København – Kopenhagen

urban facts Kopenhagen | Geschichte Kopenhagens | Neues Bauen in Kopenhagen

Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen ist mir schon seit meiner Kindheit vertraut, war es doch die Stadt der Olsenbande und ihrer großen Pläne. Diese dort dargestellte Stadt der besonders in der DDR sehr populären Filmreihe war ein bürgerliches Pflaster, das gerne die Unterschiede zwischen (zumeist adliger) Oberklasse und nach Reichtum strebender Unterklasse beschrieb. In den Filmen lernte man die Rathausuhr der Stadt ebenso kennen, wie die Oper, oder das Magasin du Nord, den Einkaufstempel der Stadt. Nur modern wirkte Kopenhagen in den Filmen aus den 1970er und 80er Jahren eigentlich nie und vielleicht war es das zu jener Zeit auch nicht.

Besucht man heute Kopenhagen, so erlebt man eine ganz andere Stadt – eine hochmoderne Metropole Nordeuropas. Kopenhagen scheint im Bauboom zu leben. Gerade am Wasser, wovon man hier genug hat, geht in Kopenhagen ein massiver Stadtum- und Ausbau von statten. Hochmoderne Bauwerke schießen in die vom Øresund getränkte frische Luft. Ziel der zahlreichen Neubauten ist nicht in erster Linie eine ästhetische Verführung der Betrachter, sondern die funktionale Gebrauchsfähigkeit für die Benutzer. Ist man in Deutschland stolz auf Hamburgs Hafencity oder den Düsseldorfer Medienhafen, so sind diese geradezu winzig im Vergleich mit dem was hier an den Kanälen und dem Ufer des Øresunds passiert. Und noch Einiges ist schnell augenfällig. Wie überall in Skandinavien ist Kopenhagen eine teure Stadt, wobei man für die hohen Preise allerdings einen entsprechenden Gegenwert bekommt. Überhaupt ist Kopenhagen die Stadt mit der Liebe zu Detail, insbesondere um den Einwohnern der Stadt das Leben leichter und besser zu machen. Öffentliche Toiletten sind häufig zu finden, sie sind kostenlos, sauber und teilweise haben sie auch Duschen. Kopenhagen ist gleichfalls eine – wenn nicht sogar die – Fahrradstadt. Tausende radeln täglich durch die Stadt auf extra eingerichteten Fahrradwegen. Diese sind extra breit und von der Straße getrennt, um den tatsächlich großen Ansturm zu bewältigen, denn an vielen Orten gibt es mehr Räder auf der Straße als Autos oder Fußgänger. Rund 36% des Pendelverkehrs der Stadt wird mit dem Fahrrad absolviert und die Stadt steht regelmäßig auf den Spitzenplätzen zur fahrradfreundlichsten Metropole der Welt. Im Englischen hat sich dabei sogar das Wort „copenhagenize“ verbreitet, das bedeutet, dass in einer Stadt der Fahrradverkehr bevorzugt wird.
Kopenhagen ist aber auch eine historisch bedeutende Stadt, als Hauptstadt Dänemarks, einem Land das nie zu den ganz großen Mächten des Kontinents gehörte, zweifellos aber nie zu den Kleinen.Das lässt sich an den zahlreichen Schlössern in der Stadt, aber auch im Umland ablesen, dessen größtes und bekanntestes Beispiel sicherlich Schloss Fredericksborg im rund 30km entfernten Hillerød ist. Wirtschaftlich ist Kopenhagen nicht nur das Schwergewicht Dänemarks, sondern auch ein Standort mit Strahlkraft in ganz Nordeuropa. Dazu trägt auch die gute Vernetzung der Stadt bei, die eigentlich am äußersten östlichen Rand des Landes liegt. Aber mit zahlreichen Brückenschlägen ist Kopenhagen zu einem Verkehrsdrehkreuz von Mitteleuropa nach Skandinavien geworden. Bekanntestes Beispiel ist sicherlich die Öresundbrücke, welche es ermöglicht, auf dem Landweg nach Schweden zu gelangen (daher per Bahn oder Auto), ohne das Dänemark und Schweden eine gemeinsame Landgrenze haben. Gleichzeitig ist der Kopenhagener Flughafen das Drehkreuz in Skandinavien.
Trotzdem ist die Stadt nicht spektakulär in einem monumentalen Sinn. Die Stadtsilhouette der Innenstadt ist von historischen Bauwerken geprägt und die Türme der Kirchen, von Schloss Christiansborg und des Rathauses ragen heraus. Hochhäuser, welche jedoch die 100m Marke nicht übersteigen, finden sich eher am Rand der Stadt, wo zahlreiche neue Stadtgebiete entstehen, wie zum Beispiel die Ørestad im Süden Kopenhagens. Im Osten der Innenstadt liegt eine weitere Besonderheit, die Freistadt Christiana, eine ehemaliges Marinegelände, was in den 1970er Jahren als alternatives Wohnquartier entdeckt wurde. Noch heute leben die 800 Einwohner auf dem Fleckchen Erde, dass in unabhängiger Verwaltung operiert, sich als vehement anders definiert und auf dessen Straßen so einiges zum Kauf angeboten wird, was überall in Europa sonst maximal in holländischen Coffeeshops erworben werden kann. Kopenhagen mag auf dem ersten Blick vielleicht etwas unspektakulär wirken, aber ganz schnell erkennt man als Besucher die Vielfältigkeit dieser wunderschönen Stadt Skandinaviens, die zwischen Fahrrädern, hohen Preisen, dänischer Freundlichkeit und Toleranz und einem ungeheuren Sinn für eine funktional-ästhetische Stadt einen in seinen Bann zieht und in der man jederzeit merkt, dass diese Stadt eines, wenn vielleicht nicht die Wichtigste aller städtischen Aufgaben erfüllt, lebensfreundlich zu sein.

Cap de Creus

Meer: Mittelmeer | begrenzt Golf de Roses nach Norden | Land/Region: Spanien/Katalonien

Das Cap de Creus (auf Spanisch: Cabo de Creus) ist der östlichste Punkt der iberischen Halbinsel. Es liegt am östlichen Ende der Pyrenäen, wo diese steil ins Mittelmeer fallen. Das Kap liegt am Ende einer nach ihm benannten Halbinsel, die eines der schönsten Flecken Kataloniens ist und bis auf eine Höhe von 670m steigt und rund 10km weit ins Meer hineinragt. Seit 1998 ist die Halbinsel ein geschützter Naturpark.
In diesem Naturpark liegt das Örtchen Cadaqués, ein ehemaliges Fischer- und Weindorf, das heute ein hochpreisiger Urlaubsort ist. Das liegt unter anderem an seinem ehemals bekanntesten Einwohner; Salvador Dalí, dessen Familie hier ein Haus besaß (genauer im Nachbarörtchen Portlligat). So entstand hier eine angesehene Künstlerkolonie in welcher u.a. André Breton, Gabriel García Márques oder auch Marcel Duchamp verweilten.
Von noch größerer Tradition ist das malerisch gelegene Kloster Sant Pere de Rodes, ein ehemaliges Benediktinerkloster, das erstmalig 878 urkundlich erwähnt wurde und dessen Blütezeit im 11. und 12. Jahrhundert lag. Doch schon im 14. Jahrhundert begann sein Niedergang, da es durch seine exponierte Lage immer wieder Gefahren ausgesetzt war, seien es Überfälle, Plünderungen, oder auch nur das teilweise raue Wetter. 1798 siedelten die Benediktiner nach Figueres um (einer rund 15km weiter im Landesinneren gelegenen Stadt, in welcher auch Dalí geboren wurde) und in den folgenden Jahrzehnten verfielen das Bauwerk zu einer Ruine. Heute hat man die Gebäude jedoch wieder für die Besucher freigegeben. Besichtigen kann man die wundervolle Klosterkirche aus dem 11.Jahrhundert, Reste eines doppelstöckigen Kreuzganges oder zwei Türme nach lombardischen Vorbild.
Ganz am Ende der Halbinsel, unweit des eigentlichen Kaps, liegt der Leuchtturm von Creus. Er wurde 1858 eingeweiht und leuchtet 34 Seemeilen weit, wobei er sich 78m über dem Meer erhebt. Früher war neben ihm eine Polizeiwache untergebracht, die mittlerweile aber als Restaurant dient. Auf dem Wanderweg zu Kap und Leuchtturm (dort zu parken, kann im Sommer nicht empfohlen werden) kann man einige reizvolle Badebuchten besuchen. Hier beginnt übrigens auch der Fernwanderweg GR11, die sogenannte Ruta Transpirenaica, die auf rund 820km über die Pyrenäen zum Atlantik führt.

Portbou

Einwohner: 1170 | gehört zur Comarca Alt Emporadá in Katalonien | 170km NO von Barcelona

Ganz am Rande von Spanien, wo die Pyrenäen ins Mittelmeer stürzen, liegt das kleine katalanische Städtchen Portbou an der hier beginnenden Costa Brava. Seit dem Pyrenäenfrieden von 1659 markiert der nächste nördliche Bergpass die Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Damals wurden große Teile von Katalonien an Frankreich gegeben und Portbou begann durch seine neue Grenzlage einige Bedeutung zu erhalten.

Anders als so viele Orte weiter südlich ist der Tourismus in Portbou scheinbar immer nur auf der Durchreise. Der örtliche Badestrand liegt an der Rattenbucht und ist hauptsächlich ein Kieselstrand, allerdings ohne jede Ratte. Das Wetter wird hier noch sehr vom Gebirge geprägt und so lebt der knapp über 1.000 Einwohner zählende Ort heute hauptsächlich vom kleinen Grenzverkehr. Es war diese Grenze der die Gestalt des Ortes ausmacht. Heute ist dies besonders zu sehen am verhältnismäßig übergroßen Bahnhof, der oberhalb der Häuser thront. Schon 1872 wurde eine erste Bahnlinie hier über die Grenze gezogen und zusammen mit Irun, am anderen Ende des Gebirges am Atlantik, lag hier der wichtigste Grenzbahnhof Spaniens mit dem Rest Europas. Als 1929 die Weltausstellung in Barcelona stattfand, wurde der heutige Bahnhof gebaut. In der großen Bahnsteighalle sitzen heute vereinzelte Touristen herum, die auf eine Weiterfahrt nach Barcelona warten, während Grenzpolizisten noch entspannt eine Zigarette rauchen, bevor der nächste Zug einfährt. Überhaupt hat die Bedeutung des Bahnhofes seit der Eröffnung der Hochgeschwindigkeitslinie LGV Perpignan-Figueres im Jahr 2010 nachgelassen. Die meisten Passagiere nutzen nun die schnellen AVEs oder TGVs um zwischen den Mittelmeerküstenstädten zu pendeln.

