe dazu auch: Hochhäuser in Buenos Aires).
1983 wurde die seit 1976 herrschende Militärjunta durch den demokratisch gewählten Präsidenten Raúl Alfonsín abgelöst. Diese bis heute andauernde demokratische Epoche ist gekennzeichnet von vielen Auf und Abs. Wirtschaftlichen Hochphasen (in den 1980er und 90ern) folgten tiefe Depressionen (1998 bis 2003 sowie gegenwärtig). Politische Instabilitäten sind trotz zweier verheerenden Bombenattentate auf jüdische Ziele 1992 und 1994 glücklicherweise selten. Im letztgenannten Jahr wurde der Status der Stadt geändert und ihr mehr Rechte verliehen. Weitere zwei Jahre später, wurde eine städtische Verfassung angenommen, nach welcher die Stadt sich wieder selbst regieren kann. Fernando de la Rúa wurde zum ersten Bürgermeister von den Porteños gewählt, später wurde er Präsident Argentiniens (wie auch der heutige Amtsinhaber Mauricio Macri, der erst Präsident des Fußballclubs Boca Juniors war und später Bürgermeister der Stadt). Der Bürgermeister regiert jedoch nur die Stadt, die offiziell Ciudad Autónoma de Buenos Aires heißt mit ihren 2,8 Millionen Einwohnern auf nur 202km². Der sich angrenzende Ballungsraum Gran Buenos Aires wächst weiter und zieht sich heute rund 100km entlang des Flusses Rio de la Plata entlang, bei einer Breite von rund 40km und hat rund 13 Millionen, womit man zu den drei größten Städten Südamerikas gehört und wo rund ein Drittel aller Argentinier leben.     

Buenos Aires heute

Das heutige Buenos Aires gilt als eine der sichersten und reichsten Städte Südamerikas. Insbesondere im nördlichen Teil der Stadt, sind die Unterschiede zu europäischen Metropolen kaum zu bemerken. Das ändert sich aber deutlich, wenn man durch die Innenstadt in Richtung Süden kommt. Buenos Aires kann seine armen Ecken dann kaum verstecken. Slums sind auch in Buenos Aires anzutreffen. Gleich hinter dem Bahnhof Retiro, dehnt sich etwas versteckt ein dichtbebautes Armenviertel zum Hafen Puerto Novo aus, in welchem unter bescheidensten Bedingungen rund 40.000 Menschen leben. Bedenkt man das nur rund 15min Fußweg später der prächtige neue Stadteil Puerto Madero wächst, der reiche Porteños anziehen soll, kann man sagen, das Buenos Aires heute durch die großen Gegensätze zwischen Arm und Reich geprägt ist, einen Zustand der nicht nur von Papst Franziskus angeprangert wird, der aus dem Arbeiterstadtteil Flores stammt und viele Jahre in der Kathedrale der Stadt predigte. Und so gibt es in Buenos Aires den Ausdruck „muy primer mundo“ (in etwa: „sehr erste Welt“), um etwas technisch hochmodernes, geschmackvolles oder teures zu bezeichnen, ein Ausdruck der schon verrät, dass man hier irgendwie nicht ganz in der 1.Welt lebt, denn dort ist es eben eine Selbstverständlichkeit, die nicht erwähnt werden muss. Es scheint vielmehr Teil des kollektiven Bewusstseins der Porteños zu sein, in einer Melancholie zu leben, einstmals bedeutsamer, wohlhabender und schöner gewesen zu sein.  

Geschichte Bilbaos

Wie bei so vielen Städten hat auch Bilbao eine Geschichte die vor dem Geburtsdatum der Stadt beginnt. Am 15. Juni 1300 war es Diego López de Haro, der die Stadt Bilbao offiziell gründete, doch tatsächlich stand an dieser Stelle, wo der Fluss Nervión an seiner rechten Seite eine flache Uferlandschaft im ansonsten steilen Tal lies, schon eine Siedlung. Der Atlantik war von hier nicht weit entfernt und konnte bequem erreicht werden, während am rechten Flussufer ein Hafen leicht zu errichten war. Ebenso waren die Eisenminen von Mirivilla leicht zu erreichen und eine Verbindung zum spanischen Hinterland war ebenso vorhanden. Ein guter Platz zum Handeln und um Geschäfte zu machen. Das wussten schon die Römer, die hier angeblich schon in der Antike siedelten. Der König von Kastilien, der die Herrschaft über das Baskenland hatte, erkannte ebenso das Potential des Ortes und bestätigte 1301 den Gründungsbrief der Stadt. Schon zehn Jahre später wurden Bilbao weitreichende Rechte verliehen. Alle kastilischen Produkte, die zum Meer geschafft wurden, mussten über Bilbao gebracht werden. Insbesondere das baskische Eisen der Region wurde zum wichtigsten Handelsgut nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Region Biskaya.
Bis zum 16. Jahrhundert baute Bilbao seine Funktion als wichtigster Handelsort von Biskaya aus. Die Stadt wuchs an Bevölkerung und Fläche, gegen 1500 hatte man rund 1.200 Einwohner, was selbst zur damaligen Zeit noch eine überschaubare Größe war. Das ursprüngliche Bilbao hatte drei Straßen: die obere Straße Somera oder auch Goiencalle, die Hauptstraße Artecalle und die Tendería. In der Mitte des 15. Jahrhunderts wurden vier weitere Straßen angelegt und noch heute kann man  von der Altstadt als  „siete calles“, den „sieben Straßen“ sprechen. Auch hat sich der Grundriss der „casco Viejo“ bis heute erhalten mit seinen engen Gassen, auch wenn die Häuser nicht mehr aus jenen Tagen stammen. Schon um 1379 wurde die Kathedrale von Santiago begonnen, welche auf dem Gelände der ehemaligen Santiago Kapelle gebaut wurde. 1511 wurde das Konsulat von Bilbao gegründet, eine dreihundert Jahre lang, sehr einflussreiche Institution der Stadt, welche für die Jurisdiktion der Schifffahrt bis zum Meer, als auch für den Auf- und Ausbau der Hafenanlagen zuständig war. Auch diesem „Consulado de Bilbao“ war es zu verdanken, dass die Stadt der wichtigste Handelsort der Region blieb. Die hier ansässige Handelsflotte verschiffte das baskische Eisen und die kastilischen Wolle nach Europa.  Freilich war Bilbao nicht vor Katastrophen gefeit, 1571 brannte ein großes Feuer viele Häuser nieder und 1593 wurde unter anderem das Rathaus als auch die Brücken der Stadt überflutet.
Doch durch die Einkünfte aus dem Handel entwickelte sich eine begüterte Bürgerschaft, die wiederum den Ausbau der Stadt voran trieb. Gleichzeitig ließen sich holländische und britische Händler in Bilbao nieder und um das Jahr 1700 hatte Bilbao bereits 6.000 Einwohner. Der Aufschwung setzte sich bis in das nächste Jahrhundert fort, auch wenn immer wieder Krisen, wie die Matxinada (1718) oder die Zamakoleda (1804) die Stadt in Aufruhr versetzten. Um 1800 hatte Bilbao bereits mehr als 10.000 Einwohner.

Das 19. Jahrhundert – dass insbesondere in Westeuropa den Durchbruch der Industrialisierung brachte – ließ Spanien eher unberührt, ausgenommen jedoch waren Katalonien und das Baskenland und hier insbesondere Bilbao, die Teil der Industriellen Revolution und ihren damit verbundenen Umwälzungen wurden. Doch davor kam es zu konflikthaften Auseinandersetzungen im jungen Jahrhunert, als französische Truppen das Baskenland 1808 besetzten und Napoleons Bruder als neuen König einsetzten, begannen in Bilbao zahlreiche Auseinandersetzungen und die Stadt wurde zu einem Zentrum des Widerstandes gegen die französische Fremdherrschaft. Als dann die Karlistenkriege, ein innerspanischer Konflikt, immer wieder im Laufe des 19. Jahrhunderts aufflammten, lag das Baskenland zumeist in deren Zentrum und immer wieder wurde versucht die Stadt zu erobern.
Im 2.Teil des Jahrhunderts setzte dann die Industrialisierung ein. 1862 wurde eine erste Bahnlinie in Betrieb genommen. Eisen, Stahl und die Schiffsbauindustrie wurden zu Schlüsselfaktoren des industriellen Aufschwungs jener Tage. Im Handelszentrum Bilbao gründeten sich erste Banken, wie die Banco de Bilbao 1851 (die heute als BBVA eine der größten Banken der Welt ist). Rasant vergrößerte sich die Stadt. Ein erster Expansionsplan projektierte die Abando Gegend (1876), die heute als Stadtzentrum gelten kann, später wurde eine weitere Vergrößerung in Richtung Basurto geplant (1905). Neue architektonische Bauten  zierten die Stadt, wie der Plaza Nueva, der schon 1819 begonnen wurde und die Stadt mit dem Vorort San Nicolás verband, oder das neue Rathaus von Joaquín de Rucoba (1892) und nicht zu vergessen das Arriaga Theater vom gleichen Architekten, der sich am Pariser Opernhaus orientierte.
Mit Beginn des 20.Jahrhunderts intensivierte sich die industrielle Entwicklung. 1900 wurde die Euskalduna Schiffswert gegründet (wo heute das gleichnamige Konferenzzentrum steht) und nur zwei Jahre später gründeten sich die Hochöfen der Altos Hornos de Vizcaya (AHV), der für lange Zeit größte Konzern Spaniens.  Gleichzeitig entstanden politische Bewegungen. Die Arbeiterbewegung erhielt raschen Zulauf, auch gespeist von den teilweise erbärmlichen Lebensbedingungen, die sie in den schnell wachsenden Städten wie Bilbao vorfanden. Eine andere Entwicklung betraf das aufkommende nationale Empfinden der Basken, das in Bilbao sein Zentrum fand. Menschen wie Sabino Arana Goiri versuchten sowohl die baskische Sprache als auch die baskischen Kultur  eine eigene Bewegung zu geben, die im Baskenland auch immer erfolgreicher wurde. So wurden in Bilbao die Baskische Nationalistische Partei EAJ-PNV gegründet, 1917 kam die Gesellschaft für baskische Studien (Eusko Ikaskuntza) und 1918 die Königliche Akademie der baskischen Sprache (Euskaltzaindia) hinzu. In den 1920er Jahren wurden die ebenso rasch wachsenden Vororte Begoňa, Deusto und Lutxana eingemeindet, damit zog sich Bilbao nun an beiden Seiten des Flusses kurvenreich fließenden Flusses entlang.
Im spanischen Bürgerkrieg stand Bilbao schnell im Fokus. Während sich weite Teile des Baskenlandes rasch den faschistischen Gruppen Francos ergaben. Bilbao wurde mit Bomben angegriffen und ab 1937 belagert und musste sich schließlich im selben Jahr ergeben. Nach harten Nachkriegsjahren begann die wirtschaftliche Entwicklung in den 1950er Jahren wieder zu boomen. Bilbao wurde zu einer der führenden Industriestädte Spaniens und die guten Verdienstmöglichkeiten lockten zahlreiche Einwanderer aus anderen Teilen des Landes an, was dazu führte, dass Bilbao nicht mehr nur eine baskische Metropole wurde. Gleichzeitig wuchsen auch die Vororte, die sich entlang des Flusses bis zum Meer bildeten und das Ballungsgebiet „Gran Bilbao“ entstand, was rund eine Millionen Einwohner zählte und damit zur fünftgrößten Stadtregion Spaniens wurde. Doch der Aufschwung wehrte nicht ewig, spätestens seit den 1980er Jahren gerieten die Eisen- und Stahlindustrie in tiefe ökonomische Krisen. Symbolhaft für den Niedergang stand die Schließung der Euskalduna Schiffswerft 1988, bei der sich die Arbeiter lange gegen die Schließung wehrten. In nur 10 Jahren (von 1981 bis 1991) verlor die Stadt 61.000 Bürger, oder fast 15% der Einwohner.  Ein Plan musste her, wie die Stadt den Niedergang abwenden konnte.
Das neue Bilbao wurde ökonomisch zu einer dienstleistungsorientierten Wirtschaft hingeführt. Doch dabei bleib es nicht. Mit dem Projekt Bilbao 2000 wurde ganz Gran Bilbao in die Veränderungen einbezogen, alte ungenutzte Industriebrachen wurden beseitigt und neu bebaut. Das Symbol dieser Entwicklung ist das Guggenheim Museum, dass 1997 eröffnet wurde. Ein glanzvoller und höchst ungewöhnlicher Museumsbau des Kanadiers Frank O. Gehry, der damit nicht nur sein berühmtestes Gebäude schuf, sondern gleichzeitig ein Highlight des Dekonstruktivismus. Das Museum wurde zum Werbebanner für eine Stadt, die plötzlich vom immer stärker werdenden Strom der Städtetouristen erfasst wurde und deren Stadtumbau vielerlei Facetten hatte. Stararchitekten wie Santiago Calatrava, der ein neues Terminal des Flughafen plante, und Norman Foster, der die Metro projektierte, schufen eine Atmosphäre des Aufschwungs und der Veränderung in Bilbao, die sich auch an vielen kleineren Projekten zeigt. Man sprach seither vom Bilbao-Effekt, der einsetzt, wenn eine Stadt sich ein neues modernes Wahrzeichen gibt und damit sein Markenimage neu anlegt und insbesondere auf dem touristischen Markt neue Wege einführt. So zeigt sich Bilbao heute als trendige Stadt, mit zahlreicher moderner Architektur, die aber ebenso ihre Herkunft nicht verleugnet, sei es als Industriestadt oder als größte Metropole des Baskenlandes.

Geschichte Dresdens

Vorgeschichte und Gründung Dresdens | Dresden, der bessere Marktflecken im Mittelalter | Dresden wird sächsische Residenzstadt | Vom 30-jährigen Krieg bis zur Barockstadt August des Starken | Der Siebenjährige Krieg und das Ende der Träume von einer europäischen Metropole | Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts: Napoleon, Restauration und Revolution | Die industrielle Revolution überrollt Dresden | Dresden im Kaiserreich | Vom 1. Weltkrieg bis zur größten Katastrophe der Stadt im 2.Weltkrieg | Dresden in der DDR | Dresden nach der Wende

 

Vorgeschichte und Gründung Dresdens

Dresden wurde urkundlich erstmals 1206 erwähnt und ist diesbezüglich ein recht typisches Beispiel für eine mittelalterliche Stadtgründung. Wenngleich die Gegend auf welchem sich heute die Stadt befindet schon ungleich länger besiedelt war. Schon vor rund 6000 Jahren sollen die ersten Menschen im oberen Elbtal gelebt haben und an der Heidenschanze fanden sich noch Reste einer spätbronzezeitlichen Befestigung, weshalb dieser Felsen über dem Plauenschen Grund seinen heutigen Namen bekam.
Zeitlich relevanter ist aber die Besiedlung durch slawische Stämme, die zu Beginn des 7. Jahrhunderts aus dem böhmischen Raum ins Elbtal zogen. Die neuen Bewohner nannten die waldfreien Gebiete zwischen (den damals nicht existenten Städten) Pirna und Meissen „Nisani“ – Niederung. Diese Stämme wurden 928 von König Heinrich I. unterworfen, der im Osten seines Reiches neue Gebiete eroberte. Dabei wurde als zentraler Ort die Burg Meißen errichtet. Gleichzeitig wurden die neuen Gebiete und insbesondere seine Bewohner mit dem christlichen Glauben missioniert. Missionierung und Eroberung gingen damals quasi Hand in Hand. Um 1050 könnte so die erste Frauenkirche entstanden sein (genauer Quellen sind nicht zu finden). Sie stand in der Nähe einer slawischen Siedlung, welche „Drezdany“ genannt wurde, was übersetzt „Auenwaldbewohner“ bedeutet. In den folgenden Jahren siedelten sich immer mehr Deutsche in der Gegend an, gewannen die Mehrheit und germanisierten mit der Zeit die slawische Bevölkerung. Die Markgrafen der Region wurden die Wettiner, welche vom König eingesetzt wurden. Es gilt anzunehmen, dass sie auf dem Taschenberg ein Kastell errichteten, da hier eine benutzbare Elbfurt vorhanden war und sich so ein Handelsweg vom Erzgebirge kommend nach Norden fortsetzen ließ, der bei Königsbrück auf die Via Regia stieß.
Insgesamt betrachtet, war das 12. Jahrhundert ein Zeitalter der expansiven Stadtgründung, verbunden mit einer starken Besiedelung im Osten (siehe dazu genauer: die Europäische Stadt im Mittelalter). So kann man davon ausgehen, dass Dresden spätestens im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts gegründet wurde, auch wenn die erste urkundliche Erwähnung erst aus dem Jahr 1206 stammt und erst 1216 Dresden erstmals als Stadt tituliert wurde.

Dresden, der bessere Marktflecken im Mittelalter

Bei den ersten Bewohnern Dresdens wird es wohl sich zumeist um Kaufleute gehandelt haben. Schon im Jahr 1284 ist von einer ersten steinernen Brücke über die Elbe berichtet wurden, was andeutet, dass der Handel im jungen Dresden durchaus lukrative Geschäfte einbrachte, denn sonst wäre eine massive Brücke kaum zu bezahlen gewesen. Im selben Jahr wurden die Rechte der Stadt gestärkt, die nun erstmals eigene Verordnungen durchsetzen konnte. Ab 1301 konnten Räte bestimmt werden, zumeist Kaufleute, welche die Geschicke Dresdens leiteten und die einen Bürgermeister bestimmten durften. Dennoch war die Stadt äußerst klein. Die Stadtmauern umfassten nur ein Gebiet von wenigen hundert Metern Ausdehnung in welchem ein gitterförmiges Straßennetz angelegt war. Die Frauenkirche blieb, obwohl Pfarrkirche der Stadt, außerhalb der Befestigungsanlagen.
Dresdens Bedeutung in der Region ist kaum zu überschätzen. Freiberg, Pirna und Meißen waren deutlich wichtiger und auch Leipzig hatte am Ende des Mittelalters ein größeres Gewicht. Das schützte aber nicht vor den Plagen jener Zeiten, die auch vor dem kleinen Dresden keinen Halt machten. Die Pest verseuchte die Stadt, ebenso suchte eine verheerende Elbeflut 1342 das Örtchen heim. Für das Unglück wurden – ganz der damaligen Gewohnheit – die Juden verantwortlich gemacht, welche am 24. Februar 1349 einem Pogrom zum Opfer fielen, ein schon im Mittelalter leider sehr verbreitetes Phänomen.
Neben den Kaufleuten wuchs allerdings der Berufszweig der Handwerker im Laufe der Jahrzehnte in Dresden heran, welche ihre Produkte nicht nur im Umland, sondern gar für den Fernhandel verkaufen konnten.  Besonders die Tuchmacher waren wirtschaftlich erfolgreich.  Seit der Herrschaft des wettinischen Markgraf Wilhelm I., wuchs die Bedeutung Dresdens auch für die fürstlich-sächsische Politik, denn ab und an weilte der Markgraf in der Stadt und regierte von hieraus. Und die Stadt sowie ihre Oberen zeigten sich gefällig. Für die Eroberung der Burggrafschaft Dohna aus den Händen Böhmens im Jahr 1402, stellte die Stadt materielle Hilfe und Kriegsknechte bereit. Die verbesserte Stellung in der Landespolitik kam auch dadurch zum Ausdruck, dass die alte Burg abgerissen wurde und ein palastartiger Bau mit Turm (dem ersten Hausmannsturm) errichtet wurde. Ebenso wurde die Nikolaikirche neugebaut, welche 1388 dann als Kreuzkirche geweiht wurde.
Das auf der anderen Elbseite entstandene Örtchen Altendresden wurde 1403 zur Stadt ernannte, war aber immer von seinem Nachbarn auf der anderen Flussseite abhängig und wurde letztendlich in der Mitte des 16. Jahrhunderts eingemeindet.
Landespolitisch ist das Jahr 1423 interessant, da dass Herzogtum Sachsen mit der Kurwürde belehnt wurde, was das Haus Wettin zu einer der bedeutendsten Adelsfamilien im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation machte.
Aus Furcht vor den in Böhmen lebenden Hussiten wurde der Bau eines 2.Stadtmauerrings um 1427 vorangetrieben und tatsächlich überfielen immer wieder Krieger die Region. In Dresden wurden dabei insbesondere die außerhalb der Mauern entstandenen Vororte zerstört. Der Bedeutung der Stadt war dies nicht zuträglich. So wurde lange nur ein einziger Jahrmarkt in der Stadt abgehalten, erst 1487 kam ein zweiter hinzu. Der 1437 erstmals erwähnte Striezelmarkt, welcher heute eine große Anziehungskraft ausstrahlt, war lediglich für die Versorgung von Stollen und Striezeln (daher Hefeteiggebäck) zur Weihnachtszeit gedacht und hat mit dem heutigen Weihnachtsmarkt nur sehr wenig gemeinsam.

Dresden wird sächsische Residenzstadt

Nachdem Tode Kurfürst Friedrich II. 1464 wählten seine beiden Söhne Dresden zu ihrer neuen Hauptresidenz, was für die Stadt eine herausragende Rolle spielte, denn von nun an, war das sächsische Schicksal auch das Schicksal der Stadt. Ab 1471 wurde notwendigerweise das Schloss erweitert, um einen südlichen Flügel. Für die sächsische Geschichte wurde die Leipziger Teilung von 1485 zu einem elementaren Ereignis. Das Kurfürstentum wurde zwischen Albert und Ernst aufgeteilt. Die albertinische Linie des Hauses Wettin wählte daraufhin Dresden zur ständigen Residenzstadt aus und nicht den Stammsitz der Wettiner, das 25km nordöstlich gelegene Meißen. Dadurch siedelte sich der Hof komplett in der Stadt an und mit ihm Landesbehörden, welche das Aussehen Dresdens in Zukunft entscheidend prägen sollten.
Jedoch kam es 1491 zu einem verheerenden Stadtbrand, der mehr als die Hälfte der Häuser der Stadt zerstörte. Hier zeigte sich, dass es Herzog Albrecht ernst mit seiner Wahl Dresdens meinte, denn er sagte für den Wiederaufbau sowohl materielle Hilfe als auch Steuerbefreiungen zu und erließ schließlich eine neue Bauordnung, die besagte, dass Bürgerhäuser in Zukunft mindestens bis zum 1.Stock aus Stein sein mussten, was die Brandgefahr verringerte.
Albrechts Sohn Herzog forcierte den Aufstieg Dresdens, indem er unter anderem die Verwaltung der Stadt straffte. Mit dem Neubau der Kreuzkirche 1499 begann der schrittweise Umbau der Stadt. Die Stadtmauern wurden ab 1519 erweitert und erstmals wurde auch die Frauenkirche Teil der geschützten Stadt, wenngleich um sie nur eine neue Mauer gebaut wurde, sie aber immer noch durch die alte Stadtmauer, die erst später abgerissen wurde, von Dresden getrennt blieb. Im April 1539 wurde die Stadt lutheranisch reformiert, wie wenig später das gesamte Herzogtum Sachsen.
Ab 1541 begann Herzog Moritz die Regierung in Sachsen zu leiten und mit seiner Führung, die nur sehr kurz währte, kam es nicht nur zu einem rasanten Aufstieg des Landes sondern mit ihm auch der Stadt. Moritz waren konfessionelle Fragen weniger wichtig, als machtpolitischer Anspruch, weshalb er sich auch hinter den katholischen Kaiser stellte, als dieser im Schmalkaldischen Krieg  die Protestantischen Fürstenhäuser zurückdrängen wollte. Obwohl in der Heimat als „Judas von Meißen“ beschimpft, kämpften Moritz Truppen für die Katholiken und gewannen mit den kaiserlichen Heer den Krieg, was dazu führte, dass die Kurwürde Sachsens von der ernestinischen / thüringischen Linie (diese hatte die Kurwürde Sachsen nach der Leipziger Teilung erhalten) auf die albertinische Linie überging und Dresden nun zu einer Residenzstadt eines Kurfürstentums machte. Interessanterweise führte dies dazu, dass Sachsen nun zur Spitze der protestantischen Reichstände wurde. Dresden sollte dieser Stellung als Stadt gerecht werden, was weitere Baumaßnahmen erforderlich machte. Die Stadtbefestigung wurde abermals erweitert. Die neue Anlage mit 8 Bastionen nahm sogar das rechtselbische Altendresden mit in die Schutzzone auf (welches sich aber gegen eine Eingliederung zur Stadt heftig wehrte). Diese neue, riesige Anlage bestand bis zum Schleifen der Stadtmauern im frühen 19. Jahrhundert fort. Noch heute können ihre erhalten gebliebenen Reste an der Elbe besichtigt werden.
Wichtiger noch war die Errichtung eines geeigneten und daher repräsentativen  Residenzschlosses, womit der alte Bau vollkommen umgebaut wurde. Nachdem Vorbild französischer Renaissanceschlösser wurde die erste Vierflügel-Schlossanlage in Deutschland erbaut. Die Gesamtkonzeption dazu lieferte Caspar Voigt von Wierandt. Bei der inneren Ausgestaltung des Schlosses wurden viele italienische Künstler engagiert, was später noch zu einer Tradition in Elbflorenz werden sollte. Moritz gründete ebenso 1548 die Hofcantorey, aus der später die Staatskapelle entstand. Die sich langsam entwickelnde höfische Kultur forcierte auch Feste, welche in der Stadt abgehalten wurden, sei es bei der Ankunft des Fürsten in der Heimat nach Reisen, zur Fastnacht oder zu königlicher Hochzeit. Durch den Hofstaat stieg die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen an, was Handel und Gewerbe florieren ließ, was sich wiederum am Wachstum der Stadt deutlich machen lässt. Seit dem großen Stadtbrand 1491 war die Stadt von 4.500 Einwohnern auf rund 6.500 Bewohner im Jahr 1546 angewachsen, rund 50 Jahre später sollten es schon rund 14.000 sein.
Damit veränderte sich auch die wirtschaftliche und soziale Struktur Dresdens. Metallverarbeitende Berufe lösten Tuchmacherein ab, Goldschmiederein expandierten, ebenso wie Uhren- und Büchsenmacher. Kaufleute und Handwerker blieben zwar noch in den Eliten der Stadt vertreten, aber Hofbeamte und Künstler erlangte schnell ebenso Status, Einfluss und Prestige. Die Stadt Dresden verlor aber die Kontrolle über einige städtischen Rechte. So durfte sie im Verteidigungsfall nicht mehr selbst ihre Verteidigung planen, sondern dies oblag seit 1552 dem kurfürstlichen Festungskommandanten.
Trotzdem ging es der Stadt alles andere als schlecht. Durch die immer weiter steigende Bedeutung Sachsens und seine hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die sich in Mitteleuropa damals hinter niemanden verstecken brauchte, blühte auch dessen Hauptstadt weiter auf. Münzstätte und Applelationsgericht (also ein übergeordnetes Gericht) wurden in Dresden errichtet. Ab 1574 wurde der Geheime Rat gegründet, eine Art Regierungskommission des Kurfürstentums. Der seit 1553 an der Macht stehende August begründete ebenso die Kunstkammer, aus der später die Kunstsammlungen werden sollten. Auch die reiche Privatbibliothek des Kurfürsten ist der Anfangspunkt der späteren Landesbibliothek.