Was heute so einfach und schnell ist, war noch vor nicht allzu langer Zeit eine schreckliche Demarkationslinie, dessen bekanntestes Opfer der deutsch-jüdische Philosoph Walter Benjamin war. Seit die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an der Macht waren, musste Benjamin sein Land verlassen und lebte fortan in Paris. Nach dem Ausbruch des 2.Weltkrieges zog es ihn weiter südlich, erst nach Lourdes, dann nach Marseille und schließlich im September 1940 an die spanische Grenze. Sein Plan war, über die iberische Halbinsel nach Lissabon zu gelangen und dort über Portugal mit seinem USA-Visum nach Amerika auszureisen. Selbstverständlich war ein einfacher Grenzübertritt zu jener Zeit nicht mehr möglich und das franquistische Spanien war Hitler-Deutschland gewogen. So nahm er Hilfe von der österreichischen Fluchthelferin Lisa Fittko an, welche mit ihm und anderen Flüchtlingen durch die Berge wanderte und nach Portbou gelangte. Diese Passage war für den gesundheitlich angeschlagenen Benjamin nur schwer zu schaffen, trotzdem erreichte er am 26. September 1940 Katalonien. Die spanischen Beamten forderten von ihm hier jedoch ein offizielles Ausreisedokument aus Frankreich, was er natürlich nicht besaß und drohten damit ihn wieder abzuweisen. In der Nacht zum 27. September, nahm Benjamin sich daraufhin das Leben. Die genauen Gründe geben heute noch Anlass zur Spekulation, denn ein Abschiedsbrief an Theodor W. Adorno existiert nur als Diktat an seinen mitflüchtenden Gefährten Henny Gurland. Im 2005 veröffentlichten Dokumentarfilm „Wer tötete Walter Benjamin“ des Argentiniers David Mauas wurde sogar die These aufgestellt, dass sein Tod kein Suizid war. Fest steht, das Portbou in jenen Jahren ein Ort war, der Etappenziel einer Flucht vor den Schrecken des 3.Reichs war. Bedenkt man, dass nur wenige Jahre zuvor viele Spanier versuchten an dieser Stelle ihr Land zu verlassen, da der Bürgerkrieg mit dem Sieg der faschistischen Seite unter Franco endete, kann man nur erahnen, wie viele Schicksale und Tragödien, wie viel Hoffnung und Verzweiflung Menschen durch und über Portbou trieb.
Heute erinnert daran das beeindruckende Kunstwerk „Passagen“ des Israelis Dani Karavan. Das aus mehreren Elementen bestehende Denkmal scheint vom Himmel durch den Fels zum Meer zu führen und referiert Walter Benjamin mit dem Satz „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“ Es entstammt aus Benjamins letzten Aufsatz „Über den Begriff der Geschichte“ (Eine ärgerliche Randnotiz ist es, dass es in den 1990er Jahren eine recht populistische Kritik der Bild-Zeitung und der Neuen Revue gab, welche anprangerten, dass das Projekt von Seiten des Auswärtigen Amtes bezahlt werden sollte, diese Argumentation nahm auch der Bundesrechnungshof auf. Letztendlich bezahlten die deutschen Bundesländer und die Regionalregierung Kataloniens den Bau). Scheinbar entrückt von der Zeit steht das Monument gleich neben dem Friedhof der Stadt, wo Benjamin begraben liegt, hoch über dem Meer. An einem heute so friedlich wirkenden Fleckchen Erde.

Ibiza

Größe: 571,8 km² | Einwohner: 142.065 | 235 Einw./km² | Hauptstadt: Eivissa (49.549 Einwohner) | 3. größte der balearischen Inseln | höchster Punkt: Se Talaia 476m | Küstenlänge: 210km | Klima: Regenmenge: 427mm; Regentage: 45; Sonnenstunden: 2744

Die Marketingstrategen der spanischen Automarke Seat haben sich seit der Einführung ihres ersten Modells 1984 überlegt, ihre Modelle größtenteils nach spanischen Orten zu benennen. Eben jenes erstes Modell war der „Seat Ibiza“ und irgendwann in den späten Neunziger Jahren fuhr ein Freund von mir ein eben solches Gefährt. Ich erinnere mich an eine Fahrt nach Leipzig zu einem Rolling Stones Konzert. So reizvoll diese frühen Auto-Fahrten meines Lebens auch waren, blieb doch auch die Erkenntnis haften, das es einen Ort geben müsste, der Ibiza hieß und den ich irgendwann einmal besuchen könnte, womit die Marketingexperten aus Martorell, wo Seat beheimatet ist, wohl netten Nebeneffekt erzielt haben.

Ibiza ist die größte Insel der Pityusen, der südwestlichen Inselgruppe der Balearen. Geologisch gehören diese noch zu den Betischen Kordilleren (einer Gebirgskette die bis weit nach Andalusien reicht) und waren vor rund 6 Millionen Jahren auch mit diesen über den Landweg verbunden, in einer Zeit allerdings als das Mittelmeer ausgetrocknet war.
Heute sind es die Strände und das blaue Meer, das die Menschen nach Ibiza treibt, denn das Eiland wird von mehreren Millionen Gästen im Jahr besucht. Waren es in den 1970er Jahren noch Hippies, die das Bild Ibizas prägten, so sind es heute vor allem Familien und Menschen auf der Suche nach guten Partys und den oben genannten Stränden. Kaum ein Ort in Europa steht so sehr im Fokus einer eigenen Ausgeh-Szene wie Ibiza. Dazu gehört ein eigener Sound, der in den zahlreichen Radiosendern auf und ab gespielt wird, die es auf Ibiza nur dafür gibt und natürlich die vielen Diskotheken im Süden der Insel, die zu den beliebtesten (und größten) Clubs der Welt zählen. Ibiza ist eine Party-Insel, allerdings des gehobenen Stils. Die Eintrittspreise für Diskos wie „Amnesia“, „Pacha“ (der einzige auch im Winter geöffnete Club, alle anderen nur von Mai bis September) oder „Privilege“ (dem größten Club der Welt, in den Sommernächsten im Juli und August sollen durchschnittlich rund 10.000 Gäste pro Abend im Haus sein) bewegen sich gern zwischen 40€ und 60€, dafür lassen sich dann auch internationale Star-DJs in schöner Regelmäßigkeit hier sehen, so wie der von mir als Teenager vergötterte Sven Väth beispielsweise. Große Anzeigenwände der nächsten großen Partys dominieren die zahlreichen großflächigen Werbetafeln auf der Insel. Doch nicht nur die elektronische Musik, auch das Ausgehen selbst wird in Ibiza zelebriert, die Lounge mit Pool (und Poolbar) sowie einem lokalen DJ, inklusive der Gäste, die ihre gebräunten und für den Urlaub in Form gebrachten Körper in Bademode oder elegantes Weiß gesteckt haben, sind in jeder größeren Ansiedlung zu finden. Und von diesen Orten gibt es eine ganze Menge. Nicht nur hat fast jede, der über 50 Calas (oder auch Badebuchte mit Stränden) einen eigenen Kiosco (einen gehobenen Imbissstand) oder ein Restaurant, sondern an einigen Stränden haben sich ganze Ferienressorts gebildet, die nicht nur für Partygänger, sondern mehr noch für Familien einen beliebten Unterkunftsort darstellen. Und so sind viele Besucher auf Ibiza damit beschäftigt, ins wunderbar blaue Nass des Mittelmeers zu springen (nur auf Formentera und hier hat das Wasser des Mittelmeeres auf den Balearen, dieses wunderbare Blau, das einen glauben lässt, man sitze in einem frisch gefüllten Pool), sich auf den großen Strandtüchern zu bräunen, in den Lounges zu chillen, versonnen den Sonnenuntergang im Cafe del Mar entgegen zu träumen oder sich in den Feiereinrichtungen bis weit in den nächsten Tag zu vergnügen. Doch dabei vergessen nicht wenige (oder sogar fast alle) das Ibiza auch eine abwechslungsreiche und lange Geschichte hat, die man durchaus noch bewundern kann.

Das beginnt schon beim Namen und bei der Sprache, worüber hier noch einige klärende Bemerkungen gemacht werden müssen. Die Einheimischen, die „Evissenc“ sprechen Katalanisch und so heißt die Insel auch bei ihnen „Eivissa“, wie auch deren Hauptstadt. Auf Spanisch hat die Insel den international gebräuchlichen Namen „Ibiza“, weshalb dieser auch für die Insel als ganzes hier verwendet wird, während versucht wird, für alle anderen Orte und Bezeichnungen den katalanischen Begriff zu benutzen.

Doch weit bevor die Katalanen auf die hier her kamen und ihre Sprache mitbrachten, waren es wohl die Phönizier die einen Stützpunkt auf der Insel anlegten. Im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurde – wohl von Kolonisten aus Karthago – ein Dorf an der Felsenbucht Se Caleta erbaut. Einige Jahrzehnte später entschieden sich die Bewohner aber lieber auf einen viel besser geschützten Felsen im Osten der Insel zu ziehen, der heute die Altstadt von Eivissa ist. Damit begann eine lange Geschichte, die in den ersten Jahrhunderten stark von Karthago beeinflusst wurde. 654 v.u.Z. wird „Ibosim“ gegründet. Der Name ist wohl dem karthagischen Gott Bes gewidmet (im Gegensatz zum obersten karthagischen Gott Baal Hamon, übrigens ein weitaus freundlicherer Charakter). So entstand der Begriff IBSM, der als „Insel des Bes“ verstanden werden konnte. Die strategisch günstige Lage (auf die spanische Halbinsel ist es rund 100km, nach Afrika rund 250km) ließen einen prosperierenden Handelsort entstehen und produziert auch bald eigene Waren, hauptsächlich Salz, aus den Salinen im Süden der Insel (welche noch heute betrieben werden). Die Kolonie Ibosim gedieh und bald baute man eine eigene Flotte und kräftige Festungsmauern, welche die Hauptstadt schützen sollten. Die damaligen Einwohner der befestigten Stadt, sollen aus vielen Teilen des Mittelalters gestammt haben und der Ort muss durchaus eine erhebliche Größe gehabt haben, denn er brachte eine beträchtliche Nekropole hervor, eine eigene Stadt für die Toten. Diese ist übrigens heute zu besichtigen am Puig de Molins in Eivissa, der größten bekannten karthagischen Grabfläche die es überhaupt zu sehen gibt. Erst mit dem Auftauchen der Römer im Mittelmeer ändert sich die Situation. Bis zum 3. Jahrhundert v.u.Z. dominieren die Karthager den westlichen Mittelmeerraum, doch die Römer wurden zunehmend stärker und Streitigkeiten mündeten in den drei Punischen Kriegen, die final 146 v.u.Z. endeten, als die Römer die Stadt Karthago vollständig zerstörten. Als ehemalige karthagische Kolonie fällt Ibiza nun an die neuen Herrscher, welche 123 v.u.Z. einen Vertrag mit „Ebusus“ (so wie die Stadt und die Insel in der römischen Antike genannt werden) aushandeln. Dieser sieht den Status einer konförderierten Stadt vor, der eine größere Autonomie für sie regelt. Man durfte eigene Münzen prägen und weiterhin karthagischen Kulten nachgehen. Wirtschaftlich blieb Ibiza ein wichtiges Zentrum, verlor aber nach der Zeitenwende immer mehr von seiner Autonomie und wurde zu einem normalen Teil des Römischen Reiches.