Vom 30-jährigen Krieg bis zur Barockstadt August des Starken

Ab 1618 tobte der Dreißigjährige Krieg in Mitteleuropa. In den ersten Jahren bemerkten die Dresdner dies nur durch eine höhere Steuerlast und eine Stagnation der Wirtschaft. Ab 1631 kam eine Pestwelle hinzu, welche sich 1634 wiederholte und 1639 näherten sich die protestantischen Schweden (Sachsen war zu jener Zeit wiederum an der Seite des katholischen Kaisers) der Stadt, welche kurz vorher Pirna eroberten. Die Wirtschaftslage verschlechterte sich rapide und brachte neben Krankheit auch noch große Armut. Erst 1650, als Sachsen alle geforderten Kontributionen an Schweden bezahlt hatte, war endgültig wieder Frieden an der Elbe, was der damalige Kurfürst Johan Georg I. mit einem Friedensfest feiern ließ.
Glücklicherweise erholte sich Sachsen und somit auch Dresden schneller als andere Regionen in Deutschland von den Kriegswirren. Johan Georg II. lies die Vorstadt Neustadt- Ostra bauen, die westlich vor der Stadt lag und neue Betriebe anziehen sollte. Allerdings bekämpften die städtischen Wirtschaftsoberen heftig diesen Versuch (sahen sie doch billige Konkurrenz auf der („grünen Wiese“) und so siedelten sich anfangs nur sehr wenige Gewerbe an. Vielmehr war aber der Adel daran interessiert, hier Häuser zu errichten. Das Prachtvollste war das Marcolinische Palais, der allerdings erst später, 1736, von Johann Christoph Knöffel für den Grafen Brühl gebaut wurde. Heute befinden sich darin Teile des Krankenhauses Friedrichstadt. Im Übrigen ist dies auch der heutige Name für den eben genannten Stadtteil, denn 1730 wurde Neustadt-Ostra zu Ehren des damaligen Kronprinzen Friedrich August II. in Friedrichstadt umbenannt.
Auch in der Stadt selbst kam es zu einigen Bauvorhaben, auf die jedoch der Rat der Stadt immer weniger Einfluss hatte, da sich kurfürstliche Beamte dafür zuständig sahen. Neben dem in häufigen Umbau befindlichen Schloss, wurde ein erstes Theatergebäude nach den Entwürfen von Wolf Caspar von Klengel gebaut.
Doch auch Rückschläge mussten verkraftet werden. Eine letzte Pestwelle kam 1680 über die Stadt, fünf Jahre später zerstörte ein großer Brand fast das gesamte rechtselbisch liegende Altendresden. Klengel, der kurfürstlicher Oberinspektor für alle Bauten der Stadt war, lieferte für den zerstörten Teil einen neuen Entwurf, der strahlenförmige Straßen von einem Zentrum auslaufen ließ (noch heute ist diese Struktur in Ansätzen erkennbar). Dies war der Beginn der barocken Architektur in Dresden. Dazu gehört auch der ab 1676 angelegte Große Garten, der als künstliches Jagdgelände dienen sollte. Johan Georg Starke wurde betraut, dieses für damalige Zeit, riesige Revier östlich der Stadt zu planen. Von ihm stammt dann auch der Entwurf für das Palais, dass in der Mitte der Anlage steht und als ein Musterbeispiel für die Bauten des Barocks in ganz Sachsen gilt.
In seine Hochphase kam das barocke Treiben, das heute noch viele Stadtführungen von Dresden als thematischen Aufhänger benutzen und damit die Geschichte der Stadt etwas einseitig auf diese historische Phase verkürzen, mit der Regierungszeit August des Starken, bzw. Kurfürst Friedrich August I. Dieser war nicht nur dafür bekannt, neben der sächsischen auch nach der polnischen Krone zu greifen (historisch war es damals sehr wichtig, als deutscher Fürst, sich auch „König“ nennen zu können unter anderem daher stammten seine Ambitionen auf das Königreich Polen) und Feste mit unglaublichen Prunk und Dauer zu veranstalten, sondern er entfachte in Dresden eine ungeheure Bautätigkeit. Es entstand das Palais am Taschenberg und der Bau des Zwingers wurde begonnen, einem, wenn nicht dem Wahrzeichen der Stadt und ein weltweit bekanntes Beispiel für barocke Architektur, die hier schon ins Rokoko verläuft. 1711 starteten die Bauarbeiten nach den Plänen von Matthäus Daniel Pöppelmann, der gemeinsam mit dem Bildhauer Balthasar Permoser arbeitete, wurden aber 1732 abgebrochen. Ursprünglich war der Bau als Schlossanlage bis an die Elbe geplant. Er nahm Teile der Sammlungen des Kurfürsten auf, welche noch heute im Mathematisch-Physikalischen Salon zu bewundern sind. Zur Zeit des Baustopps galt der Zwinger übrigens schon nicht mehr als zeitgenössische architektonische Form, er war aus der Mode gekommen ohne fertig zu werden.
Für August den Starken war Dresden der Ort, der seine Ansprüche als absolutistischer Monarch ausdrücken sollte. Orientiert hat er sich dabei an italienischen Städten wie Venedig, indem er versuchte die Elbe in das städtische Ensemble einzubauen. So wurden das Schloss Übigau, das japanische Palais, das Blockhaus und die Elbbrücke gebaut, um Stadt und Fluss zu einer ästhetischen Einheit zu bringen. Nicht zu vergessen ist dabei auch das weiter flussaufwärts stehende Schloss Pillnitz. Aber auch die bürgerlichen Häuser in Dresden selbst wurden nach und nach erneuert. Alte Holzbauten aus Renaissance-Zeiten wurden von neuen barocken Steinbauten ersetzt. Eine von Grafen August Christoph von Wackerbarth initiierte Bauordnung von 1720 regelte das Baugeschehen. Dresden wurde in fünf Bauzonen unterteilt und damit Geschossanzahl und Farbgestaltung festgelegt. Das Bewahren von Altem spielte damals aber noch keine Rolle. So wurde beim weiterhin vorangetriebenen Wiederaufbau des rechtselbischen Altendresden die alte Dreikönigskirche abgebaut, da sie nicht in den strahlenförmigen Grundriss passte und dafür ein Neubau von Pöppelmann errichtet. Der so neuentstandene Teil wurde übrigens 1732 von August in „Neustadt“ umbenannt, jenen Namen, den der Stadtteil heute noch trägt. Auch der Bau einer neuen Frauenkirche fällt in diese Zeit. Die alte Kirche wurde 1727 abgebrochen und George Bähr mit einem Entwurf für einen barocken Neubau beauftragt. Obwohl sie schon 1734 geweiht wurde, konnte erst im Mai 1743 die Kuppel auf den Bau gesetzt. Das war 5 Jahre nach dem Tod ihres Baumeisters Bähr. Daneben fällt in diese Zeit der Bau zahlreicher Adelspaläste, wie dem Palais de Saxe.
Natürlich gehörten auch die prunkvollen Feste zum Leben in der Residenzstadt Dresden. Herauszuheben ist dabei sicherlich die Hochzeit des Kurprinzen Friedrich August mit der ältesten Tochter des Kaisers Maria Josepha 1719. Das über Wochen sich hinziehende Fest mit Paraden, Opernaufführungen, Rennen und Turnieren setzten höchste europäische Maßstäbe an die Hofkultur und den royalen Geldbeutel. Dresden wuchs derweil stetig. Von 21.000 Einwohnern um die Jahrhundertwende bis auf 63.000 um 1755. Interessant ist auch das sich in eben angesprochenen Zeitraum, die Anzahl der Mitglieder des Hofstaates von 460 auf mehr als 2000 sogar mehr als vervierfachte. Diese waren es auch, die zahlreichen Grundbesitz in der Stadt erwarben, aber keine Bürger waren und sich somit nicht der Rechtsprechung der Stadt verantworten mussten, was nicht immer zu Eintracht führte. Gewerbliche Manufakturen wurden gegründet, die insbesondere für den Bedarf der Residenz lieferten. Der Handel jedoch war in Dresden nicht stark ausgeprägt und konnte sich nie mit dem der Handelsstadt Leipzig messen, die über das Messeprivileg verfügte. Aber es bleibt auch festzustellen, dass auch die Armut in Dresden wuchs, vor allen in den Mietshäusern der Vorstädte lebten ehemalige Soldaten oder auch Witwen unter teilweise äußerst bescheidenen Umständen.