Mit dem Zerfall Roms kamen wechselvolle Zeiten auf Ibiza zu. 425 eroberten die Vandalen die gesamte Insel, 110 Jahre später wurde die Insel Teil des oströmischen Reiches unter Byzanz und nur wenig später sollten die Westgoten die Macht übernehmen. Das änderte sich wieder 711 mit der Eroberung der islamischen Mauren auf der iberischen Halbinsel und den Balearen. „Yabisa“, wie Ort und Insel nun hießen, gehörte erst zu berühmten Kalifat von Cordoba und später zum Taifa von Denia. Nach den eher wechselvollen Jahrhunderten florierte die Insel nun wieder. Die landwirtschaftliche Nutzung wurde in jener Zeit stark vorangetrieben. Doch die Reconquista, die christliche Rückeroberung, die auf dem Festland startete, wurde von der Krone Aragons auch auf den Balearen weiter betrieben und so ist es der Katalane Jaume I. der 1235 Ibiza für die Krone Aragons erobert. Als 1276 das Königreich Mallorca von Jaume II ausgerufen wurde, wurde Ibiza ein Teil dieses neuen Königreiches. Mit den neuen Herrschern zieht eine neue Sprache ein; katalanisch, das noch heute von der Bevölkerung gesprochen wird und damit entstand wiederum ein neuer Inselname: „Eivissa“. Die Insel wurde in vier Quartóns (daher: Viertel) aufgeteilt, welche jeweils eine eigene Kirche bekamen. Nur die Kathedrale in Eivissas Oberstadt thront(e) in mehrfacher Hinsicht über allen hinweg. Die eigenständigen Herrscher des Königreiches Mallorca wurden 1344 wieder unter die Krone Aragons gestellt, deren Institutionen jedoch blieben bis zum spanischen Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert bestehen. Als 1469 die Kronen von Aragon und Kastilien vereinigt wurden, wird auch Ibiza Teil des neu entstehenden Spaniens. Durch die spanischen Eroberungen in Amerika geriet jedoch die Mittelmeerregion aus dem Blickfeld des Interesses und ein stetiger Niedergang setzte ein. Währenddessen eroberten mehr und mehr Piraten das Mittelmeer und plünderten immer wieder Ibiza, wie auch deren kleine Nachbarinsel Formentera, die bald schon keine Einwohner mehr hatte, auch weil die Piraten, die Einwohner versklavten und anderswo verkauften. 1556 wurde mit dem Bau der riesigen Festungsmauern in Eivissa begonnen, der die Oberstadt schützen sollte. Nicht verschwiegen werden darf an dieser Stelle jedoch auch, das es auch Ibizenker waren, die sich als Piraten im westlichen Mittelmeer einen zweifelhaften Ruf verdienten. Viele von ihnen wurden aber fast schon durch die Umstände dazu gezwungen, denn einerseits wurden die restlichen Mauren aus ganz Spanien vertrieben und mit ihnen jede verlor man jede Menge an Wissen, das katastrophale Folgen hatte für die wirtschaftliche Entwicklung, andererseits errichtete die Inquisition eine Schreckensherrschaft, die fast schon willkürlich Menschen verfolgte.
Der spanische Erbfolgekrieg bis 1715 ändert auch in Ibiza die administrative Stellung der Insel im Verhältnis zum neuen zentralistisch-geführten Staat Spanien. Die Selbstverwaltung der Inseln wurde ebenso abgeschafft, wie die kollektive Nutzbarkeit der Salinen, die seit langer Zeit der Allgemeinheit zur Verfügung stand. Diese gehören nun dem spanischen Staat, was die Einheimischen natürlich nicht erfreute. Ebenso wurde die spanische Sprache offiziell eingeführt und das Katalanische verdrängt, aus Eivissa wurde Ibiza. 1782 allerdings bekommt Ibiza einen eigenes Bistum (vorher gehörte es zu Tarragona) zugesprochen, dass nun für die ganzen Pityusen zuständig ist. Das 19. Jahrhundert, das auf der iberischen Halbinsel durch innenpolitische Auseinandersetzungen insbesondere in den Karlistenkriegen geprägt war, lässt auch auf Ibiza keinen wirtschaftlichen Aufschwung zu und das Eiland stagniert vor sich hin. Ganz im Gegenteil, 1871 verkaufte der Staat die Salinen an private Investoren, doch die Not wurde immer größer, so dass sich einige Ibizenker dazu entschieden, die Insel für immer zu verlassen und nach Amerika zu gehen. Erst mit der Jahrhundertwende kehrte ein langsam einsetzender Wohlstand zurück. Ab den 1920er Jahren entdeckten die ersten Gäste die Insel und 1934 eröffnete das erste Hotel Ibizas. Nach dem spanischen Bürgerkrieg und der Machtübernahme des Franco-Regimes, insbesondere ab den 1950er Jahren setzten die neuen Autoritäten verstärkt auf den Ausbau des Tourismus. Dieser beginnt erst auf dem iberischen Festland, während auf Ibiza ab den 1960er Jahren die Hippies Einzug hielten. So wurde ab 1970 die Insel ein Paradies für Menschen jener freiheitsliebenden und offenen Bewegung (das diese sich dabei in einem Staat aufhielten der immer noch autoritär geführt wurde, schien nur wenige zu stören). Mit ihnen kamen für die Insulaner vollkommen unbekannte Phänomene, wie der Konsum bewusstseinserweiternder Stimulanzen oder das unbekleidete Bad im Meer. Der Mythos von der magischen Insel bildete sich heraus, der heute zwar kaum noch zu finden ist, aber dessen Image immer noch gepflegt wird, wie auf den Hippie-Märkten, dessen Größter jeden Mittwoch in Es Canar abgehalten wird. Mit den ersten internationalen Flugverbindungen vom Flughafen Ibiza aus kam ab 1966 auch langsam der Massentourismus in Fahrt und schon ab 1970 bot Neckermann Pauschalreisen auf die Insel an.
Dies veränderte das Aussehen der Insel zutiefst. Zwar wuchsen auf Ibiza keine Hochhäuser in den Himmel, aber zahlreiche Buchten und die Orte Eivissa und Sant Antoni werden von ausschweifenden Hotelanlagen in Meerlage bis heute immer mehr vereinnahmt. Während sich in Mallorca, insbesondere in Magaluf und El Arenal, Touristenhorden in Saufgelagen am Strand hingeben, bleibt es in Ibiza jedoch beim eher gediegeneren und zahlungskräftigen Publikum, das hier einen eigenen Stil entwickelte, der eine gewisse Eleganz mit Feiern, Ausgehen und Party verbindet. Ibiza ist aber auch ein Hotspot für Familienurlaube geworden, die sich in den Hotelanlagen bester Unterhaltung bedienen können und das glasklare und im Sommer sehr angenehm temperierte Meereswasser genießen. Die größte Urlaubergruppe der Touristen auf Ibiza sind übrigens die Briten, die in Sant Antoni übrigens ein eigenes „West End“ Pubviertel haben, was nicht überall den besten Ruf genießt, erst danach kommen Spanier und Deutsche (die dafür aber Mallorca ihre Badetücher mehrheitlich auf den Strand platzieren). Die Reize der Insel haben auf Ibiza dann auch zu einem massiven Bevölkerungswachstum geführt, waren es anfangs Festlandsspanier, die hier einen Job in der Tourismusindustrie fanden, so sind es seit den 1990er Jahren vermehrt andere Europäer, welche die Insel zu ihrer neuen Heimat mach(t)en. Gab es 1960 auf Ibiza rund 35.000 Einwohner, sind 2016 bereits 142.056 gewesen, bei einem für spanische Verhältnisse sehr hohen Ausländeranteil von fast 30%.

Und so bietet Ibiza heute tatsächlich für viele Reisende eine ganze Menge. Hier ist man richtig wenn man die besten (und vielleicht auch teuersten) Clubs der Welt für elektronische Musik sucht, oder wenn man traumhafte Buchten mit kristallklaren Wasser haben möchte, und natürlich auch wenn man einen Blick auf eine geschichtsträchtige Insel sucht, welcher bis weit in die Antike reicht. Man sieht eine Insel, die nicht nur wegen ihrer biologischen Vielfalt, sondern auch wegen der historischen Anlagen 1999 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde. Wenn man dabei die Monate Juli und August vermeidet, ist Ibiza dabei noch nicht mal überfüllt.

Der Platz

Einführung | Der öffentliche Raum | Die Lage des öffentlichen Raumes | Die Größe des Platzes | Die Klassifikation von Plätzen | Der öffentliche Raum heute – zwischen Designerplätzen, Verkehrsinseln und Malls

Einführung

Eines der wichtigsten Elemente in Siedlungen und Städten sind Plätze, also Orte an dem Bauwerke Raum für das öffentliche Leben geben, wo sich Menschen unter freien Himmel treffen und interagieren können. Es sind Plätze, die so etwas wie den bürgerlichen Mittelpunkt einer Stadt ausmachen, den Brennpunkt des Lebens, den Schauplatz des Sozialen. Gern bezeichnet man auch den Platz, als gute Stuben der Stadt. Sie werden von vielen Städten als repräsentative Orte dargestellt, der ein (gelungenes) Abbild oder besser Schaubild der Stadt darstellt, so wie der Theaterplatz in Dresden, der Französische Platz in Berlin oder der Plaza Major in Madrid. Doch Plätze müssen bei weitem nicht immer repräsentativ oder schön sein, sie können ebenso verschmutzt, dreckig und doch voller Geschehnisse, voller Leben sein. Große Geschichte kann auf Plätzen geschrieben werden, Revolutionen beginnen oder Republiken ausgerufen werden. Auf Plätzen kann öffentlich gespielt werden, Paraden abgehalten oder Markt betrieben werden. Plätze können ganz unterschiedlicher Formen haben (rechteckig, dreieckig, rund…), ebenfalls können die Inhalte des urbanen Lebens auf Plätzen und ihre Verwendung große Unterschiedlichkeiten aufweisen. Plätze sind wichtige Elemente in der Stadt, auf den nächsten Zeilen sollen daher städtische Plätze etwas näher untersucht werden.

Etymologisch geht das deutsche Wort „Platz“ auf das griechische Wort „plateĩa“ zurück, das man als „breiter Weg, Straße oder öffentliche Fläche in der Stadt“ ansah. Tatsächlich ist der städtische Platz ohne den öffentlichen Raum nicht denkbar, weshalb als erstes kurz abgeklärt werden muss, was darunter verstanden werden kann.

Der öffentliche Raum

Der öffentliche Raum ist der Ort gesellschaftlichen Austausches. Er ist der absichtsvoll errichtete Schauplatz für die Rituale und Interaktionen einer städtischen Gemeinschaft. Der Bürger verlässt sein Haus, um Andere im öffentlichen Raum zu treffen. Was seit Menschengedenken verankertes soziales Verhalten ist, verändert sich zwar in den letzten Jahren und Jahrzehnten mit hoher Geschwindigkeit, ist aber immer noch ein Schlüsselfaktor des Lebens in der Stadt (und wird es hoffentlich auch bleiben, wenn mir dieser kleine Wunsch an dieser Stelle gestattet sein darf). Hier – außerhalb der privaten Mauern des individuellen Daseins – kann man nicht nur andere Menschen treffen, sondern hier können ebenso Gemeinschaften ritualisierten Handlungen nachgehen (die Frage, in wie fern virtueller, öffentlicher Raum heute von Bedeutung ist, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden). Hier treffen sich Menschen beispielsweise, um gemeinsame Absichten und politische Veränderungen in Demonstrationen kundtun, hier kann der Staat machtvoll seine Schutzmacht für (und gelegentlich auch gegen) die eigene Bevölkerung demonstrieren, indem er beispielsweise Paraden abhält oder Volksfeste organisiert. Es geht im öffentlichen Raum also um Sinn- und Gemeinschaftsstiftung für die städtische Bevölkerung, auch wenn es durchaus unterschiedliche Sinnstiftungen für die verschiedenen Benutzer des öffentlichen Raumes geben kann (da Plätze historisch ganz unterschiedlich genutzt werden können).