Der Siebenjährige Krieg und das Ende der Träume von einer europäischen Metropole

Nach dem Tod Friedrich August II. kam sein Sohn August III. an die Macht, der allerdings weniger an politischen Geschäften interessiert war. Diese Arbeit übernahm hauptsächlich der immer einflussreicher werdende Heinrich Graf Brühl. Von 1738 bis 1751 fällt der Bau der Katholischen Hofkirche, die von Architekt Gaetano Chiaveri geplant wurde und nicht nur dem katholischen Herrscherhaus (durch die Übernahme des polnischen Throns war man gezwungen gewesen, den protestantischen Glauben gegenüber dem katholischen, in Polen dominierenden Glauben zu wechseln) als Kirche diente. Gleichzeitig war dies eine entscheidende Erweiterung der Silhouette der Stadt, die mit einem weiteren barocken Gebäude erweitert wurde. Diese, dem Fluss zugewandte Form, wurde auch beim Ausbau der Festungswerke an der Elbe bedeutsam. Graf Brühl, der das Areal von August III. geschenkt bekam, lies dort zahlreiche Umbauarbeiten durchführen. Heute ist das Terrain bekannt als Brühlsche Terrasse, wenngleich fast nichts mehr an den Zustand von 1750 erinnert.
Kurfürst August III. war kein wirklicher Machtmensch und auch kein guter Diplomat, aber er war ein Kunstsammler von Weltruhm und das verdankt die Stadt ihm noch bis in die Gegenwart. So gelangte 1756 die weltbekannte Sixtinische Madonna von Raffael in seinen Besitz, auch heute ist sie noch die Hauptattraktion der Gemäldegalerie Alte Meister. Die Stadt wurde zu einer der wichtigsten kulturellen Metropolen in Mitteleuropa, doch am Horizont zogen schon düstere Wolken auf. Sachsen wurde in die schlesischen Kriege zwischen Österreich und Preußen verwickelt. So kam es schon 1745 zur Schlacht bei Kesselsdorf, westlich von Dresden bei der 30.000 Preußen gegen ebenso viele Sachsen kämpfen und diese niederrangen. Danach besetzten die preußischen Truppen Dresden und verlangten hohe Kompensationszahlungen. Der 3.Schlesische Krieg, der sogenannte Siebenjährige Krieg (von 1756 bis 63), beendete endgültig die Ambitionen Sachsens auf eine europäische Großmachtstellung und die Hoffnungen der Stadt eine kontinentale Metropole zu werden. 1756 überfielen preußische Truppen Kursachsen und besetzten es. Dresden gelang in das Zentrum der Auseinandersetzungen des österreichischen Verbündeten mit den preußischen Truppen. Mit jedem Kriegsjahr verarmte die Stadt und ihre Bürger mehr, Belagerungen und Zerstörungen hinterließen eine kaputte Stadt, die bis dato noch nie so unter kriegerischen Ereignissen hatte leiden müssen. Von den 63.000 Einwohnern 1755 lebten sieben Jahre später nur noch 44.000 in Dresden. 1763 starb August III. Im gleichen Jahr endete der Krieg, die menschlichen, territorialen und finanziellen Verluste Sachsens waren erheblich geworden. Ein Umbruch setzte ein. Zahlreiche Kunsteinrichtungen der Stadt, wie die italienische Oper, das Hofballett oder die Komödie wurden aufgelöst, Bernardo Belotto, der Vedutenmaler, der anerkennend Canaletto genannt wurde und dessen Stadtansichten Dresdens auch heute noch im sogenannten Canaletto-Blick geschätzt werden, verließ die Stadt. Dresden stagnierte.
Da es in der Stadt keine finanzstarken Kaufmannsfamilien gab, so wie beispielsweise in Leipzig, erholte sich die Residenzstadt von den Erschütterungen des Krieges viel langsamer. Der Ruhm der Stadt begann zu verblassen  und schon zu damaliger Zeit bemerkten Reisende die provinziellen Zustände und das etwas rückwärtsgewandte Denken der Einheimischen (eine Einschätzung, die man bis in die heutigen Tage immer wieder findet). Neue Bauten, wie das 1776 fertiggestellte Landhaus von Friedrich August Krubsacius im Stil des Frühklassizismus blieben rare Ausnahmen. Erst gegen 1800 war der Bevölkerungsstand von 1755 wieder erreicht.

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts: Napoleon, Restauration und Revolution

In den Jahren zur Wende zum 19. Jahrhundert hin erfreute sich Dresden wieder eines reichen Kulturlebens, bei dem das Haus von Christian Gottfried Körner im Mittelpunkt stand. Gäste wie Schiller, Mozart oder Heinrich von Kleist besuchten Körner und die Stadt. Dresden wurde zu einem Zentrum der Frühromantik, wenngleich es sich dabei eher um ein elitäres Phänomen handelte, als das es die breite Bevölkerung durchzogen hätte. Die künstlerischen Schätze der Stadt begannen aber wieder beachtet zu werden. So sprach Johann Gottfried Herder vom Deutschen Florenz, das später zu Elbflorenz umgedeutet wurde und heute der gebräuchlichste Kosename der Stadt ist. Dabei bezog er sich weniger auf Silhouette und Architektur der Stadt (so wie es heute gern getan wird), sondern lobte die hiesigen Kunstsammlungen.
Die Kriege im Gefolge der französischen Revolution ließen Napoleon Pfingsten 1812 Dresden besuchen, um hier den preußischen König und den österreichischen Kaiser vor seinem Russlandfeldzug zu treffen, dessen Ende bekanntermaßen ein Desaster war. Schon im Winter war er wieder in der Stadt, um den Rückzug seiner Truppen zu koordinieren. Im folgenden Jahr musste er sogar noch häufiger in Dresden Station machen und lebte für einige Wochen im Marcolinischen Palais, bevor es am 26. und 27. August zu einer gewaltigen Schlacht zwischen Frankreich (mit dem Sachsen verbündet war) und den Russisch-Preußischen Konföderierten am südlichen Rande Dresdens kam. In jener Auseinandersetzung wurde, der für die alliierten Preußen und Russen kämpfende General Moreau, ein Erzfeind Napoleons, so stark verletzt dass er Tage später starb. Neben ihm fielen rund 25.000 Menschen in jenen Tagen, an denen die verbündeten Mächte eine letzte Niederlage gegen Frankreich hinnehmen mussten, bevor die Völkerschlacht in Leipzig das Ende der französischen Dominanz einleitete.
Nach Frankreichs endgültiger Niederlage kam es 1815 zum Wiener Kongress und da Sachsen mit dem Verlierer des Krieges verbündet war, verlor es 60% seines Territoriums und 40% seiner Bevölkerung durch Grenzverschiebungen, die hauptsächlich Preußen zugeschlagen wurden. Die Jahre danach waren geprägt von politischer Restauration und der Abwehr jeglicher bürgerlicher Mitspracherechte. Trotzdem entwickeln sich die ersten Industriebetriebe und Manufakturen, welche gleichzeitig neue Stadtbewohner anzogen, die Vorboten der Industriellen Revolution zogen auf. Vor 1830 sind dies jedoch noch recht bescheidene Fabriken, zumeist waren sie im Nahrungsmittelbereich tätig. Damit die Stadt aber weiter wachsen konnte, mussten ihre Stadtmauern geschliffen werden, ein damals fast alle Städte betreffendes Phänomen. Schon seit 1760 gab es Pläne zur Entfestigung der militärisch nutzlos gewordenen Stadtmauern. Letztendlich wurde damit 1809 begonnen, aber erst 1830 waren die Anlagen abgetragen. Nur an der Brühlischen Terrasse, die in die Stadtsilhouette aufgegangen war blieben sie bestehen. Die neu entstandenen freien Flächen wurden durch den Post- den Pirnaischen- und den Antonsplatz belebt, für dessen Umsetzung der Architekten Gottlob Friedrich Thormeyer verantwortlich war.
Im Bildungsbereich ist das Jahr 1828 wichtig, denn in diesem wurde die Technische Bildungsanstalt Dresden gegründet. Aus deren eher bescheidenen Anfängen an der Brühlschen Terrasse, ist heute die Technische Universität geworden, die größte Universität Ostdeutschlands. Das kulturelle Leben der Stadt wurde besonders vom Wirken Carl Maria von Webers überstrahlt, der seit 1817 an der Staatsoper arbeitete. Hier komponierte er zahlreiche Opern, so auch den „Freischütz“. Das Geistesleben vollzog sich aber auch weiterhin eher in kleinen und elitären Kreisen, wie beispielsweise in den Zirkeln der Schriftstellerin Elisa von der Recke, welche in ihr Haus auf der Körnerstrasse einlud. Auch der Philosoph Arthur Schopenhauer weilte in der Stadt und soll hier sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ geschrieben haben. Im Bereich der Bildenden Kunst zeigte Caspar David Friedrich dem Publikum bisher unbekannte Landschaftsmalereien. Bei den Offiziellen der Kunstakademie fand dies anfangs, zur heutigen Verwunderung, nur wenig Beachtung.
Politisch war die Zeit, die sich als „Vormärz“ in den Geschichtsbüchern wiederfindet, geprägt von langsamen Veränderungen. Die Bürger forderten weitere Mitbestimmungsrechte und bekamen minimale Zugeständnisse gemacht. Im Freistaat Sachsen wurde 1831 die Absolute, durch eine neue, konstitutionell-monarchische Verfassung abgelöst. Auch Dresdens jahrhunderte alte Ratsverfassung verschwand 1832 für eine neue Städteordnung. 66 gewählte Repräsentanten der Bürgerschaft trafen sich nun wöchentlich, sie bestimmten zwölf Stadträte und diese wiederum einen Bürgermeister. Das es sich hier nur um ein kleines demokratisches Pflänzchen handelte, zeigt allein die Tatsache, dass nur rund 3.000 Dresdner, nämlich solche, die ein Bürgerrecht besaßen, überhaupt wählen durften. Weitere Umbauten der städtischen Verfassung sollten in den nächsten Jahrzehnten folgen; 1853 wurde das Amt des Oberbürgermeisters eingeführt, 1870 wurde das direkte Wahlrecht der Stadtverordneten gültig und 1873 wurde eine neue Städteordnung eingeführt, die auch den Erwerb des Bürgerrechts in der Stadt klärte. Bei all den neuen Rechten für die Städter, darf aber auch nicht vergessen werden, dass zahlreiche Zuständigkeiten in die Hände des sächsischen und später deutschen Staates fielen. So wurde die Gerichtsbarkeit, als auch die Polizei zu Aufgaben des Staates und lag nicht mehr in der Verantwortung der Stadt.
Das politische Klima in Deutschland insgesamt verschlechterte sich, neben fehlender Mitbestimmung wurden immer wieder Stimmen laut, die einen einheitlichen deutschen Staat forderten. Revolutionäre Kräfte entstanden, teilweise mit höchst unterschiedlichen Zielsetzungen. So lebte Michael Bakunin kurzzeitig in der Stadt, auch der 1843 noch unbekannte Karl Marx hielt in jenem Jahr einen Vortrag in Dresden.
In der Zeit vor den Märzrevolutionen 1848 war Dresden durchaus eine Stadt der Künste. Neben dem Maler Ludwig Richter und dem Bildhauer Ernst Rietschel, der hier die Dresdner Bildhauerschule des 19.Jahrhunderts begründete, war es das Dresdner Musiktheater was für Aufsehen sorgte. Anfang 1843 wurde Richard Wagner zum neuen Hofkapellmeister ernannt, er komponierte in seinem Landhaus bei Graupa den „Tannhäuser“ und den „Lohngrin“. Auch der Komponist Robert Schumann zog in die Stadt.
Zahlreiche neue Gebäude entstanden, wie die Altstädter Wache, nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel. Neuer Professor für Baukunst an der Kunstakademie wurde 1834 Gottfried Semper, der maßgeblich für die Gestaltung von Dresdens schönstem Platz, dem Theaterplatz verantwortlich war. Mit dem Bau seines ersten Opernhauses (1841) und dem Abschluss des Zwingers durch einen neuen Museumsflügel  wurde ein Platz erschaffen, der auch heute noch zu den schönsten in Europa gezählt werden darf. Semper, der Professor für Architektur an der Kunstakademie war, prägte die Dresdner Architekturschule. Die Stadt selbst bekam mehr und mehr Bauten des Historismus, so wie bei Sempers Anbau des Zwingers.
Die revolutionären Ereignisse der Märzrevolution von 1848 (ein Produkt dieser war die bekannte Frankfurter Paulskirchenverfassung, die erste Verfassung für einen einheitlichen deutschen Staat) spielten auch in Dresden eine große Rolle. In vielen deutschen Staaten suchte das aufstrebende Bürgertum nach Mitspracherechten. Nachdem sich aber die Revolution in den meisten deutschen Staaten nicht durchsetzen konnte, löste der König Friedrich August II. von Sachsen im April 1849 das neu gewählte Parlament auf. Der öffentliche Protest war enorm. Bürger gingen auf die Straße und da die Lage für den König zu unübersichtlich wurde, ersuchte er das preußische Militär um Hilfe. Bürger wurden zu Aufständigen und bauten am 3.Mai  Barrikaden gegen die Staatsmacht. Darunter waren auch zahlreiche bekannte Persönlichkeiten, wie der bereits erwähnte, russische Anarchist Bakunin, oder Baumeister Semper, der Hinweise beim Bauen der Barrikaden gegeben haben soll. Auch Richard Wagner war den Kämpfern positiv gesinnt, eine nicht unerhebliche Zahl der Bevölkerung war dies allerdings nicht. Der Aufstand wurde schlussendlich schnell niedergeschlagen.  Allein in Dresden sollen rund 200 Menschen dabei ihr Leben verloren haben.  Damit endeten auch die Bemühungen, in Deutschland einen demokratischen Staat zu errichten

Die industrielle Revolution überrollt Dresden

Ab 1830 setzte ein verstärktes Wachstum in Dresden ein, Dresden wuchs nicht nur in der Fläche und breitete sich auf einige Vorstädte aus, sondern insbesondere in seiner Einwohnerzahl. Dies begann mit der Eingemeindung der Friedrichstadt 1835. Dieser folgte die Antonstadt. Zusammen mit dem ständigen Zuzug in Folge der einsetzenden Urbanisierungswelle in Deutschland, zählte die Stadt 1849 bereits 94.000 Einwohner.
Die industrielle Revolution nahm ab 1830 in Sachsen Schwung auf und natürlich war dies auch in der Residenzstadt zu bemerken. Ganz unterschiedliche, aber spezialisierte Branchen siedelten sich hier an. 1836 wurde als erste deutsche Aktienbierbrauerei die Waldschlößchen Brauerei gegründet, zwei Jahre später folgte die Feldschlößchenbrauerei. Aber auch in der chemischen Industrie oder im Maschinenbau wurden erste Betriebe eröffnet. Besonders mit der Eisenbahn ist aber der deutsche Aufstieg zur späteren Industriemacht verbunden. Dabei hat Dresden eine besondere Rolle gespielt, denn am 7. April 1839 wurde die erste deutsche Ferneisenbahnlinie in Betrieb genommen. Sie führte von Leipzig nach Dresden. Auch wenn hauptsächlich Leipziger Kaufleute die Initiatoren dieses Groß-Projektes waren, die erste Lokomotive Deutschlands, kam aus dem Übigauer Werk von Andreas Schubert und trug den Namen, „Saxonia“, durfte auf der Premierenfahrt aber nur hinter dem Festzug (der aus Großbritannien geliefert wurde) bleiben. Dresden wurde schnell zu einem Eisenbahnknotenpunkt. Bahnhöfe entstanden und prägten das Stadtbild. Der erste Bahnhof war der Leipziger Bahnhof, dann kamen schnell der Schlesische Bahnhof, später Bahnhof Neustadt, und der Böhmische Bahnhof hinzu, welcher später zum Hauptbahnhof umgebaut werden sollte. Durch den Bau der neuen Haltepunkte, die wegen ihrer Größe auch gern als „Kathedralen des Reisens“ bezeichnet wurden, veränderte sich die umliegende Stadtstruktur. So entstand 1851, vom Böhmischen Bahnhof ausgehend die Prager Straße, welche in den nächsten Jahrzehnten zu der Einkaufs- und Ausgehstraße in Dresden wurde (auch ein solcher Straßentypus der Einkaufsstraße entsprang erst dem späten 19. Jahrhundert). Damit die Bahntrassen nach Böhmen und nach Leipzig verbunden werden konnten, entstand 1852 die Marienbrücke, die zweite Elbbrücke in der Stadt. Der Ausbau des Schienennetzes ging rasend voran, schon drei Jahre später wurde die Albertbahn eröffnet, die nach Chemnitz führen sollte und der Berliner Bahnhof in der Friedrichstadt entstand 1875. Mit den neuen Transportmöglichkeiten entwickelte sich auch die Industrie zunehmend in größeren Dimensionen. Der Maschinenbau florierte, ob nun im Schwermaschinenbau oder bei speziellen Geräten, wie Nähmaschinen, die 1855 erstmals in Europa, in Dresden hergestellt wurden. Später wurden auch Schreibmaschinen oder Fahrräder aus Dresden zu angesehenen Produkten. Auch die Nahrungsmittelindustrie Dresdens expandierte. 1852 entstand die Bienertsche Hofmühle, 1857 die Felsenkellerbrauerei. Die Stadt wurde ebenso zu einem deutschlandweit führenden Ort der Zigarettenindustrie, wofür die 1867 gegründete erste deutsche Zigarettenfabrik nur der Anfang war. Heutiges Wahrzeichen dafür ist die – allerdings zum Bürohaus umgebaute – Yenidze aus dem 1912.
Dresden wuchs rasend und mit ihr vermehrte sich nicht nur der Reichtum, sondern auch die Armut. 1850 entstanden die ersten Arbeiterwohnviertel, wie beispielsweise das Hechtviertel im Norden. Innerhalb weniger Jahre waren die ersten Mietskasernen zu finden: enge Wohnhäuser, viele Mieter, die unter sehr beengten Verhältnissen wohnte, schlechte hygienische Zustände. Am anderen Ende der Besitzstände wurden Neubauten wie das Schloss Albrechtsberg von Architekt Adolf Lohse geschaffen, was für den Prinzen von Preußen gebaut wurde. Gleich daneben entstanden die Villa Stockhausen  und eine neogotische Villa für den Großkaufmann Souchoy, die heute unter dem Grundstücksnamen Eckberg als Hotel geführt wird. Ebenso wurden die ersten vornehmen Villenvororte  angelegt, wie das Schweizer Viertel im Süden der Stadt, oder das Preußische Viertel im Nordosten. Nicht zu vergessen sind auch die Villenbezirke Loschwitz und Blasewitz, die allerdings erst viele Jahre später entstanden. Dresdens Villenarchitektur erregte deutschlandweite Aufmerksamkeit. Und so wird Dresden ab 1850 auch zu einer Touristendestination, wenngleich es anfangs noch sehr begüterte Reisende waren. Der Autor Henrik Ibsen besuchte Dresden, wie der polnische Schriftsteller Jozef Ignacy Kraszewski, der aus politischen Gründen Polen verließ und 20 Jahre in Dresden lebte. Nicht ganz so lange, aber immerhin zwei Jahre (von 1869 bis 71) wohnte der berühmte russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewskiy in Dresden.

Dresden im Kaiserreich

Mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches verlor Dresden seine Stellung als Hauptstadt eines Staates, trotzdem war die allgemeine Freude über die Vereinigung der deutschen Lande, natürlich auch hier zu bemerken. Der einsetzende Wirtschaftsboom führte in der Stadt nicht nur zur Gründung der „Dresdner Bank“ im Jahr 1872, sondern auch zu einer weiteren großen Ausweitung der Stadt. Bauunternehmer kauften an den Rändern der Stadt große Areale und entwickelten neue Stadtviertel. So entstand beispielsweise die Johannstadt im Osten von Dresden. Mit der Eröffnung der Saloppe 1875 wurde ein erstes Dresdner Wasserwerk in Betrieb genommen, um die hygienischen Bedingungen, nur zwei Jahre vorher war es zu einer Cholera-Epidemie gekommen, zu verbessern. Neue Straßenverbindungen wurden erstellt, so mit der Wettiner Straße in die Friedrichstadt, die später in Verbindung mit der Grunaer Straße zu einer neuen West-Ost Achse wurde. Auf den Straßen fand man ab dem Jahr 1872 auch die erste Pferdestraßenbahn, dass erste öffentliche Transportmittel Innerorts, die vom Böhmischen Bahnhof nach Blasewitz verkehrte. Bald kamen weitere Linien hinzu und 1893 wurden die Pferde sukzessive von Elektrostraßenbahnen abgelöst. Auch hier fuhr die erste Linie wieder in die östlichen Villengegenden und verband den Schloßplatz mit dem Schillerplatz.
Damit die Stadt nicht regellos weiterwuchs, wurde 1878 ein neues Ortsstatut vom Stadtrat erlassen. Größere Betriebe durften sich nun nicht mehr in der Innenstadt ansiedeln. Die Eisenbahnlinien wurden als Grenzziehungen genommen. Nur westlich der Bahnlinie nach Leipzig und Chemnitz, also in Pieschen, Friedrichstadt und Löbtau durfte sich Industrie ansiedeln. Nördlich der Stadt wurde bis 1877 ein neuer riesiger Kasernenkomplex  erbaut, die Albertstadt, der zweitgrößte im Deutschen Reich. Bis 1945 war die Albertstadt aber nicht Teil der Stadt Dresden und wurde erst nach dem Krieg eingemeindet.
Neue Wirtschaftszweige hielten Einzug, wie die damals hochmoderne optische Industrie, die besonders mit dem Namen Johann Heinrich Ernemann verbunden ist. Im Maschinenbau wurden Verpackungsmaschinen oder Nähmaschinen in Dresden hergestellt, auch das bekannte Odol-Mundwasser stammt aus jenen Jahren. Es war eine Erfindung Karl August Lingner, der seinen Reichtum teilweise der Stadt als Mäzen zurückgab. Er etablierte die erste Säuglingsstation Deutschlands im Krankenhaus Johannstadt und initiierte die erste deutsche Hygieneausstellung, die ein solcher Erfolg wurde, dass anschließend im Jahr 1912 das Hygienemuseum gegründet wurde. Das heutige Museumsgebäude von Wilhelm Kreis, der sich dabei ganz dem modernen Bau verschrieben hat, stammt allerdings erst aus dem Jahr 1927.
Dresdens Wachstum lässt sich auch in den Bevölkerungszahlen ablesen. 1852 war man als vierte Stadt in Deutschland zur Großstadt geworden und hatte mehr als 100.000 Einwohner. Zur Reichsgründung 1871 waren es bereits 177.000, 1880 220.000 und zur Jahrhundertwende 396.146. Diese Zahl erhöhte sich bis 1910 auf 548.308. Dresden hatte damals mehr Einwohner als 2014. Die so starke Erhöhung lag neben der hohen Geburtenzahl, auch am großen Zustrom von Menschen aus dem Umland, die in Dresden Lohn und Brot finden wollten. Die massive Steigung, lässt sich aber letztendlich auch nur vollständig aus den zahlreichen Eingemeindungen erklären, welche von 1892 bis 1903 durchgeführt wurden. Die Vororte Strehlen, Striesen, Pieschen, Trachenberge, Seidnitz, Cotta, Löbtau, Mickten, Plauen, Trachau und Übigau wurden allesamt Dresdner Stadtteile und verloren ihre Selbstständigkeit, obwohl die teilweise blühende Örtchen waren.
Die soziale Wohnungsfrage, insbesondere für die ärmsten Menschen war jedoch teilweise katastrophal, wie in fast allen schnell wachsenden Großstädten jener Zeit. Besserung war hier nur sehr langsam zu bemerken. Auch die Lebensmittelversorgung musste ausgebaut werden, denn noch kaufte man seine Nahrungsmittel auf dem Markt, Supermärkte waren damals unbekannt. Die ersten Markthallen wurden errichtet. 1895 wurde die Hauptmarkthalle in der Friedrichstadt eröffnet. Sie hatte einen Bahnanschluss mit dem nahe gelegenen Wettiner Bahnhof (heute Bahnhof Mitte). Auch am Antonsplatz (heute nicht mehr existent) und in der Neustadt entstanden Markthallen. Gleichzeitig eröffneten die ersten Kaufhäuser in Dresden und erweiterten das Warenangebot enorm, wie schon erwähnt, machte sich hier die lebendige Prager Straße einen Namen. 1895 wurde auch ein erstes Elektrizitätswerk eröffnet, vier Jahre später ein zweites Wasserwerk in Tolkewitz. Für den Ausbau weiterer Straßen erwies sich, dass aus dem Erzgebirge kommende und zwischen Friedrichstadt und Innenstadt in die Elbe mündende Weißeritz – Flüsschen als Störfaktor. Sie wurde 1893 in der Höhe von Löbtau in ein neues Flussbett gelegt und floss nun Richtung Cotta ab, wo sie einige Kilometer westlich der eigentlichen Mündung, in die Elbe floss. Zur Jahrhundertflut 2002 fand die Weißeritz dann wieder ihr altes Bett und überspülte die Innenstadt. An der Elbe entstand in den 1890er Jahren auch der Alberthafen für die Binnenschifffahrt. Auch weitere Brücken über die Elbe entstanden. Die bis heute noch spektakulärste ist die Loschwitzer Brücke, die seit 1893 Loschwitz und Blasewitz verbindet. Wegen des Anstrichs und der für damaligen, kühnen Stahlfachwerkkonstruktion ist sie heute als „Blaues Wunder“ bekannt. In Loschwitz wurden ebenso zwei Bergbahnen eröffnet, die auf den Elbhang fuhren. Zum einen die 1895 fertiggestellte Standseilbahn, als auch die seit 1901 in Betrieb stehende Schwebebahn, der ersten ihrer Art auf der Welt.
Neue Verwaltungsbauten mussten gebaut werden. Das neue Rathaus, nach einem Entwurf von Karl Roth wurde 1910 fertiggestellt. Der Stadt Dresden wurde von Seiten des sächsischen Königs untersagt, einen höheren Turm, als den Hausmannsturm aufzurichten, der genau 100m hoch war. Da die Stadt in ihrem Repräsentationsstreben aber gewillt war, ihr eigenes Selbstbewusstsein auszustrahlen, krönte man den Rathausturm mit einem 5m hohen goldenen Rathhausmann und schuf sich das höchste Gebäude der Stadt. Aber auch der sächsische Staat verstand es seine Verwaltung angemessen darzustellen. Am nördlichen Elbufer wurde 1894 das Finanzministerium eingeweiht, das im Stil der Neorenaissance gehalten ist, 10 Jahre später kam die sogenannte Staatskanzlei als Nachbar hinzu. Gemeinsam mit der neugestalteten Brühlschen Terrasse, mit dem mächtigen Neubau der Kunstakademie wurde die innerstädtische Silhouette der Stadt geschaffen, die so bis heute noch Besucher wie Einheimische fasziniert.
Neue ansprechende Bauwerke entstanden auch mit dem Speichergebäude, dem Gasometer oder dem Schlachthof von Stadtbaumeister Hans Erlwein. Der Jugendstil ist in der Chrituskirche  von Schilling und Gräbner oder im Krematorium Tolkewitz von Fritz Schumacher sind glücklicherweise noch heute zu bewundern. Ein ganz eigenes Projekt, was über die Architektur hinaus ging, war die Gartenstadt Hellerau. 1909 wurde auf dem nördlich der Stadt gelegenen Heller (einer kleinen Erhebung über dem Elbtal) von Möbelfabrikant Karl Schmidt eine Siedlung gegründet, die das bürgerliche Wohnen verändern wollte. Fußend auf der Idee der Gartenstadt des Briten Ebenezer Howard, die weltweit große Aufmerksamkeit erhielt, wurde erstmals in Deutschland dieses Konzept für eine neue Wohnsiedlung angewendet. Schmidt ließ dort seine Möbelfabrik „Deutsche Werkstätten Hellerau“ errichten, sowie zahlreiche Wohnhäuser mit reichlich Gartenland und als Krönung sogar ein Festspielhaus. Dieses wurde von Heinrich Tessenow im Stil der Reformarchitektur geplant und etablierte sich nach seiner Eröffnung 191,1 zu einem Treffpunkt der Kultureliten aus ganz Mitteleuropa.
Dresden bot zu jener Zeit ein rasch anwachsendes kulturelles Angebot. Neben Ausstellungen, Theateraufführungen und Varietees konnte man ab 1912 in den festen Bau des Zirkus Sarrasani gehen, dem damals größten Zirkus Europas. Die Oper machte sich mit Uraufführungen von Richard Strauss „Salome“, „Elektra“ und „Rosenkavalier“ einen Namen und seit 1913 hatte Dresden auch ein Schauspielhaus. Mit der Attraktivität stiegen auch die Besucherzahlen und schon 1909 logierten über 400.000 Gäste in den neu entstehenden Dresdner Hotels. Obwohl die Dresdner von Zeitgenossen als wenig offen und Neuem zugewandt eingeschätzt wurden, konnten sich doch bemerkenswerte Künstlergruppen in der Stadt bilden. Die bekannteste sind die Maler der „Brücke“, welche ihre expressionistischen Gemälde in einem Atelier auf der Berliner Straße in der Friedrichstadt anfertigten. Der 1905 gegründeten Gruppe gehörten Maler wie Fritz Bleyl, Erich Henkel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff an. Doch schon im Jahr 1911 hatten alle Mitglieder der Gruppe die Stadt auch schon wieder verlassen. Trotzdem kann Dresden als der Geburtstort der expressionistischen Malerei gelten.