Der Platz im öffentlichen Raum

Der Platz in der Stadt wiederum bietet nun genau das, was er aussagt, er bietet Platz für das öffentliche Leben und somit ist er immer auch ein Ausdruck über das Leben der Menschen. Die Rolle des Platzes in der Stadt ist damit eine Besondere, wenn man die Stadt nicht nur als Verdichtung von bewohnter Fläche betrachtet, sondern (eben auch) als eine besondere Form menschlichen Zusammenlebens. In den spanischen Gesetzen, die zum Aufbau neuer Siedlungen in Amerika ausgearbeitet wurden, den sogenannten „Las Indias“, heißt es deshalb auch, der zu errichtende Hauptplatz soll Ausgangspunkt der neuen Stadt sein. Tatsächlich wurde – wie beispielsweise in Buenos Aires – zuerst ein Platz angelegt und von diesem die Straßen weggeführt. Hier trafen sich später die Bürger der Stadt, die „Porteňos“ von Buenos Aires, und machten ganz maßgeblich Geschichte, aber hier zeigt auch der Staat, wer die Ordnungsmacht besitzt, sei es vor langer Zeit mit dem Bau einer spanischen Burg, oder heute mit dem Bau der „Casa Rosada“, dem Sitz des argentinischen Präsidenten.
Ein Platz hat deshalb auch immer eine symbolische Bedeutung. So ist der Platz nie zu denken, ohne die an ihn angrenzenden oder sogar auf ihm errichteten Architekturen, die in begrenzen, oder ab auf ihm stehen. Statuen der Könige sind nicht unüblich auf Plätzen, um darauf zu verweisen, wer die Macht in letzter Instanz an diesem Ort hat bzw. hatte. Gleichzeitig können Plätze aber auch Schauplätze sein, wo diese Machtansprüche immer wieder in Frage gestellt werden, zumeist von einer größeren Menschenmenge, so wie im Herbst 1989 auf dem Wenzelsplatz in Prag, um nur ein Beispiel von Vielen zu wählen.
Der Platz als städtischer Versammlungsort, ist historisch zuerst in oder bei sakralen Orten zu finden. Teilweise konnten diesem Ort aber auch nicht sakrale Funktionen zufallen. In den Höfen und Vorräumen des städtischen Gotteshauses konnte Markt gehalten werden, Streitereien geklärt oder Unterricht gegebene werden. Der öffentliche Raum wurde damit zu einem Zentrum des bürgerlichen Stadtlebens.

Plätze in islamischen Orten

Doch nicht jeder durfte diese öffentlichen Räume benutzen; Frauen beispielsweise wurde der Zugang zum römischen Forum zwar nicht verwehrt, aber er galt als unsittlich. Gleiches galt für islamische Städte und ihre öffentlichen Räume. Hier waren freie Plätze, wo sich die städtische Gemeinschaft traf nicht vorhanden. Die Gemeinschaft, die „umma“, versammelte sich in der Moschee zum Gebet und auch zur Besprechung von öffentlichen Angelegenheiten. Plätze waren so etwas wie Vorhöfe von größeren Gebäuden, sogenannte „maidans“. Solche kleinen Plätze konnten sich verketten und ganze Stadtstrukturen prägen, wie sie beispielsweise heute noch in den aus maurischer Zeit geprägten Altstädten von Sevilla oder València zu finden sind. Große Plätze waren in islamischen Städten nicht vorgesehen. So wurden häufig die ehemaligen Flächen römischer Foren für den Bau einer Moschee verwendet. Märkte, die bis dato an diesen Orten abgehalten wurden, wurden verlagert, zumeist an den Stadtrand, wo die Gemüsegärten standen, was infrastrukturell durchaus Sinn machte.

Plätze im christlichen Mittelalter

Das christliche Mittelalter in Europa besticht durch seine einflussreichen Klöster und diese hatten auf die Gestaltung der Plätze einen Einfluss und eine ambivalente Geschichte, denn zum einen waren Klöster nicht öffentliche Einrichtungen, hatten aber durchaus ein öffentliches Atrium, das offen stand. Gerade Orden, die sich intensiv mit dem weltlichen Leben beschäftigten, versahen ihren Kirchenbereich mit zusätzlichen Plätzen, um unter freien Himmel für weite Teile der Bevölkerung predigen zu können. Später konnten diese Plätze auch für nicht religiöse Aufgaben genutzt werden. In Siedlungen, die von kirchlichen Orden gegründet wurden, waren diese Plätze später die Hauptplätze des Ortes.

Die Lage des öffentlichen Raumes

Der Platz kann im Laufe der Stadtgeschichte unterschiedliche Funktionen annehmen, welche nicht immer absichtsvoll bestimmt wurden, sondern sich manchmal eher zufällig ergeben konnten. Repräsentative Stadtplätze beispielsweise können erst am Stadtrand liegen und relativ bedeutungslos sein, später aber die wichtigsten Punkte der Stadt markieren (den sogenannten Hauptplatz, wobei große Städte davon gern mehrere haben können, oder es nicht vollkommen klar ist, welcher nun der Bedeutendste ist). So wie beispielsweise die Puerta del Sol in Madrid, die erst am östlichen Stadtrand lag, heute aber den Mittelpunkt der Stadt und sogar ganz Spaniens symbolisiert (tatsächlich befindet sich hier der sogenannte Kilometer 0, der Ausgangspunkt der spanischen Fernstraßen). So kann ein Haupttreffpunkt der Stadt festgelegt und in der Zeit beständig sein, wie der Plaza de Mayo in Buenos Aires, oder sich eben ändern, wie die Puerta del Sol in Madrid. Diese erinnert schon mit ihrem Namen an das ehemalige Stadtor (puerta), das nach Osten zur Sonne (sol) bzw. zum Sonnenaufgang schaute. In Madrid wurde dieses Tor 1570 geschleift, doch schon vorher bildet sich ein größerer Platz auf der städtischen Seite. Als schließlich die „Calle Mayor“ (die „Hauptstraße“) entstand und zu einem Paseo wurde, also zu einer Straße wo man entlang ging oder fuhr, um sehen und gesehen zu werden, diente Sol als Kutschenwendeplatz und wurde immer mehr zum Verkehrsnervenzentrum der Stadt Madrid. Für den Autoverkehr hat Sol heute allerdings keine Bedeutung mehr, aber für den Fußweg durchs Madrids Innenstadt ist er der absolute Mittelpunkt, ebenso für den Nahverkehr, halten hier doch drei U-Bahn Linien und die S-Bahn Cercanias (allesamt unter dem Platz). Und so entwickelte sich die Puerta del Sol zum mit Abstand lebendigsten Platz der Stadt, der immer etwas in Konkurrenz zum repräsentativen Plaza Major stand, welcher wiederum die bewusst angelegte und gestalteten Mitte Madrids sein sollte, die man aber tatsächlich leicht übersehen kann.
Das große und bedeutende Plätze am Stadtrand zu finden sind, ist historisch also nichts Ungewöhnliches. Turnierplätze oder Märkte konnten vor den Stadtmauern liegen, aber innerhalb der nächsten Stadtvergrößerung in das Stadtgebiet eingehen, der Neumarkt Dresdens vor der Frauenkirche gehörte Jahrhundertelang nicht zur Stadt (und ist heute das touristische Zentrum). Ähnlich verhielt es sich in der islamischen Welt, hier diente die musalla, ein Feld vor der medina (der Altstadt) als Versammlungsort oder auch als Exerzier- oder Hinrichtungsplatz. In vielen spanischen Städten lag die „Plaza Mayor“ anfangs außerhalb der Stadtmauern und wurden als Stierkampfplatz oder Ort öffentlicher Versammlungen genutzt. Später, als diese Plätze zur Stadt hinzugefügt wurden, fehlte ihnen dann oftmals das religiöse Element, denn eine Kirche stand (und steht) nur selten auf dem Plaza Major. Selbst in den schon angesprochenen Gesetzen für „Las Indias“ wurde festgeschrieben, dass die Kirche einer neuen Siedlung zwar im Zentrum der Stadt liegen solle, aber nicht direkt am neu zu errichteten Hauptplatz (bedenkt man das diese Gesetze in einem Staat gemacht wurde, der zur damaligen Zeitpunkt die schlimme Maschinerie der Inquisition am Laufen ließ, ist dies schon erstaunlich). Auf dem Hauptplatz sollte der „cabildo“ stehen, sas Haus in dem der Stadtrat sitzt und das auch als Zollhaus dienen konnte.
Die Anlage eines städtischen Hauptplatz wurde bestimmt von seiner zweckmäßigen Lage und des Verkehrs, den er zu bewältigen hatte. So besitzen Hafenstädte gern ihren Hauptplatz in der Nähe des Wassers, wie in Lissabon der Praça de Comércio, der nicht in der Mitte der Altstadt, sondern am Flussufer liegt. In antiken griechischen Städten konnte die Agora nahe am Meer liegen und hatte dann etliche Funktion; sowohl Marktplatz, als auch Versammlungsort der politischen Klasse (daher der freien Männer) zu sein. Jedoch konnte dies durchaus auch an zwei unterschiedlichen Plätzen stattfinden. In Städten mit Residenzen war der Platz vor dem Schloss zumeist ein repräsentativer Hauptplatz. Sie waren Wahrzeichen der Herrschaft, konnten aber im Notfall auch als Verteidigungsgelände gegen den rebellierenden Mob genutzt werden.
In der Renaissance und im Barock wurde viel Wert darauf gelegt, die Anlage eines Platzes in einen Gesamtentwurf der Stadt einzubauen. In neugebauten Stadtteilen wurden Kompositionsregeln angewendet, um Plätze in Sichtachsen einzubeziehen oder als ihre Ausgangspunkte zu verwenden. Ziel war eine Idealstadt nach ästhetischen Gesichtspunkten. In diesen Plänen tauchten zentrale Plätze auf mit symmetrisch angeordneten Nebenplätzen. Dabei können die Plätze eine reiche Gestalt an geometrischen Formen haben. Denkmäler konnten in ihrer Mitte aufgestellt, um die optische Wirkung mit den abgehenden Straßenzügen zu verstärken.

Die Größe des Platzes

Wie groß ein Platz werden soll, daher welche Fläche er einnimmt, ist eine Frage die sich zumeist nur in neugeplanten Siedlungen stellt, da in vorhandenen Orten enge Grenzen der bereits vorhandenen Bausubstanz vorhanden sind. In den schon erwähnten spanischen Gesetzen, den „Las Indias“, dem Leitfaden für den Bau neuer Städte in Südamerika, wurde bemerkt, dass der Platz im Verhältnis zur zukünftigen Größe und dem Wachstum der Stadt stehen soll (heute – Jahrhunderte später – merken wir wie angenehm naiv die Vorstellung ist ein städtisches Wachstum zum Gründungsdatum abschätzen zu wollen). Soll der Platz beispielsweise einmal als Exerzierplatz genutzt werden, muss er verhältnismäßig groß angelegt werden, um den entsprechenden militärischen Garden Raum zu bieten. Auch andere Überlegungen spielten eine Rolle. Nach dem Erdbeben von 1693 schlugen z.B. die Behörden von Catania vor, einen zentralen Platz zu errichten, wo die gesamte Bevölkerung sicher lagern könne, im Falle einer erneuten Katastrophe.
Daran anschließend kam es zu Fragen, wie die Größe in eine Form gegossen werden sollte. Schon der Renaissance-Denker Leon Battista Alberti, einer der ersten Architekturtheoretiker überhaupt, gab Ratschläge für die ästhetisch anspruchsvolle Umsetzung eines Platzes. Er sieht einen doppelt so lang, wie breiten Platz als grundsätzlich erstrebenswert an, allerdings immer unter der Maßgabe, welche Gebäude an ihn grenzen, daher wie hoch diese Bauten sind. „Die richtige Höhe für Bauten um einen Platz ist ein Drittel oder zumindest ein Sechstel der Breite der unbebauten Fläche.“ (aus Kostoff S. 137).
Besonders mit den Stadterweiterungen, die durch die massive Urbanisierung der europäischen Städte im 19. Jahrhundert vorangetrieben wurden, waren neue Platzdimensionen denkbar, die aber schon Zeitgenossen zu massiver Kritik veranlassten. Der Wiener Camilo Sitte beispielsweise fand in der neu angelegten Ringstraßenarchitektur seiner Stadt mit seinen riesigen Freiflächen (wie beispielsweise dem Heldenplatz) nur noch Vakuum wieder ohne eigenes Leben.
Sitte kritisierte ebenso die Freilegung bedeutender Gebäude im Stadtraum, das heißt das Herausheben von Bauwerken, durch vor ihnen erlangte Freiflächen. Kirchen beispielsweise sollten aus ihrem Umfeld herausstechen, dafür konnte auch der darum herum liegende Raum verändert werden (was im Grunde nichts anders heißt, als das die Häuser die stören, abgerissen wurden). Es entstanden vielerlei Plätze, um besondere Gebäude herum, um diese im Stadtraum zu inszenieren. In diesem Zusammenhang steht auch die radikale Umgestaltung von Paris unter Baron Hausmann, der neue Alleen als Sichtachsen durch die Stadt führte und so das mittelalterliche Paris, mit seinen engen Gassen abreisen ließ. Besonders gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die Beleibtheit der Freilegungsbewegung einen Höhepunkt, der sich danach aber langsam erwachender Kritik (auch eben jener von Sitte) erwehren musste. Lediglich in den Zeiten der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts kamen nochmals monumentale Freilegungsgedanken zur Geltung, die Raum schaffen wollten für eine ins radikal Monumentale gewandelten Idee einer Massenvolksgemeinschaft, welche einer koordinierten Führung unterliegt (siehe so beispielsweise in den Plänen zur neuen Reichshauptstadt Germania oder beim Reichsparteitagsgelände in Nürnberg).

Die Klassifikation von Plätzen

Das Einordnen von Plätzen kann anhand von zwei entscheidenden Kriterien geschehen, zum einen die Form des Platzes und zum anderen seine Funktion. Gleiche Funktionen können ganz unterschiedliche Platzformen annehmen (ein Marktplatz kann auf einem runden, dreieckigen oder rechteckigen Grundriss liegen). Plätze können gleichfalls, obwohl räumlich gleichbleibend, im Laufe ihrer Geschichte neue und veränderte Nutzungsfunktionen bekommen. Je unspezifischer die Form eines Platzes ist, desto reichhaltigeren Zwecken kann er unterliegen. Unspezifische Formen erhöhen daher die Nutzungsmöglichkeiten. Auf den Plaza Majores in Spanien beispielsweise, gab es zumeist keine Denkmäler (wie auf Frankreichs Königsplätzen) oder Grünanlagen (wie auf englischen Plätzen), so dass sie für Märkte ebenso wie für Hinrichtungen, Feste oder Stierkämpfe Platz boten.
Klassifizierungsversuche von Plätzen stammen zumeist von Architekten oder Stadtplanern. Eine immer noch bemerkenswerte Arbeit stammt von Joseph Stübben, welche er in seinem Lehrbuch „Der Städtebau“ (1890) veröffentlichte. Er unterscheidet Straßenplätze bzw. Kreuzungen, Nutzplätze (zum Markttreiben, für Feste etc.), Schmuckplätze (beispielsweise mit parkähnlicher Anlage darauf) und architektonische Plätze, welche wiederum in Vorplätze wichtiger Bauwerke, bebauter Platz (von freistehenden Gebäuden beherrscht), Denkmalplatz oder umbauter Platz unterschieden werden können. Eine andere Klassifikation bietet Rob Krier in seinem Werk „Stadtraum in Theorie und Praxis“ (1975) an, wobei er geometrische Typen unterscheidet und in drei Hauptgruppen teilt: rechteckige, kreisförmige und dreieckige Plätze. Ob diese Plätze organisch im Laufe der historischen Stadtentwicklung gewachsen sind, oder geplant und angelegt wurden, unterscheidet Krier nicht.

Die Formen von Plätzen

Spiro Kostofs Klassifikationssystem der Plätzen, welches er in seinem Buch „Die Anatomie der Stadt“ (1991) vorlegt und an dem sich dieser Artikel orientiert, soll etwas näher beschrieben werden. Plätze werden hier als erstes nach Formen aufteilt. Dabei betont Kostof, das regelmäßige geometrische Plätze nur bei Stadterweiterungen vorkommen, während bei historische gewachsenen Plätzen, die er „organisch“ nennt, die Form des Platzes in ein historisches Ensemble quasi hineingewachsen ist. Bei Plätzen in mittelalterlichen Städten beispielsweise war deren Form zumeist geprägt von den altertümlichen Verkehrswegen, die im Regelfall älter waren als die Plätze selbst, als auch von der Dichte der angrenzenden Nachbarschaften. Dreieckige Plätze entstanden oft, wenn zwei oder gar drei Landstraßen aufeinander trafen. Ein neu angelegter Barockplatz jedoch folgt lediglich der Theorie der Gestaltung, welche die äußere Gestalt nur nach ästhetischen Ansprüchen regelt. Die folgende Tabelle gibt einen groben Überblick:

Das Dreieck

Ein dreieckiger Platz besteht fast immer aus einer historisch gewachsenen Vergrößerung einer Kreuzung, die zum Anlegen von Märkten benutzt wurde, weshalb solche Plätze auch oft in mittelalterlichen Städten auffindbar waren (und sind). Eine geometrisch reine Form ist selten und zumeist nur bei extra so angelegten Plätzen, wie dem Place Dauphine in Paris aufzufinden.

Das Trapez

Die Form des Trapez kommt besonders in der italienischen Renaissance vor, bei dieser Form ist es zumeist ein bedeutendes Bauwerk, das mit seiner Fassade in einem dreieckigen Platz hineindrängt.

Das Rechteck

Ein rechteckiger Platz ist einer der häufigsten anzutreffendsten Formen. Mit dieser Formgebung ist es möglich, dass bedeutendste Bauwerk des Platzes gut in die Sichtachsen einzusetzen. Wirklich quadratische Plätze sind eher selten. Sie können beispielsweise entstehen, wenn eine Stadt gitterförmig angelegt ist und man ein Quadrat als Hauptplatz frei lässt.

L-förmige Plätze

Wenn zwei benachbarte rechteckige Plätze zusammengeführt werden können L-förmige Plätze entstehen, oder wenn ein besonderes Bauwerk von zwei Seiten sichtbar gemacht werden soll. Der Winkel des Platzes wird hier zum kritischen Punkt für den ästhetischen Eindruck des Platzes.

Kreis und Ellipse

Die Antike kannte kaum kreisförmige Plätze. Ellipsenartige Plätze wurden im Mittelalter angelegt und sind dann meist Überreste eines ehemaligen römischen Amphitheaters, dessen Zuschauerränge bebaut wurden und wo die Bühne als Platz übrig blieb. Auch auf spanischen Plaza Majores können ellipsenartige Plätze gefunden werden, wie in der kleinen Stadt Chinchón, da diese Plätze gleichzeitig für Freilichtaufführungen oder Stierkämpfe genutzt wurden. In der Renaissance wurden geschwungene Bauformen im Hochbau aus der Antike wiederentdeckt. Ende des 17. Jahrhunderts entstand mit dem Place de Victoires in Paris der erste Platz in Kreisform. Die Kreisform findet sich natürlich auch im Kreisverkehr wieder. Dieser entstand historisch aus der Landschaftsarchitektur und kommt vom französischen rond-point, eine kreisförmige Lichtung mit runder Grasfläche. In England tauchte die Kreis-Form als circus auf, erstmals in Bath, der eine bewusste Nachahmung des Amphitheaters war. Später wurden damit aber auch große und abgerundete Kreuzungen bezeichnet. Im Neoklassizismus kam es erneut zu einem Aufleben vom kreisförmigen Plätzen.

Der Halbkreis

Der Halbkreis entstand aus einer eingebuchteten Platzform vor einem bedeutenden Gebäude, wie z. B. einer Kirche. Er diente dazu die Straße vor dem Bauwerk zu verbreitern und seiner Fassade mehr Wirkung zu geben. Später ergeben sich daraus drei Formen von Halbkreisen:
Im offenen Halbkreis ist eine Seite des Platzes geöffnet und lässt die Perspektive auf den Raum zu. Der geschlossene Halbkreis ist so etwas wie der soeben erwähnte Vorplatz, der sanft geschwungen eine Ausbuchtung des Raumes vornimmt. Führt von dieser Einbuchtung eine Straße weg, so erhält man ein Mittelding aus offenen und geschlossenen Halbkreisplatz. Diese Form war Funktional für den Platz vor dem Stadttor relevant, wo man Besucher empfangen konnte und sie gleichzeitig in die Innenstadt weiterleitete. Der englische crescent ist eher halbmondförmig (wie in Bath) und wurde in Großbritannien zum einem sehr beliebten Mittel der Stadtgestaltung. In der Moderne kommt ebenso die Halbkreisform zum Tragen, am eindrucksvollsten in der Hufeisensiedlung von Bruno Taut in Berlin.

Plätze und ihre Funktionen

Neben der Betonung der Form der Plätze, können diese gleichfalls nach ihrer Nutzung unterschieden werden. Bei diesem Punkt konzentriert man sich mehr auf die Geschichte einer Stadt. Bereits vorher hatten wir erwähnt, dass Stadtplätze durchaus unterschiedliche Nutzungsformen haben und diese sich gleichfalls im Laufe der Stadt verändern können. In Anlehnung an Kostof können daher unterschiedliche Funktionstypen von Plätzen klassifiziert werden, jedoch sind diese eben nicht „eingebrannt“ im Platz und für alle Zeit vorgegeben, sondern durchaus veränderbar.