Vom 1. Weltkrieg bis zur größten Katastrophe der Stadt im 2.Weltkrieg

Der 1. Weltkrieg brachte Hunger und große menschliche Verluste nach Dresden. Die Bevölkerung, die wie überall den Ausbruch des Krieges noch feierte, wurde spätestens ab dem Jahr 1917 kriegsmüde. Im Herbst 1918 wiedersetzten sich dann  Soldaten dem Abtransport an die Front. In ganz Deutschland brach die Novemberrevolution aus, die Weimarer Republik entstand und mit ihr dankte auch der sächsische König ab. In den politisch und wirtschaftlich unruhigen 1920er Jahren gemeindete Dresden weitere Vororte ein. Unter den 23 Dörfern waren beispielsweise Blasewitz, Bühlau, Coschütz, Loschwitz oder der Weiße Hirsch. So erreichte Dresden im Jahr 1933 seinen Einwohnerhöchststand von 649.000 Bürgern. Diese Zahl sollte nie wieder erreicht werden (zum Vergleich, heute wohnen in einem flächenmäßig noch größeren Dresden rund 540.000 Einwohner). Der einsetzende Wohnungsbau der Moderne (das versuchte, die Wohnverhältnisse zu verbessern, sie dazu auch: Das neue Frankfurt) lies neue Wohngebiete in Reick, Briesnitz und Gruna entstehen. Besonders erwähnenswert ist aber das von Hans Richter geplante Wohnquartier in Dresden-Trachau, dass im Stil der Bauhausmoderne errichtet wurde. Neubauten wie das Städtehaus von Louis Wirth, das einzige Haus im Stil des Expressionismus oder das erste Dresdner Hochhaus am Albertplatz (von Hermann Paulick) entstanden in den Stilen des Zeitgeistes. Ein Kuriosum war das Kugelhaus am Ausstellungsgelände, welches das erste seiner Art war. Allerdings wurde es 1938 wieder abgerissen. Noch heute tragen einige Architekturen in Dresden noch Reminiszenzen daran, so zu sehen beim Kugelhaus am Hauptbahnhof oder bei der Gläsernen Manufaktur.
Als 1929 die Weltwirtschaftskrise ausbrach, waren die Auswirkungen natürlich auch in Dresden zu spüren. Während viele Menschen erwerbslos wurden, radikalisierte sich das politische Geschehen auf den Straßen. Das wohl tragischste Ereignis dafür war das Blutbad im Keglerheim, am 25.Januar 1933. Hier trafen sich nach einer friedlichen Demonstration Mitglieder des „Kampfbundes gegen den Faschismus“ in einem Ballsaal in der Friedrichstadt. Die Polizei ließ die Veranstaltung auflösen, wobei sie dabei äußerst brutal vorging und 9 Menschen tötete und zwölf schwer Verletzte. Als die Opfer beerdigt wurden, am 31. Januar 1933, war die NSDAP schon den ersten Tag an der Macht.
Mit dem Einsetzen der Herrschaft der Nationalsozialisten kam es auch in Dresden zu staatlicher Gleichschaltung, Verfolgung Andersdenkender und ideologischen Maßnahmen, wie Bücherverbrennungen. Schon am 8.März kam es zu einem ersten Feuer auf dem Wettiner Platz. Intelektuelle wurden systematisch vertrieben, so wie Operndirektor Fritz Busch, oder der Maler und Professor an der Kunstakademie Otto Dix. Wie sehr das Leben im Nationalsozialismus ideologisch umgestaltet wurde, lässt sich hervorragend in den Tagebüchern des Dresdner Literaturwissenschaftlers Viktor Klemperer nachlesen. Als Jude erlebte er in den 12 dunkelsten Jahren deutscher Geschichte vieles mit, was diese Schreckensherrschaft zu bieten hatte. Von der Entlassung und dem Berufsverbot, über die Reichskristallnacht, bei der auch die Synagoge von Gottfried Semper zerstört wurde, bis zum Leben in Judenhäusern. Wie sehr dabei sogar die deutsche Sprache verändert wurde, zeigt eindrucksvoll sein Buch „LTI“. Klemperer sollte im Februar 1945 in ein Konzentrationslager geschickt werden. Doch dazu kam es nicht, da der Nacht von 13. zum 14.Februar Dresden die größte Katastrophe in seiner Geschichte erlebte. Kurz vor Ende des Krieges wurde die vorher kaum in Mitleidenschaft gezogene Stadt, von britischen und amerikanischen Bombern angegriffen. In mehreren Wellen wurde mehr oder weniger komplett die Innenstadt zerstört, sowie viele weitere Stadtteile zerbombt. Ein Feuersturm, den man gern als höllischen Ausmaßes bezeichnen kann, entzündete sich und verwüstete selbst Bauwerke, wie die Frauenkriche, welche nicht von Bomben getroffen wurden. Das Bild der verbrennenden Stadt soll man in jener Nacht, noch als hellen Schein vom rund 70km entfernten Chemnitz gesehen haben. Rund 25.000 Menschen starben bei diesen Angriffen. Dresden wurde zu einem Synonym für die Grauenhaftigkeit des Krieges. Es grenzt an ein Wunder, das Viktor Klemperer auch das überlebte und am Ende des Krieges Zeugnis von den Ereignissen ablegen konnte. Da die deutschen Militärs bis zur endgültigen Kapitulation kämpften, wendeten sie die Taktik der verbrannten Erde an und so wurden auch in Dresden, die noch intakten Elbbrücken gesprengt, als Anfang Mai die Truppen der Roten Armee vor den Toren der Stadt stand. Lediglich das Blaue Wunder wurde von mutigen Dresdnern gerettet, welche die Sprengung sabotierten.