Das Bürgerforum. Es gibt zwei Hauptnutzungsformen von öffentlichen Räumen in der Stadt; zum einen als Markt und zum anderen als Bürgerforum. Man kann davon ausgehen, dass beide Formen anfangs durchaus auf dem gleichen Platz abgehalten wurden. Erst als die Stadt sich vergrößerte, wurde eine Trennung von beiden Funktionen vorgenommen.
Das Bürgerforum ist ein „Ort zur Erledigung öffentlicher Angelegenheiten und zur Präsentation der Insignien der jeweiligen Macht“ (Kostoff S. 153). Dieser Funktionstyp ist nicht überall auf der Welt zu finden. Im chinesischen Reich fehlt er vollkommen und auch in mittelalterlichen Städten in Europa, konnten die öffentlichen Verhandlungen und auch die Märkte durchaus auch nur auf der Hauptstraße abgehalten werden. Das historische Vorbild für das Bürgerforum ist natürlich die griechische Agora. Auf ihr wurde erstmals in der Geschichte, auf einem freien öffentlichen Platz, gemeinsam politische Macht ausgeübt. Wenn eine neue Kolonie gegründet werden sollte, so wurde dort als erstes die Agora und der Tempel geplant. Die Schutzgötter der Agora sind die des Redens und genau das stand daher ursächlich im Mittelpunkt dieses städtischen Platzes, das Reden. Es geht auf der Agora um die politische Rede, welche Entscheidungen für die Stadt beredet, nicht um eine gewerbliche Marktfunktion in welchem Lebensmittel verkauft werden. Als die Selbstverwaltung der griechischen Stadt später zerfällt, so verliert auch die Agora ihre Bedeutung und kann architektonisch umgebaut oder gar wegrationalisiert werden. Die Idee jedoch zieht historisch weiter und so nimmt sich das römische Forum dieser an, erweitert es aber. Hier werden nun bürgerliche Belange besprochen, religiöse Zusammenkünfte abgehalten oder Markt betrieben. Für den regulären Marktbetrieb lag zumeist das Haus der Maße und Gewichte, die mensa ponderaria, am Forum, um dem Markttreiben ein regelgeleitete Grundlage zu geben. Gleichzeitig gaben auf dem Platz die Meister der Rhetorik Unterricht. Die Rechtsprechung wurde ebenso auf dem Forum erledigt, wie auch Lobreden auf den städtischen Führer gehalten oder Jungen in das Erwachsenenalter mit dem Brauch der toga virilis eingeführt wurden. In republikanischen Zeiten wurden Spiele auf dem Forum veranstaltet, später Gedenk- oder Mahnmäler aufgestellt, um der glorreichen Geschichte der Stadt und seiner Herrscher zu erinnern.
Im Mittelalter, mit der Genese der italienischen Stadtstaaten, sollte das Bürgerforum wieder eine wichtige Rolle spielen und entstand ab dem 12. Jahrhundert erneut, nachdem es in den Zeiten der Völkerwanderungen und des frühen Mittelalters keine Rolle spielte. Allerdings nun unter etwas neuen Vorzeichen, denn während in der Antike Religion und politische Handlungen noch auf ein und demselben Platz stattfinden konnten, wurde jetzt auf Grund der Mächtigkeit der Institution Kirche eine räumliche Trennung vorgenommen. In den Städten gab damit den Domplatz und einen separaten Rathausplatz, auch wenn diese direkte Nachbarn sein konnten, waren es doch zwei separate Plätze. Später, ab dem 14. Jahrhundert, erfolgte eine weitere Veränderung mit dem Aufkommen von mächtigen politischen Dynastien, welche Piazzas ausgestalten ließen, die der Herrschaft des Fürsten verbunden waren. Diese Piazzas waren übersichtlich gestaltet und nicht darauf angelegt bürgerliche Belange zu erledigen, sondern mit prunkvollen Rahmen dem Monarchen zu huldigen.
Mit dem Einsetzen von demokratischen Bewegungen ab dem 19. Jahrhundert verteilten sich die Energien des Bürgerforums auf unterschiedliche Plätze der ständig wachsenden Städte. Neue Bürokratien, wie Gerichtspaläste bekamen Vorplätze, ebenso kulturelle Einrichtungen, wie beispielsweise die Oper (ein wunderschönes Beispiel ist der Dresdner Theaterplatz). Sehr eindrucksvoll ist das an der platzartigen Architektur der Wiener Ringstraße zu sehen, wo sich die wichtigsten Einrichtungen des Staates auf monumentaler Fläche aneinanderreihen.

Die place d’armes
. Die Aufstellung der bewaffneten Kräfte im öffentlichen Raum hatte eine Doppelfunktion in der Geschichte der Stadt. Zum einen diente es dazu den Bürgern anzuzeigen, dass für ihre Verteidigung gesorgt wurde, zum anderen war der Platz gleichzeitig dafür da, den Bürgern anzuzeigen, das die bestehenden Machtverhältnisse besser nicht herausgefordert werden sollten. Diese Funktionen wurden gern auf den Plätzen vor den Palästen des Monarchen aufgeführt. So konnte später extra umgebaute Paradeplätze gigantische Dimensionen erhalten. (Beispiel St.Petersburgs Winterpalais und Generalstabsgebäude) oder gleich ganz vor die Tore der Stadt verlegt werden, wo für Manöverplätze genügend Raum vorhanden war. Diese Form der Plätze haben in Europa nur in abgewandelter Form überlebt, denn das Militär ist fast unsichtbar in den Städten geworden. Lediglich im Namen, wird an die militärische Nutzung der Vergangenheit erinnert, oder in Wien auf dem Heldenplatz, dessen Fläche früher tatsächlich als Paradeplatz genutzt wurde.

Der Platz der Spiele.
Wo heute Veranstaltungshallen oder Multifunktionsarenen in den Städten gebaut werden, um Spiele und Unterhaltung aller Art den Bürgern zu präsentieren, wurden diese früher im öffentlichen Raum ausgetragen. Dabei waren diese Spiele ritualisierte Ereignisse gewesen, die auch als Ventile für politische Unzufriedenheit genutzt werden konnten. Gab es keine geeigneten Orte, um diese Spiele auszuführen, konnten städtische Plätze dafür benutzt werden. Das Amphitheater ist der erste Bau der Menschheitsgeschichte, der den Spielen ein eigenes Bauwerk gab. Wiederum die bereits vorher öfter erwähnte Plaza Mayor in Madrid ist ein schönes Beispiel, wie Spiele im öffentlichen Raum ausgetragen werden konnten. Auf diesem Platz (wie auf vielen anderen Plaza Mayores in Spanien) konnte man Stierkämpfe erleben. Diese waren anfangs ein eher aristokratisches Vergnügen und wurden vor den Toren der Stadt abgehalten. Später wurden die Regeln und die Räumlichkeiten verfeinert und der Stierkampf innerhalb eines fest umrissenen Geländes auch in der Stadt ausgetragen, wobei dafür Straßen und Plätze extra abgesperrt wurden, so wie es auch heute noch zu sehen ist, am berühmtesten sicherlich bei San Fermin in Pamplona. Im 17. Jahrhundert wurden Plätze dann bereits unter der Idee angelegt, sie könnten auch für Stierkämpfe nutzbar sein. Juan Gomes de Mora jedenfalls konstruierte mit dem Plaza Mayor in Madrid ein Rechteck von 151m mal 117m in die Mitte der eher verwinkelten spanischen Hauptstadt. Darum wurden Häuser mit der einheitlichen Höhe von vier Etagen gebaut, die mit Arkaden für Läden und mit Balkonen gesäumt waren, damit auch von gehobener Perspektive auf den Platz und sein geschehen geschaut werden konnte. So wird davon ausgegangen, dass bis zu 50.000 Zuschauer hier Platz fanden (was zur damaligen Zeit rund die Hälfte der Einwohner der Stadt waren). Mit dem Ende des aristokratischen Interesses am Stierkampf und der Verbreitung als Volkssport und Vergnügen wurden später Arenen erbaut, um Einzelkämpfe durchzuführen, die dann vom interessierten Publikum mit einem Eintrittsgeld bezahlt wurden. 1745 entstand so die erste Stierkampfarena in Madrid.
Verkehrsplätze. Seit ihrer Entstehung führen Plätze Verkehr aller Art zusammen und verteilen ihn wieder auseinander. Natürlich ist der Durchfluss des Verkehrs konträr zu anderen Platzfunktionen, wie beispielsweise dem Aspekt der Bürgerversammlung, welche ungestört beraten möchte. Schon deshalb war das römische Forum für den Verkehr gesperrt und wurde direkt neben der Kreuzung der beiden Hauptstraßen angelegt, welche sich in römischen Städten in der Stadtmitte begegneten. Auch im Mittelalter finden sich immer wieder Plätze, die nicht für den Verkehr freigegeben waren, so auch in der Renaissance, wo Plätze mit Ketten abgesperrt werden konnten. Der englische square wurde im Regelfall nie für den Verkehr geöffnet und schuf eine kleine Parkanlage Mitten in der Stadt. So war schon dem vorher bereits erwähnten Alberti die Problematik zwischen Verkehrsaufteilung und sozialen Versammlungsort bewusst, denn der Verkehr musste fließen können, gleichfalls durfte er jedoch nicht den sozialen Aspekt an den Rand drängen. Mit dem Aufkommen des Massenverkehrs erlangen die Verkehrsplätze eine vollkommen neue Bedeutung und sind zu Orten des Transits und zu Kreuzungen geworden. Sie werden dann bestenfalls zu quirligen Plätzen, auf welchen sich Autos, der Nahverkehr und eilig herumlaufende Passanten auf Straßenhändler oder sich zufällig treffende Bekannte treffen.
Wohnplatz. Im Mittelalter wohnten Handwerker über ihren Läden, diese wiederum sollten möglichst in der Stadtmitte zu finden sein, am besten in der Nähe des Marktplatzes, daher war die Gestaltung um einige Plätze auch eine Frage, wie man die Wohnungen herum anordnet. Wohnplätze entstanden wenn einheitliche (und exklusive) Wohnungen in einheitlicher Planung, um einen Platz herum angelegt wurden. Solche Wohnplätze konnten durchaus für die Öffentlichkeit beschränkt zugänglich sein. Es war auch möglich, dass sie von Adligen finanziert wurden und dann beispielsweise mit einem Denkmal zur Verherrlichung des Aristokraten ausgestaltet wurden.