Dresden in der DDR

Zum Ende des Krieges lebten noch rund 365.000 Menschen in Dresden. Diese machten sich nun an den Wiederaufbau, der zerstörten Stadt. Einen großen Anteil daran, hatten auch die Frauen, die nicht zur Armee geschickt wurden. Ihnen hat die Stadt das Denkmal der „Trümmerfrauen“ gewidmet. Im Versuch wieder etwas Normalität zu schaffen, wurden schon im Sommer 1945 das Theater wieder bespielt. Langsam folgten weitere Einrichtungen. Bereits im Oktober begannen die Sicherungsarbeiten am Zwinger. Er sollte das erste Gebäude der historischen Innenstadt werden, das wieder im alten Glanz erstrahlen sollte. Da der Ostteil Deutschlands von der Sowjetunion besetzt wurde, wurde auch in Dresden das sozialistische System in Politik und Wirtschaft eingeführt. Innerhalb dieses Systems begann auch der Wiederaufbau der Stadt, die in eine moderne Stadt des Sozialismus umgebaut werden sollte. Die Lehren des modernen Bauens in der sozialistischen Interpretation sollten in Dresden angewendet werden, ohne dabei sehr auf die historische Struktur zu achten. Dies zeigt sich beispielsweise deutlich am Neubau der Prager Straße, der Ende der 1950er Jahre begann. Die Vorkriegsstraße war eine recht enge Verkehrsstraße, während die neue Prager Straße eine sehr weitgezogene Fußgängerzone wurde, deren Höhepunkt der avantgardistische Bau des Rundkinos wurde.. Die Enge der Innenstadt ging fast überall verloren. Durch die fehlende Werthaftigkeit von Grund und Boden in sozialistischen Systemen blieben lange große Brachflächen bestehen, die sich in westdeutschen Städten deutlich schneller wieder füllten. Nach den Grundzügen der Moderne wurde Dresden neu von Magistralen durchzogen, dessen breiteste die Leningrader Straße, heute St. Petersburger Strasse war. Sie durchschneidet geradezu die östliche Innenstadt.
Bis auf die Sophienkirche, die 1953 umstrittenerweise abgerissen wurde, war der Plan der damaligen Stadtverantwortlichen jedoch, die historischen Sehenswürdigkeiten der Innenstadt wieder aufzubauen. Einzig die Frauenkirche sollte als Mahnmal für die Zerstörung des Krieges Ruine bleiben. Der Wiederaufbau der historischen Bausubstanz gelang jedoch lediglich beim Zwinger recht zügig, länger dauerte es bei der Semperoper, welche 1985 wiedereröffnet wurde. Andere Bauwerke warteten Jahrzehnte lang. Zweifellos schneller ging der Aufbau neuer Wohnungen. Maßgeblich für den großzügigen Stil der 1950er Jahre waren die neuen Häuser entlang der damaligen Wilhelm-Thälmann-Str., die heute wieder Wilsdruffer Straße heißt. Doch diese Form des Wohnungsbaus musste bald kostengünstigeren Lösungen weichen. Neue Plattenbausiedlungen entstanden. Die größten von ihnen in Prohlis und Gorbitz. Bei allem Unbehagen, die heute mit dieser Form des Wohnungsbaus besteht, so darf nicht vergessen werden, dass es für viele Dresdner damals ein Privileg war, eine „Neubauwohnung“ zu beziehen.
Aus Zeiten der DDR stammt auch die Bezeichnung „Tal der Ahnungslosen“ für Dresden und seine Einwohner. Dies steht in Verbindung mit dem nicht vorhandenen Empfang westdeutscher Fernsehkanäle, der in weiten Teilen Ostdeutschlands kein Problem war. Ändern tat dies auch der 1969 in Betrieb gegangene Fernsehturm nicht, da er selbstverständlich kein Fernsehen der BRD abstrahlte. Dieser 252m hohe Turm wurde schnell zu einer Touristenattraktion, obwohl er am Stadtrand am Wachwitzer Elbhang steht. Das so hohe Bauwerke nicht in die Innenstadt gesetzt wurden, wie beispielsweise zur gleichen Zeit in Berlin, zeigt, dass die Bewahrung des sogenannten Canaletto-Blick (also der historischen Altstadtsilhouette) ein schon lange erhaltenes Baudogma in der Stadt war und auch heute noch ist. Neben dem Fernsehturm entstanden in den Jahren bis 1989 aber noch andere erwägenswerte Bauwerke, wie der Kulturpalast von Wolfgang Hänsch oder die Neue Mensa der Technischen Universität.
Das nicht Leipzig, sondern Dresden der Ort des Umsturzes des DDR Regimes ist, wird in Dresden auf offene Ohren stoßen, ist aber doch nur eine lokale Betonung der Wendeereignisse. Anfang Oktober 1989 waren es hier Dresdner Bürger, welche die vollbesetzten Züge mit ostdeutschen Flüchtlingen aus der Prager Botschaft nach Westdeutschland stoppen wollten, um auch aufzuspringen. Die daraus resultierenden Auseinandersetzungen mit der Polizei waren für viele Beobachter der Anfang vom Ende der staatlichen Ordnung in der DDR. Mit der Gründung der „Gruppe der 20“ bekamen die Dresdner Oppositionellen ein Sprachrohr und die Wende in der DDR fand nochmal einen Höhepunkt beim vielumjubelten Besuch des Bundeskanzlers der BRD, Helmut Kohl im Dezember 1989.

Dresden nach der Wende

Nach der Wiedervereinigung und der Gründung des Freistaates Sachsen als Bundesland der Bundesrepublik, wurde Dresden wieder sächsische Hauptstadt. Gleichzeitig mit einem einsetzenden Bauboom in der Stadt kam es aber zu einem fast schon dramatisch zu nennenden Bevölkerungsverlust. Von 521.000 Einwohnern im Jahr 1987 lebten nur 11 Jahre später nur noch 452.000 Menschen in Dresden. Damit war die Talsohle allerdings auch erreicht. Durch Eingemeindungen, als auch durch einen wieder zunehmende Geburtenrate und einen langsam einsetzenden Zuzug aus dem Umland ist Dresden heute eine der schnellst wachsendsten Städte Deutschlands. Um die 5000 Menschen pro Jahr beträgt momentan das Wachstum der Stadt. Welche sich aber auch in vielen anderen Punkten in den letzten 25 Jahren stark verändert hat. Dier Wiederaufbau der historischen Bausubstanz ging in rasender Geschwindigkeit und fast lückenlos von statten. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Frauenkirche, die 2005 wiedereröffnet wurde. Die Schönheit des Dresdner Elbtals mit seinen Bauwerken und seiner Einbeziehung der Natur in die Stadt wurden sogar von höchster Stelle gewürdigt und die Elblandschaft von Schloss Übigau bis Schloss Pillnitz auf 12km Länge zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Es ist eine Besonderheit der Stadt, dass dieser Titel für einen Brückenbau wieder geopfert wurde und spricht für den Eigenwillen der Bürger Dresdens, denn über den Bau der Brücke wurde sogar per Volksentscheid abgestimmt und diesem trotz, eines im Bundesdurchschnitt, zügigsten innerstädtischen Verkehrsflusses, zugestimmt. Die Volksseele der Stadt ist dabei keinesfalls auf eine Linie zu bringen, einerseits ist man in Dresden über die Wiederherstellung der historischen Altstadt, wie in den letzten Jahren am Neumarkt geschehen, erfreut, gegenüber hoch gelobten zeitgenössischen Architekturen, wie dem Kristallpalast Kino, der neuen Synagoge oder der Universitätsbibliothek ist der „Dresdner“ aber sehr zurückhaltend. Und so ist es auch nicht ganz einfach Dresden heute zu beschreiben. Auf der einen Seite erlebt die Stadt in den letzten Jahren eine Welle rechtskonservativer Bürgerproteste, der sie deutschlandweit in die Schlagzeilen brachte und ihr einen zweifelhaften Ruf gab. Auf der anderen Seite ist Dresden, eine boomenden Stadt, die sich – ganz anders als der Rest Sachsen – verjüngt und reichhaltige Angebote, kultureller, wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Natur macht. Kurzum, eine wunderschöne und lebenswerte Stadt.

Geschichte Zaragozas

Caesaraugusta und das maurische Sarakusta

Die Gegend des heutigen Saragossa am Ebro-Fluss gelegen war schon vor den Römern besiedelt gewesen. Damals waren es wohl die Sedetanier, ein Stamm der Iberer, die in jenen Gefilden lebten. Unter anderem gründeten sie einen Ort namens Salduie, einem sehr frühen Vorläufer der heutigen Stadt. Später, im Jahr 25 v.u.Z. ließ der römische Kaiser Augustus hier eine Stadt gründen und auch gleich nach sich benennen; Caesaraugusta war entstanden. Vor allem ehemalige Soldaten, die in den Schlachten mit den Iberiern kämpften, ließen sich hier nieder. Es entwickelte sich ein nicht unbedeutender Ort mit allen für eine römische Stadt notwendigen Einrichtungen, wie dem Forum oder einem Amphitheater. Auch heute noch sind zahlreiche antike Ruinen in der Stadt zu bewundern, die von Saragossas langen Geschichte zeugen. Die Westgoten übernahmen nach den Römern, in der Spätantike die Stadt, die nicht in einer Schlacht überrannt, sondern einfach übergeben wurde, was ihr natürlich zugute kam.

Wie fast alle Teile der iberischen Halbinsel, fiel auch Saragossa nach der muslimischen Invasion in maurische Hände. Mit dem Zerfall des Kalifats von Cordoba 1013, entstanden viele kleinere muslimische Reiche. Eines der bedeutendsten dieser kleinen Königreiche war das Taifa Zaragoza, das endgültig 1018 entstand. Dessen Hauptstadt war Sarakusta, der maurische Name für das alte Caesaraugusta. Es wurde erst von der Familie der Tudschibiden regiert, nach drei Dekaden dann aber von den Banu Hud, die sich versuchten mit zahlreichen Allianzen (unter anderem mit dem legendären El Cid) an der Macht zu halten. Obwohl das Taifa eine beachtliche Größe hatte und bis weit an die levantinische Küste reichte zerfiel es recht bald wieder, da es von allen Seiten attackiert wurde. Unter anderem auch von Norden her, von den neu entstehenden christlichen Königreichen.

Saragossa im Königreich und unter der Krone Aragóns

Die Geschichte der Stadt Zaragoza ist eng verbunden mit der des Königreiches Aragón. Der Name Aragón stammt von einem Fluss, der von den Pyrenäen in den Ebro fließt. Das frühe Königreich Aragón, ist eines der kleinen christlichen Reiche, im Norden der iberischen Halbinsel, schon früh als Grafschaft mit Navarra vereinigt. 1035 erbte Ramiro I. von Aragon, nach dem Tod seines Vaters Sancho III. eine kleine Region und es entstand das Königreich Aragon, was sukzessive durch Rückeroberung von maurischen Gebieten vergrößert werden konnte. Schon gegen Ende des 11.Jahrhunderts wurde die Grenzlinie bis an den Ebro gezogen und um 1118 gelang unter König Alfonso I. die Einnahme von Saragossa.
Das die Stadt schon unter den Mauren bedeutend war wurde sie gleich zum neuen Königssitz ernannt. Die maurischen Einwohner durften in der Stadt leben bleiben, mussten aber einen steuerlichen Tribut bezahlen. So entkamen die neuen christlichen Könige dem Problem, keine Einwohner für die neue Metropole zu haben und generierten gleichzeitig vermehrte Steuereinnahmen. Gleichzeitig wurden künstlerische Traditionen beibehalten. Die Christen waren durchaus begeistert von den Kunstwerken und den Häusern des Islam und im Stil des Mudejar ließen sie sich neue Bauwerke errichten, oder veränderten Bestehendes nach ihren Wünschen. So wurde die große maurische Burganlage, die Aljaferia, zu einem neuen Palast umgebaut. Auch andere Kirche, wie die Kathedrale Seo, die später zur Krönung des Königs benutzt wurde ist ein gelungenes Beispiel für Mudejar-Architektur in Saragossa, der übrigens heute unter UNESCO-Weltkulturerbeschutz steht.