Der öffentliche Raum heute – zwischen Designerplätzen, Verkehrsinseln und Malls

Die Funktionalität von öffentlichen Plätzen hat sich in den letzten Jahrhunderten stark gewandelt, insbesondere seit dem Aufkommen der Moderne, als nicht nur die Städte ganz neue Dimensionen annahmen, sondern auch das soziale Leben in der Stadt sich radikal veränderte. Das gesellschaftliche Leben ist teilweise von den Plätzen abgewandert. Waren es erst Massenkommunikationsmittel wie Zeitungen, Radio und Fernsehen, welche Neuigkeiten und Nachrichten und ebenso deren Interpretation direkt in die heimische Wohnung lieferten und damit nicht mehr den Austausch von Neuigkeiten im öffentlichen Raum befeuerten, so ist es heute das Internet im Handy, dass überall und zu jederzeit dem Impuls der Welt weiterreicht. Damit einher geht eine schleichende, aber heute deutlich zu Tage tretende Veränderung des Platzes ein her. Das ästhetische Erlebnis eines Platzes ist wichtiger geworden als die gesellschaftlichen Erfahrungen, die man auf ihm aufnimmt. „Designerplätze“, wie Kostof sie nennt, entstehen und verlangen danach, dass Plätze um ihrer selbst willen genossen werden, als wären sie kleine Erlebnisparks. Es entstehen neuartige Plätze, die in ihrer Bauform ihre eigene Legitimation angeben, z.B. als statusgeladene Kunstlandschaft, wie am Platz im Rockefeller Center, in New York City. Gerade die Architektur der Hochhäuser hat den Platz und seine Funktion verändert. Plätze wurden an die Wolkenkratzer gesetzt, um Bauvorschriften zu umgehen (so wie am Seagram Building in New York City). Sie wurden aber auch zu einer Art von Podium für das Hochhaus, damit dies dann entsprechend wirken kann. Ihre Ausgestaltung ist dabei aber eher bescheiden und ihr Wert zum Verweilen überschaubar. Eine andere Entwicklung der Moderne ist, dass menschliche Rituale aus öffentlichen Plätzen entfernt und in privatisierte öffentliche Plätze verlagert werden, so wie es beim Marktplatz geschehen ist, der nun im Einkaufszentrum (vorher im beginnenden 20. Jahrhundert in der Markthalle) liegt. Die Shopping Malls in unseren Städten sind teilweise riesige öffentliche Plätze mit Überdachung, die aber unter der Kontrolle eines Besitzer stehen und deshalb eigentlich nur teil-öffentliche Plätze sind. So bleibt für die heutige Zeit festzuhalten; wenn Plätze unsere gemeinsame Geschichte repräsentieren, wenn sie uns ein Gefühl gemeinsamen Schicksals erlauben, dann ist zu fragen, was im individualisierten Einkauf in der Mall davon noch übrig ist. Ein schönes Beispiel für diese Individualisierung bietet Woody Allen Film „Scenes From a Mall (Deutsch: „Ein ganz normaler Hochzeitstag“), der komplett in einem Einkaufszentrum spielt, dass überall auf der Welt stehen könnte. Heute, nochmal ein Vierteljahrhundert nach der Veröffentlichung dieses Films wandelt sich die Form des Lebens in der Öffentlichkeit scheinbar immer rasanter. Plätze, werden zu Lokationen, um sich mit einem Selfie für die digitale Ewigkeit festzuhalten, sie dienen als Marker, individueller Ereignisse, die von einer Öffentlichkeit im digitalen Raum kommentiert werden können. Wie häufig findet man in den sozialen Netzwerken Bilder von lächelnden Gesichtern auf den Plätzen dieser Welt, verbunden mit dem Namen der Stadt und einem Hashtag, der Platz wird dabei aber nur noch zur Kulisse der eigenen Selbstdarstellung, die wiederum den eigentlich Platz überschreitet und in die digitalen Weiten hinaus eilt. Der Platz hat hierbei kein Leben mehr, sondern ist die Kulisse der eigenen Selbstdarstellung. Trotzdem sind auch heute noch städtische Plätze wichtige soziale Funktionsträger in den Städten, immer noch werden Märkte (wenn auch keine mehr für Lebens-notwendige-Mittel) auf ihnen abgehalten, werden Demonstrationen und Feste auf ihnen aufgeführt oder neuste Bewegungsformen von Jugendgruppen ausprobiert. Und so sind auch heute noch Plätze, Orte wo städtisches Leben ausgetragen wird und was kann es angenehmeres geben als in einem Cafe zu sitzen, auf einen vorliegenden Platz zu schauen und das das urbane Leben zu genießen, dass sich wie auf einer Bühne vor einen ausbreitet.

Literatur:
Dieser Artikel ist sehr stark beeinflusst von Spiro Kostofs Buch „Die Anatomie der Städte“ (Campus; 1991)

Avila

58.083 Einwohner | 231km² | 250 Einwohner pro km² | Hauptstadt der gleichnamigen Provinz | seit 1985 UNESCO Weltkulturerbe | 110km NO von Madrid

 

Neben Toledo und Segovia gehört Avila zu den drei historischen Städten in der Umgebung von Madrid. Wie Segovia ist es durch die Berge von der rund 110km südöstlich liegenden spanischen Hauptstadt getrennt. Wenn man von Madrid kommend das iberische Scheidegebirge überschreitet, das Kastilien in zwei Teile trennt, gelangt man in die Weiten der nördlichen Meseta: Noch ganz an dessen Rand, auf über 1100m Höhe (und damit die höchstgelegene Provinzhauptstadt Spaniens), liegt Avila, in den eher unbesiedelten Weiten am Rande der Sierra.

Avila ist eine der ältesten Städte Kastiliens, aber wirklich bekannt ist die Stadt heute, weil sie sich ein historisches Erbe erhalten hat, die in fast keiner anderen europäischen Stadt mehr so zu finden ist. Avila hat noch eine durchgehende, die Altstadt umschließende Stadtmauer, die sich mit 88 Türmen auf rund 2500m Länge zieht. Sie entstand vom 11. bis ins 14. Jahrhundert und ist der wichtigste Grund, warum Avila schon 1985 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.
Tatsächlich reicht die Geschichte der Stadt weit zurück. Das iberische Volk der Vettonen soll die Stadt gegründet haben, später eroberten die Römer den Ort, den sie Abila nannten. Zur damaligen Zeit scheint Avila auch den typisch römischen Grundriss gehabt zu haben, mit zwei sich rechtwinklig kreuzenden Hauptstraßen und einem Forum. Wie überall sonst auf der iberischen Halbinsel beendeten die Westgoten die römische Vorherrschaft und wurden dann von den Mauren vertrieben. Diese mussten im 11. Jahrhundert den christlichen Heeren die Stadt überlassen. Doch wie auch Toledo, lag Avila in jenen Jahren im Grenzgebiet zwischen Christentum und Islam, was dazu führte, dass die Stadt keine wirkliche wirtschaftliche Blüte erlebte. Ihre Randlage im Reich der Krone Kastiliens führte auch dazu, dass erstes eine Befestigungsanlage ab 1090 erbaut wurde. Die Bauarbeiten zogen sich bis in das 14. Jahrhundert hinein. Interessanterweise wurden die Anlagen dann aber nicht substantiell erweitert, so dass einige bedeutende Bauwerke, wie die Basílica de San Vicente schon zu ihrem Baustart außerhalb der umschlossenen Stadt lagen. Avila entwickelte sich im späten Mittelalter zu einer Stadt der Ritterschaft, die hier Häuser und Paläste bauen ließ. Mit der Vereinigung Spaniens unter den katholischen Königen gelang Avila der Aufstieg zu einer wichtigen Stadt im neu entstehenden Weltreich. Diese Bedeutung für die spanische Krone, die sich auch in wirtschaftlicher Prosperität niederschlug versiegte im 17. Jahrhundert. Erst die Eisenbahn brachte wieder etwas mehr Leben zurück nach Avila, da eine wichtige Verbindung von Madrid in den Norden Spaniens durch die Stadt führte. Im spanischen Bürgerkrieg wurde Avila schnell von franquistischen Truppen eingenommen und nach dem Ende des Krieges und in den Jahren der Diktatur Francos wuchs das Provinzstädtchen, wenngleich nicht außerordentlich schnell. Trotzdem scheint die zeit in Avila noch stehen geblieben zu sein, waren doch hier noch bis vor wenigen Jahren Plätze nach dem alten Regime benannt oder Büsten von Franco auf den Straßen zu sehen. Das ist umso erstaunlicher als der erste frei gewählte Präsident Spaniens, Adolfo Suárez doch in der Stadt aufwuchs.
Heute ist Avila ein Magnet für Besucher, welche neben der etwas rauen Landschaft des bergigen Kastiliens hier eine ziemlich gut erhaltene mittelalterliche Stadt vorfinden können. Gleichfalls strömen katholische Pilger gern in die Stadt, hat doch die Heilige Teresa von Avila hier gewirkt.

urban facts Vigo

Allgemeine Daten:

Einwohner (Ballungsraum) 292.817 (480.917)
Einwohnerentwicklung 2013-2016: -1,2%
Fläche 109 km²
Bevölkerungsdichte 2717 Einw./km
Geographische Höhe 28m üNN
Niederschlagsmenge /Regentage / Sonnenstunden pro Jahr 1791mm / 129 / 2269
Fluss Ría de Vigo

 

Infrastruktur:

Bürgermeister Abel Cavallero Álvarez (PSOE)
Verwaltungstechnische Bedeutung Kreisstadt
Flughafen Aeropuerto de Vigo (VGO; eröffnet 1929;  0,95 Mio. PAX 2016; 1 Landebahnen; 9km O der Innenstadt)
ÖPNV 35 Buslinien
Entfernung nach… Santiago de Compostela 90km (Auto: 1h, Bahn: 50min)
Madrid 600km (Auto: 5h 20min; Bahn: 6h 5min)
Bilbao 670km (Auto: 5h 50min)
Porto 150km (Auto: 1h 25min; Bahn: 4h 20min)nächster Ort über 500.000: Porto 150km
nächster Ort über 1000.000: Madrid 600km

 

Kultur / Geschichte:

Universität Universidade de Vigo (UVIGO; gegründet 1990; 21.600 Studenten, 2 Universitätsgelände in Vigo, so wie je ein Campus in Pontevedra und Ourense)
Anzahl Museen 18 (laut wikipedia.es)
Sportvereine der Stadt Celta de Vigo (Fußball; gegründet: 1923; 4x Finalist des span. Pokals; 1x HF EuropaLeague;  Ø-Zuschauer 2015/16: 18.205 @ Balaídos (29.500)
Erste urkundliche Erwähnung 1024
Großstadt seit 1943
Das entscheidende Jahr 1833: wird Pontevedra zur Provinzhauptstadt und nicht Vigo
Meisten Einwohner im Jahr heute
Arbeitslosenquote: 16,7% (12.2016)

 

 

Vigo

urban facts Vigo | Islas Cies

In der Liste der schönsten Regionen Spaniens, wird Galizien immer eine Spitzenposition einnehmen. Hier im Nordosten der iberischen Halbinsel formen Flüsse beachtliche Täler, die sich ins Meer ergießen. Hier ist alles grün, weil der Atlantik Regen und teilweise trübes Wetter mitbringt und es gibt noch einsame und wunderschöne Strände. Was es aber auch gibt, wenn auch nur einmal, ist eine Industriestadt, die sich in der wunderschönen Landschaft eingebettet hat und deren Attraktion trotzdem ein wunderschöner Strand ist. Dieser liegt auf den der Stadt etwas vorgelagerten Inseln Cies, die als großer Anziehungspunkt für Besucher gelten. So kann man in jedem Hotel in Vigo problemlos gleich auch eine Fährfahrt auf die Islas Cies mit buchen, was dann auch die Meisten, die nicht für Arbeitszwecke in der Stadt sind gleich tun.

Vigo ist die größte Stadt in Galizien. Sie ist eine wichtige spanische Hafenstadt am Atlantik (wie jeder Fan des Filmes „das Boot“ weiß; ich bin mir nicht sicher, ob ich erstmals da von Vigo hörte, oder eher durch den Fußballklub Celta de Vigo) und sie ist eine nicht unbedeutende Universitätsstadt. Allerdings hat Vigo keine administrative Bedeutung, denn sie ist weder Hauptstadt Galiziens (das ist das nur ein Drittel so große Santiago de Compostela) und noch nicht mal Provinzhauptstadt (das ist Pontevedra, das ungefähr so viele Einwohner hat, wie Santiago de Compostela).

Trotzdem hat Vigo eine interessante Geschichte. Ausgrabungen zeigen das es schon recht früh ein „Castro“, also eine befestigte Wohnsiedlung auf einem Berg, in der Nähe des Fjordes des Rìa de Vigo gab. Die in der Stadt verehrten Kelten (die beispielsweise Namensgebend für den hiesigen Fußballverein sind) siedelten wohl bereits vor den Römern hier. Der Name Vigo stammt aber wohl von den Letztgenannten bzw. vom latenischen Wort „vicus“, was kleine Siedlung bedeutet. Und so war der Ort über die nächsten Jahrhunderte tatsächlich eher klein und unwichtig. Im 10. Jahrhundert wurde es – wie fast die gesamte spanische Halbinsel von den Mauren eingenommen, 1170 aber von Fernado II., dem ambitionierten Herrscher Leons (das Reich Leon zog sich in jener Zeit über den gesamten Nordostens Spaniens) erobert. Im Mittelalter musste sich Vigo einigen Attacken der Vikinger erwehren und im 14. Jahrhundert erreichte eine Pestepidemie die Stadt und rottete die ohnehin nicht gerade zahlreiche Bevölkerung fast aus. Nach der spanischen Eroberung Amerikas und einigen 1529 vom königlichen Hof erhaltenen Handelsprivilegien blühte Vigo auf, so dass sie auch die Aufmerksamkeit erlangte, wie jene von Sir Francis Drake, in Spanien als britischer Seeräuber gefürchtet, welcher 1589 die Stadt zerstören ließ. Ihm taten es 1619 türkische Seeräuber nach und so beschloss man Stadtmauern zu zum besseren Schutz zu erbauen. Im Laufe des spanischen Erbfolgekrieges kam es 1702 zur Seeschlacht vor Vigo, bei dem britisch-niederländische Schiffe, die Stadt und die sich in ihr befindliche spanische Silberflotte (die von Frankreich unterstützt wurde) angriffen und besiegten. 2800 Menschen starben bei den Gefechten und die Briten erbeuteten einen nicht unerheblichen Teil des Schatzes. Wie viel Silber wirklich in jenen Tagen in Vigo lagerte ist bis heute Teil von Spekulationen, denn ein nicht genau zu schätzender Teil soll, wie zahlreiche der beteiligten Schiffe, untergegangen sein. Als die Truppen Napoleons 1808 Spanien besetzten, war es Vigo, die sich als erste Stadt in Galizien von der fremden Herrschaft befreien konnte. Noch heute wird dem 28.März 1809 als Reconquista gedacht (in diesem Fall aber eben nicht als Reconquista von den Mauren, sondern als Rückeroberung von den Franzosen). Trotz seines Hafens war Vigo eine sehr übersichtliche Stadt und so wurde 1833 Pontevedra zur Provinzhauptstadt erhoben und Vigo ignoriert. In jenen Jahren hatte Vigo auch nur knapp über 5000 Einwohner. Doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts und besonders im 20. Jahrhundert erfolgte ein rascher demographischer Anstieg, bei dem die Stadt 1920 schon über 50.000 Einwohner hatte und in den nächsten 25 Jahren diese Zahl nochmals verdoppelte. Dieser rasche Anstieg, der stark mit der Industrialisierung der Gegend verbunden ist, führte auch zu einem eher planlosen Auswachsen der Stadt an den Hügeln der Bucht des Ría de Vigo.

Mit heute fast 300.000 Einwohnern ist Vigo die 14. größte Stadt Spaniens. Sie ist immer noch dem Meer verbunden, so sitzt hier die Europäische Fischereiaufsicht. Vigo hat keine spektakuläre Architektur zu bieten, oder übermäßig viel pittoreske Viertel, aber in ihr weht ein besonderer Charme, wenn die Möwen kreischen, das Wetter sich wiedermal wendet, die Fischerboote herausfahren oder am Hafen größere Schiffe entladen werden. Vigo ist rau, vielleicht eine Brise Melancholisch, eine Arbeiterstadt und das Tor zu den wunderschönen Landschaften Galiziens.     

Illas Cies

Illas Cies (auf spanisch: Islas Cies): Monteaugudo, Do Faro, San Martiňo | gesamte Landfläche: 4,55km² | unbewohnt | höchster Punkt: 197m

Wenn es Touristen in die galizische Hafenstadt Vigo zieht, dann zumeist wegen dreier Inseln, die zwar noch zur Stadt gehören, aber schon außerhalb der Bucht des Ría de Vigo im offenen Meer liegen, den Illas Cies (den Cies Inseln). Das Archipel, dass seit 2002 zum Nationalpark Atlantische Inseln in Galizien gehört, besticht durch seine traumhafte Schönheit, gepaart mit wundervollen Stränden. So bewertete die renommierte britische Tageszeitung „The Guardian“ die Praia do Rodas, zum schönsten Strand der Welt. Das die drei Inseln unbewohnt sind, kann man als Besucher im Sommer kaum vermuten, denn in dichtem Takt schippern die Fähren aus Vigo zur Nordinsel Monteaugudo heraus und bringen ganze Besucherströme herbei. Diese verteilen sich auf neun Strände, wobei Rodas nicht nur als der Schönste gilt, sondern mit 1200m auch der Längste ist. Außerdem verbindet der Strand durch eine Sandablagerung (Tombolo genannt) die Nordinsel Monteaugudo mit der Leuchtturminsel (Do Faro), wobei auch ein Steg zum Islandhopping benutzt werden kann. Bei Flut wird so viel Wasser an diese Landenge gespült, das man auf dem Rodas auf beiden Seiten baden gehen kann, wobei die ständig vorhandene Badeseite in Richtung Festland schaut und dadurch vom hohen Wellengang des Atlantiks verschont bleibt und daher tatsächlich ein fast idealer Badestrand ist. Ein Campingplatz sorgt im Sommer für Übernachtungsgäste, die sich jedoch vorher in Vigo anmelden müssen. Und so bleiben die Islas Cies (wie sie auf Spanisch heißen), trotz einer beachtlichen Anzahl von Tagesgästen, ein sehr lohnenswertes Ziel an der spanischen Atlantikküste.

Formentera

Größe: 82km² | Länge: 19km | Küstenlinie: 69km | Einwohner: 12.124 (2016) | Hauptort: San Francesc de Formentera (1.091 Einwohner) | gehört zu den Balearischen Inseln | höchster Punkt: 192m üNN auf der Hochfläche La Mola | Klima: Regenmenge: 417mm; Regentage: 109; Sonnenstunden: 2738

Nur etwa zwei Stunden Fährfahrt vom valencianischen Denia aus, liegt die Insel Formentera. Sie ist das zweitkleinste bewohnte Eiland der Balearen Inselgruppe im Mittelmeer, deren berühmteste Insel sicherlich Mallorca ist. Gemeinsam mit Ibiza, das nur wenige Kilometer nördlich der Nordspitze Formenteras liegt bilden die beiden Inseln die Gruppe der Pityusen, die den westlichen (und auch den südlichen) Abschluss der Balearen ausmachen.

Formentera ist anders als das viel berühmtere Mallorca, Ibiza oder Menorca zwar vom Tourismus geprägt, hat aber keinen Charme des Massentourismus, sondern ganz im Gegenteil, bietet eher ein exklusives Vergnügen. Ohne eigenen Flughafen, müssen Reisende eine kurze Fährfahrt von Ibiza (oder eine längere von Denia auf dem Festland) auf sich nehmen und erstaunlicherweise machen dies am meisten Italiener, die hier auffällig viele Gäste stellen.
Auf Formentera verweilt man dann auch meistens zum Baden und Entspannen. Eine spezielle Algenart, die allerdings in ihrem Bestand abnimmt, sorgt dafür, dass das Mittelmeer hier glasklar ist. Dabei ist Formentera so beliebt, dass die Insel im Juli und August fast zu 100% ausgebucht ist und es erheblich Mühe kostet in dieser Zeit eine Unterkunft zu bekommen. Glücklicherweise hat man auf der kleinen Insel daher nicht den Rückschluss gezogen, endlos große Hotel und Appartmenthochhäuser bauen zu müssen.

Bewohnt ist Formentera schon seit ungefähr 4000 Jahren, so zeigen es die ältesten Funde in der Höhle Cova des Fum. Interessanterweise wurde in phönizischer Zeit die Insel nicht erobert, obwohl das naheliegende Ibiza ein wichtiger Ort im westlichen Mittelmeer in jenen Tagen war. Erst die Römer führten dann zu einer nennenswerten Besiedlung der Insel. Sie nannten das Eiland „Frumentaria“, Weizeninsel, was die Quelle des heutigen Namens ist und auch auf die Nutzung der Insel Rückschlüsse zulässt. Nach der römischen Epoche wechselten sich die Machthaber hier in schneller Folge ab, erst die Vandalen, dann das byzantinische Reich, später plündernde Wikinger und schließlich die Mauren. 1235 eroberte der Katalane Jaume I. die Pityusen. Damit verbunden ist die Herausbildung einer katalanischen-balearischen Identität, denn noch heute spricht man hier, wie auf den ganzen Balearen eine Form des Katalanischen. Die wirtschaftliche Bedeutung ging jedoch immer weiter zurück bis im 16. Jahrhundert die Besiedlung vollkommen aufgegeben wurde. Erst 200 Jahre später kamen neue Bewohner auf Formentera. Ein weiteres wichtiges Datum stammt aus unser heutigen Zeit. 2007 nämlich trat erstmals ein Inselrat zusammen, der eigene Entscheidungen treffen konnte und so der Insel erstmals eine gewisse administrative Unabhängigkeit gab.
Das heutige Aussehen der Insel ist natürlich dem Tourismus geprägt, der aber wie schon erwähnt, hier nicht in seiner radikalen Form der Massenunterkünfte daherkommt. In den 1960er Jahren entdeckten Hippies die Insel und bis in die 1970er Jahre war Formentera in gewisserweise eine alternative Hippie-Insel. So sollen auch berühmte Musiker hier zeitweise gelebt haben. Von Bob Dylan sagt man, dass er gar ein halbes Jahr zurückgezogen in einer Mühle lebte. Chris Rea drehte auf Formentera das Video zu seinem seinen bekannten Song „On the Beach“. Immer wieder wurde die Insel als Kulisse verwendet, so wie später auch in Julio Medems Film „Lucia y el sexo“.
Seitdem Touristen die Insel entdeckt haben, stieg die Einwohnerzahl Formenteras fast explosionsartig an, wenn man zusätzlich bedenkt bedenkt, dass das Eiland ohne Tourismus von 1930 bis 1970 eine leicht rückläufige Zahl an Bewohnern hatte. Waren es anfangs Festlandspanier, die hier Arbeit fanden, so sind es in den letzten beiden Jahrzehnten Ausländer, zumeist aus der Europäischen Union, die sich auf der Insel niederlassen. Lag der Ausländeranteil 1991 noch bei 5,3% ist er 2008 schon auf 30,8% gestiegen.
Formenteras eher kleine Fläche lässt die Insel bequem auch mit Motorrollern oder Fahrrädern erkunden, wozu man überblickartig nicht mal einen ganzen Tag benötigt. Richtig schön wird es hier aber erst, wenn man sich etwas mehr Zeit nimmt und die kleinen Calas (Buchten) erkundet, welche Formentera zur wohl beeindruckendsten Badeinsel Europas machen.