1137 machte der damalige König Ramiro II. eine Hochzeit seiner Tochter Petronella mit dem Grafen von Barcelona Raimond Berengar IV. aus (Petronella war da 1 Jahr alt!), woraus sich letztendlich 1164 das neue Territorialgebilde der „Krone von Aragón“ ergab. Die Krone von Aragón ist allerdings etwas anderes als das Königreich Aragón, das weiter bestehen blieb. Das Gebiet der Krone beinhaltete anfangs (später mehr) zwei unterschiedliche Länder mit ungleichen Verwaltungs- bzw. Rechtsformen, nämlich die Grafschaft Barcelona (oder auch Katalonien) und das Königreich Aragon. Beide einte lediglich der gemeinsamen Herrscher. 1317 schließlich legte Jaume II. fest,  dass die Königreiche Aragón, Valencia (sein Vater, Jaume I. eroberte weite Teile der Levante und gründete daraufhin das Königreich Valencia) und Katalonien immer von gleichen König regiert werden sollten, intern aber durchaus unterschiedliche Vertretungen und Rechtssysteme haben konnten. Insofern war die Krone Aragóns kein einheitlicher Staat, sondern vielmehr ein Territorialkonglomerat, in welchem das Königreich Aragón ein Teil war. Niemand nahm sich innerhalb der Krone Aragóns als ein gemeinsames Volk war, so wurden Aragonesen in Katalonien als Ausländer gesehen und umgekehrt natürlich genauso. Lediglich die Person des Königs war ein verbindendes Glied. Der erste König der Krone Aragons war Alfons II. Die Cortes in Saragossa ließen es sich auch nicht nehmen, formell dem König die Macht zu übertragen, wenngleich dieser seine Nachfolge selbst festlegte. Und so musste der neue Herrscher seinen Eid in der Kathedrale in Saragossa, der Seo, ablegen. Dies in einer 2-tägigen Prozession von der Aljaferia zur Seo und wieder zurück. Erst nach dem Eid, konnte der König offizielle Amtshandlungen vornehmen (dieser Eid musste natürlich auch in Katalonien und nochmals in Valencia abgelegt werden, obwohl die Krone von Aragón später weitere Teile des Mittelmeers, wie die Balearen oder Neapel beherrschte, blieben die drei Königreiche das Kernland der Krone).
Innerhalb der Krone kam es durchaus auch zu Spannungen zwischen den Königreichen. Aragón wurde wirtschaftlich schnell von Katalonien abgehängt und nach der Gründung des Königreichs Valencia hatte Aragón auch keine Möglichkeit mehr territorial zu expandieren (und beispielsweise wieder Meereszugang zu erhalten, wie noch das Taifa Zaragoza besaß). Als König Martin I. 1410 in Barcelona kinderlos starb (er überlebte alle seine vier Nachkommen) wurde lange um die Nachfolge zwischen Aragón, Valencia und Katalonien gerungen, wobei im Kompromiss von Caspe 1412, schließlich Fernando I. aus dem kastilischen Herrschaftshaus der Trastamara zum neuen König ausgerufen wurde. Hier setzten sich nicht nur die aragonesischen Interessen (gemeinsam mit den Valencianischen, beide Länder sahen in einer Annäherung zu Kastilien wirtschaftliche Vorteile) durch, gleichfalls kam es zu einer Annäherung der Krone Aragons mit Kastilien. Dies führte später, 1469 dazu, dass der König von Aragon Fernando II., Isabella von Kastilien heiraten und damit den Weg bereitete, für ein vereinigtes Spanien.
Auch im vereinigten Spanien, dass ab dem 16.Jahrhundert von den Habsburgern regiert wurde, behielt das Königreich Aragon, wie auch die anderen Mitglieder der Krone, seine Eigenständigkeit. Weiterhin bestanden die eigenen Cortes (Ständeversammlungen) weiter, wie auch die Selbstverwaltung Aragóns von Zaragoza ausging. Erst mit dem Spanischen Erbfolgekrieg (1700-1714) und dem Sieg der Bourbonen über die Habsburger, sollte das Königreich Aragón zerfallen. Der neue spanische König Philipp V. gestaltete den spanischen Staat in zentralistischer Art um (1707 mit den sogenannten „Decretos de Nueva Planta“). Auch wenn es innerhalb des Krieges, 1710 noch einmal in der Schlacht von Zaragoza einen Sieg der pro-habsburgischen Truppen gab, welche die Eigenständigkeiten bewahren wollten, sollte der Krieg aus dem Königreich Aragón eine Provinz Kastiliens machen und Saragossa zur Provinzhauptstadt. Nur in der heutigen spanischen Königstitulatur findet sich noch ein Hinweis auf die ehemalige ruhmvolle Krone, denn der spanische Monarch bezeichnet sich immer noch unter anderem als König von Aragón.

Krieg mit den Franzosen

Ein weiteres noch heute in Saragossa besonders betontes Ereignis, waren die Kämpfe innerhalb der napeolonischen Kriege auf der iberischen Halbinsel,  insbesondere der Kampf um die Stadt im Januar 1809. Sowohl die spanische Armee, als auch die einheimische Bevölkerung nahm den Kampf mit den französischen Besatzertruppen auf. In einem typischen Guerilla-Krieg wurden Häuser und sogar einzelne Stockwerke zäh verteidigt und sogar Zivilisten sollen versucht haben die Angreifer mit kochendem Wasser oder Steinen abzuwehren. Letztendlich siegten die Franzosen am 22. Januar 1809 und besetzten eine fast völlig zerstörtes Saragossa. Die Geschichte der heldenhaft kämpfenden Einheimischen jedoch, in jener Schlacht mit über 50.000 Toten, ist in der spanischen Geschichte unvergessen und gilt als heldenhafter Aufstand vor dem Feinde.

Das 20.Jahrhundert

Saragossas entscheidendes Wachstum setze erst im 20.Jahrhundert ein, als sich die Bevölkerung mehr als versechsfachte. Die Industrialisierung setzte ein und machte die Stadt zu einem wirtschaftlichen Zentrum in einer eher strukturschwachen Region, gleichzeitig wuchs die Stadt nicht nur an Einwohnern, sondern auch flächenmäßig stark an, wobei die meisten Bürger auch heute noch in der Nähe des Stadtzentrums wohnen. Saragossa wurde ebenfalls zu einem Zentrum der Armee, denn 1940 eröffnete hier die Generale Militärakademie, eine Ausbildungsstätte für höhere Armeeränge. Auch der Flughafen Saragossa hat noch eine hohe Militärische Bedeutung und wird auch von den US-Streitkräften genutzt. Traurige Bekanntheit erlangte Stadt durch den vermutlich von der ETA eingeleiteten Brand im Corona Hotel mit 80 Toten im Jahr 1979 (was allerdings niemals gerichtlich Bewiesen wurde) und den Bombenattacken 1987, bei welchen ebenfalls 11 Menschen starben.
Eine entscheidende Erneuerung Saragossas sollte mit der Expo 2008 eingeleitet werden, die der Stadt ein neues Gesicht verleihen sollte, so ist die Hauptstadt der Autonomen Gemeinschaft Aragón heute eine Stadt mit einer Vielzahl interessanter zeitgenössischer Bauten.

Geschichte Toledos

Eine Legende besagt das Toledo von den nachkommen Noahs gegründet wurde. Wie dem auch sei, dauerhaft besiedelt wurde Toledo wohl von den Kelto-Iberern, genauer dem Stamm der Karpentaner, von deren Leben einige archäologische Funde erhalten geblieben sind. Im Jahre 192 v.Chr. eroberten die Römer den Ort des heutigen Toledo und nannten ihn Toletum. Das hier gefundene Eisenerz ließ die Siedlung gedeihen, die schon bald das Recht hatte, Münzen zu prägen. Villen entstanden und ein Aquädukt (das heute vollkommen verschwunden ist) belieferte die Bewohner mit Wasser. Das Ende des römischen Reiches und der Einfall der Barbaren konnte noch durch verstärkte Schutzmauern herausgeschoben, aber nicht verhindert werden. Doch für die Stadt war die nachfolgenden Herrschaft der Westgoten kein Unglück, sondern ein Glücksfall, denn seinen ersten historischen Höhepunkt erlebte Toledo 554 bis 712 als es Königsresidenz der westgotischen Herrscher, die Stadt wurde so etwas wie das Rom Spaniens. Den Reichtum der gotischen Oberschicht lässt sich im Staatlichen Archäologischen Museum im Madrid nachvollziehen, denn dort ist der „Schatz von Guarrázar“, die gotischen Weihekronen ausgestellt. Da die westgotischen Herrscher zum Katholizismus konvertierten wurde Toledo auch zu einem religiösen Zentrum seiner Zeit. Von den insgesamt 18 Konzillen, die hier in knapp 300 Jahren stattfanden, wurde beispielsweise das 4. vom Enzyklopädisten Isidor von Sevilla geleitet, einer der herausragendsten Persönlichkeiten der Spätantike.

712 eroberten die muslimischen Mauren die Stadt und behielten sie für 373 Jahre in ihrem Besitz. Fortan wurde, der nun Tulaytula genannte Ort, Teil des Kalifates von Cordoba und später Hauptstadt eines eigenständigen Taifas. 1085 eroberte der kastillischen König Alfons VI. Toledo. Obwohl aus dieser Zeit fast keine Bauten mehr übrig sind, ist die Stadtstruktur doch von ihrem orientalischen Charakter geprägt. Kurz nach seiner Wiedereingliederung in die christliche Welt wurde Toledo von Papst Urban II. als „primatus in totis Hispaniarum regni“ bestätigt, daher als wichtigster Ort der Kirche auf der iberischen Halbinsel. Jedoch war dieser Titel lange Zeit umstritten, erst im 13.Jahrhundert fand ein verstärkter Ausbau der Stadt statt. Diese Zurückhaltung, die sich auch im stark verspäteten Bau einer Kathedrale ausdrückt (erst 1226 legte man den Grundstein für eine Kathedrale, da Toledo Sitz eines Erzbistums wurde) ist wohl der politischen Situation der Reconquista (der Wiedereroberung der muslimischen Gebiete durch christliche iberische Truppen) geschuldet. Toledo lag lange Zeit an der südlichen Grenze der christlichen Gebiete. Man empfand es wohl als zu unsicher, größere Projekte in der Stadt zu starten.

Für das Zusammenleben von Christen, Mauren und Juden bis in das 15. Jahrhundert hinein hatte dies jedoch keine Konsequenzen, galt die Stadt als gelungenes Beispiel für religionsübergreifende Verständigung und deren wechselseitiger, kultureller Durchdringung. Im 12. und 13. Jahrhundert waren Toledo ein Zentrum für die Übersetzung arabischer Schriften ins Lateinische und Romanische und damit ein wichtiger Ort der Wissensverbreitung vom Morgen- ins Abendland. Mit der Ausweisung der Juden 1492, im sogenannten Alhambra-Edikt und der Taufe bzw. Vertreibung der Mauren 1502 ging diese Ära zu Ende.

Architektonisch jedoch reichte der orientalische Einfluss weiter. Zum einen haben sich Bauten aus maurischer Tradition erhalten, wie die im 13. und 14. jahrhundert gebauten ehemaligen Synagogen St. Maria la Blanca und El Tránsito. Zum anderen sind die charakteristischen Neubauten jener Tage im Stil des Mudejar gehalten, womit man eine Bauepoche bezeichnet, die sich aus dem Traditionen der islamischen Architektur speist und diese in das Bauen der christlichen Welt aufnimmt. Toledo ist noch heute ein Zentrum dieses typisch iberischen Baustils.

Durch die Verlegung der Hauptstadt nach Madrid im Jahre 1561 büßte die Stadt naturgemäß an Bedeutung ein, blieb zwar Sitz der Generalinquisition (ein zweifelhafter Ruhm), verlor aber die Beachtung für das spanische Herrscherhaus, was mit dem heutigen Vorteil verbunden ist, keine gravierenden stadtplanerischen Veränderungen seit mehr als 400 Jahren erfahren zu haben. Künstlerischen Ruhm verdankt die Stadt ihrem wohl prominentesten Zugezogenen, dem Maler El Creco, der von 1577 bis zu seinem Tode im Jahre 1614 in Toledo lebte. Die Stadt geriet danach langsam in Vergessenheit und erst in der Zeit der Romantik, mit ihrer Rückbesinnung auf mittelalterliche Tradition und Kultur geriet Toledo wieder in den Fokus der ersten neuen Bewunderer. So ist zum Beispiel die Eröffnung des „El Greco-Museums“ um 1905 ein zeichen für diese Wiederentdeckung.

Zeitgeschichtliche Bedeutung erlangte Toledo im Jahre 1936, als im beginnenden spanischen Bürgerkrieg ein franquistisches Militärkommando das Alcázar einnahm, sich dort verschanzte und den Angriffen der republikanischen Truppen standhaft erwehrte. Diesen gelang es nicht, dass Alcázar zu erobern. So mussten sich die Republikanischen Truppen nach 70 Tagen Belagerung aus der Stadt zurückziehen, da die Truppen Francos den Aufständischen zur Hilfe gekommen waren. Die erfolgreiche Belagerung des Alcázars von Toledo galt später als Gründungsmythos, der auf den Bürgerkrieg folgenden Diktatur Francos in Spanien.

In den letzten Jahren erlebte Toledo einen starken Zuzug, was wohl auch in der Nähe und der guten Anbindung an Madrid zu tun hat, auch wenn die Stadt schon lange ihr Stadtgebiet erweitert hat und sich insbesondere entlang des Tajos nach Nordwesten hin ausdehnt.
Heute ist Toledo nicht nur ein Touristenmagnet, der aber trotz zahlreicher Besucher immer noch ruhige Ecken bieten kann und der eine Unmenge an architektonischen Schmuckstücken zählt und der nicht zuletzt auch durch einladende Bars und Restaurants kulinarische Genüsse offeriert.